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Medizin : Das erste Kind aus dem Reagenzglas

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1979: Louise Joy Brown beim ersten TV-Auftritt Bild: dpa/dpaweb

Der 25. Geburtstag des ersten „Retortenbabys“ Louise Brown bietet Anlaß zum Feiern. Trotz der erreichten Alltäglichkeit der künstlichen Zeugung bleiben ethische Diskussionen bestehen.

          Der 25. Geburtstag ist selten ein großer Anlaß zum Feiern. Für Louise Brown schon. Denn mit ihrem 25. Geburtstag, den die mollige Blondine heute auf einer Party in ihrer Geburtsklinik in Oldham bei Manchester feiert, verbindet sich auch ein Vierteljahrhundert Medizingeschichte. Louise Brown, die mal als Postbotin, mal als Kindergärtnerin arbeitet, wollte immer "ein ganz normales Leben" führen. Im Grunde läuft sogar alles nach Plan: Sie ist verliebt, lebt in einem Häuschen in Bristol, und will ihren Verlobten - einen 33 Jahre alten Sicherheitsmann einer Bank - nächstes Jahr heiraten, Kinder nicht ausgeschlossen. Dann wird die Weltpresse wieder auf der Matte stehen.

          Denn die medizinhistorische Sensation wird sie ihr Leben lang nicht abschütteln können. Sie war das erste Retortenkind der Geschichte. Und sie hat, was 1978 kaum jemand vorhersah, eine reproduktionsmedizinische Lawine hervorgerufen. Künstliche Befruchtungen sind heute Routine. Auf der Welt leben mehr als eine Million Menschen, die im Reagenzglas gezeugt wurden, 100000 allein in Deutschland. Die Zahl der Reproduktionskliniken, Anlaufstellen für Paare mit unerfülltem Kinderwunsch, ist seit der Geburt des ersten Retortenkindes in Deutschland vor 21 Jahren auf mehr als 100 gestiegen. Es ist eine geradezu florierende Medizinbranche. Die moralischen Einwände und der bioethische Schock der Anfangsjahre waren schnell überwunden.

          Neue ethische Debatte

          Und doch ist die In-Vitro-Fertilisation nicht aus den Schlagzeilen. Mehr denn je wird sie wieder zum Gegenstand ethischer Auseinandersetzungen. Denn erstens hat die künstliche Befruchtung technologisch den Weg geebnet für viel weitergehende biomedizinische Experimente; die Embryonenforschung zur Gewinnung von Stammzellen ist eine der jüngsten und umstrittensten. Und zweitens sind die Reagenzglasbefruchtung und daraus abgeleitete Verfahren wie die "Spermienspritze" oder "Intrazytoplasmatische Spermieninjektion" (ICSI) zusehends zur Zielscheibe kritischer Mediziner geworden. Mittlerweile sind viele Retortenkinder so alt und die Zahl künstlich erzeugter Kinder so groß, daß man an Fragen wie die nach Gesundheitsrisiken oder Fehlbildungen heute mit größerer Seriosität herangehen kann.

          Eine zufriedenstellende Antwort freilich bleibt die Wissenschaft vorerst schuldig. Vielmehr wird über die in den verschiedenen Ländern gewonnenen und von der einen oder anderen Seite angezweifelten Erkenntnisse derzeit heftig diskutiert. Retortenmediziner wie Bob Edwards indes, der zusammen mit Patrick Steptoe als Zeugungshelfer oder Schöpfersekundant von Louise Brown in die Annalen einging, arbeiten an weiteren Fortschritten. Vor allem will man künftig die Zahl der Mehrlingsschwangerschaften - jedes vierte Retortenkind ist Zwilling oder Drilling - vermindern und die Erfolgsrate steigern: Denn noch immer endet wie zu Zeiten der jungen Louise Brown lediglich etwa jeder sechste Behandlungsversuch mit der Erfüllung des Kinderwunsches.

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