24.02.2004 · Die Meeresschildkröten im Meeresmuseum in Stralsund hatten zu Jahresbeginn gleich doppeltes Glück, denn sie durften nicht nur in ein größeres Becken umziehen, sondern wurden beim Umzug auch noch gründlich geputzt.
Von Frank Pergande, StralsundKönnen Schildkröten Muskelkater bekommen? Die Frage erhebt sich unter den Besuchern im Stralsunder Meeresmuseum, wenn sie vor dem gewaltigen neuen Becken für die vier Riesenschildkröten des Hauses stehen. Die Tiere schwimmen und schwimmen. Das muß doch Kraft kosten! Seit ihrem Umzug in das neue Becken Ende Januar schwimmen sie. Beinahe pausenlos. So genießen also Meeresschildkröten ihr Leben.
Sie hatten ja auch gleich zu Jahresbeginn doppeltes Glück, denn sie durften nicht nur in ein größeres Becken umziehen, sondern wurden beim Umzug auch noch gründlich geputzt. In ihrem alten und kleineren Becken sah man sie fast nur ruhen und Grünspan ansetzen. Der ältesten Schildkröte - sie schlüpfte vermutlich 1965 - gönnte man solches Ruhen wegen ihres Alters. Vor allem aber auch wegen ihres Gewichts. Die Unechte Karettschildkröte wiegt mehr als hundert Kilogramm. Ihr Rückenpanzer ist etwa 80 Zentimeter lang und 60 Zentimeter breit. Sie hatte ein aufregendes Leben. Erst wenige Wochen alt, kam sie in den Tierpark Berlin. Nach einem Jahr mußte sie in den Leipziger Zoo umziehen. Seit 1985 ist sie im Meeresmuseum. Sie ist aber bei weitem nicht am längsten in den Aquarien. Nur ein paar Meter vom Schildkrötenbecken entfernt schwimmt ein Waxdick, ein Stör, der 41 Jahre alt sein soll. Seit 35 Jahren ist er im Meeresmuseum, länger als jedes Tier und länger als jeder der knapp 70 Mitarbeiter des Hauses.
Seniorin zuerst
Die Schildkrötenseniorin war die erste, die sich Ende Januar zum Umzug in das neue Becken bequemte. Dreizehn mal sechs Meter mißt es. 4,50 Meter hoch steht das Wasser. 350 000 Liter passen in das Becken. Das sind etwa 5000 gefüllte Badewannen. Zehn Tanklastzüge mit Nordseewasser mußten aus Emmelsbüll nach Stralsund rollen. Schon im Dezember des vergangenen Jahres wurde das Wasser in das Becken eingelassen und auf 25 Grad gewärmt. Verarbeitet wurden fünf Tonnen echtes Korallenriffgestein aus Vietnam, 35 Tonnen helles Kalktuffgestein aus Weimar, ein spezieller Zement aus Rüdersdorf und eine besondere Keramik aus Rostock. Die Schildkröten haben zehnmal mehr Platz als im alten Becken.
Nirgendwo in Europa gibt es etwas Vergleichbares. Besucher können die Tiere aus zwei Perspektiven sehen. Die Frontscheibe unten, die einem großen Druck standzuhalten hat, wurde in einem Stück gegossen. Acht mal drei Meter ist sie groß, zwanzig Zentimeter dick und wiegt fast sieben Tonnen. Die Frontscheibe oben besteht aus zwei Teilen, ist kleiner, schmaler und leichter. Ein kleiner Strand ist auch da - für den Fall, daß es Nachwuchs geben sollte, denn Schildkröten müssen ihre Eier vergraben. Die vielen Grünpflanzen ringsum haben Stralsunder gespendet. Ein Gummibaum, der zu Hause längst die Decke erreicht hatte, wirkt in dem gewaltigen Glaskasten unscheinbar klein.
Mit Segeltuch transportiert
Vier Meeresschildkröten leben im Museum. Die älteste reagierte vor den anderen auf die Lockfütterung, kroch aus dem alten Becken, bekam ein Segeltuch unter den Leib und wurde von fünf Männern schwankend zum neuen Quartier getragen. Unterwegs mußte sie sich dem Tierarzt vorstellen. Sie wurde gewogen und untersucht. Der Mediziner kratzte ihren Panzer mit einer Hakennadel aus und ölte ihn ein. Glänzend durfte sie in das neue Becken. Als wollte sie sich bedanken, schwamm sie sofort los - und hört seitdem nicht wieder auf. Es folgten die drei anderen Tiere, zwei Suppenschildkröten, knapp zwanzig Jahre alt, und eine Echte Karettschildkröte, geschlüpft vermutlich 1988.
Auch sie hätten einiges zu erzählen, könnten sie denn reden. Die eine Suppenschildkröte ist seit 1986 in Stralsund. Sie war ein Geschenk des kubanischen Ministeriums für Fischerei. Die zweite Suppenschildkröte kam illegal nach Deutschland, wurde vom Zoll beschlagnahmt und lebte fortan in den Zoos von Köln, Münster und Düsseldorf, bevor sie vor knapp einem Jahr nach Stralsund kam. Auch die Echte Karettschildkröte wurde illegal nach Deutschland gebracht, von einem Lehrling aus einer Zoohandlung zu Hause aufgezogen und schließlich abgegeben, als sie zu groß geworden war. Kleine Schildkröten sind häufig ein Geschenk für Kinder. Beide verlieren das Interesse aneinander, wenn sie größer werden.
Beim Atmen zusehen
Den vier Schildkröten sieht man nicht mehr an, daß sie einmal so groß wie eine Hand waren. Wer von den Besuchern oben steht, kann ihr Luftholen beobachten. Schildkröten atmen wie Vögel und Säugetiere durch Lungen. Zum Ein- und Ausatmen müssen sie an die Oberfläche kommen. Vielleicht schwimmen sie auch so viel herum, weil sie ahnen, daß sie das Becken bald nicht mehr für sich allein haben werden. Für die vier Weibchen soll eine männliche Schildkröte nach Stralsund gebracht werden. Sie könnte aus Polen, aus Gdynia, kommen und soll ebenfalls eine Unechte Karettschildkröte sein. Mit ihr wird es schon etwas enger im Becken, mit dem erhofften Nachwuchs noch mehr. Auch Haie sollen hinzukommen und Korallenfische. Das Wasser ist noch etwas trüb, aber das gibt sich, sagen die Fachleute. 2,6 Millionen Euro hat der gläserne Neubau gekostet.
Meereskunde im Kloster
Das Meeresmuseum wurde 1951 als Naturkundemuseum in der alten Klosteranlage der Dominikaner gegründet. Mitte der sechziger Jahre wurde die meeresbiologische Ausstellung aufgebaut. In den siebziger Jahren wurden mehrere Etagen in das alte Kirchenschiff eingezogen. Im Chor hängt heute das Skelett eines fünfzehn Meter langen Finnwals, der 1825 auf Rügen gestrandet war. Das Skelett allein wiegt 1000 Kilogramm. Etwa 40 Aquarien entstanden. Das Stralsunder Meeresmuseum war das am meisten besuchte Museum in der DDR. Am 14. Juli 1981 kamen an einem Tag 13.079 Besucher, ein unübertroffener Rekord. Dabei gab es damals die Aquarien für die Haie mit 50.000 Litern und für die Schildkröten mit 30.000 Litern noch gar nicht. Sie wurden erst 1984 zur 750-Jahr-Feier der Hansestadt fertig.
Das Deutsche Meeresmuseum hat drei weitere Standorte - das Nautineum auf dem Dänholm, der Insel zwischen Stralsund und Rügen, über die der Rügendamm führt, das Natureum am Leuchtturm Darßer Ort westlich von Stralsund sowie eine Sonderausstellung auf der Hafeninsel, die in einer Traglufthalle untergebrachte Ausstellung "Meereswelten". Letztere soll bis 2008 von einem Neubau, dem Ozeaneum, am gleichen Standort abgelöst werden. Die Gelder sind vom Bund, dem Land und der Stadt bewilligt - insgesamt 50 Millionen Euro. Das Ozeaneum soll den Lebensraum Nordatlantik, Nord- und Ostsee zeigen. Das Meeresmuseum widmet sich hingegen ausschließlich dem Mittelmeer und den Tropen. Das Schildkrötenquartett - sozusagen der Sympathieträger des Tropen-Konzepts - wird das alles aus dem neuen Becken heraus wohl noch miterleben, schwimmend und beneidenswert gleichmütig vergnügt. Warum eigentlich haben die Tiere noch keine Namen?
Frank Pergande Jahrgang 1958, politischer Korrespondent für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Schwerin.
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