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Medienkonsum Schlauer schießen

Führen Computerspiele in die „Medienverwahrlosung“ oder trainieren Ego-Shooter gar die Aufmerksamkeit? Kulturkritiker und Hirnforscher streiten, ob neue Medien ihre Nutzer intelligenter oder dumpfer machen. Wahrscheinlich stimmt beides.

© picture-alliance/ dpa/dpaweb Vergrößern „Ohne Bildschirme gäbe es in Amerika jährlich 10.000 Morde weniger”

Steven Johnsons Buch „Everything Bad is Good for You“ beginnt mit einem Gedankenexperiment: Was wäre, wenn nicht die Bücher zuerst da gewesen wären, sondern Videospiele?

Konservative Kulturkritiker, malt der Autor sich aus, würden klagen, Lesen unterfordere die Sinne und treibe in die soziale Isolation. Das traditionelle Computerspiel dagegen öffne eine mehrdimensionale Welt und fördere soziale Beziehungen. Lesen sei eine lineare, fremdbestimmte Angelegenheit, die keine interaktiven Einflussmöglichkeiten biete. Wer zuviel lese, der lerne nicht mehr, sein Geschick selbst in die Hand zu nehmen.

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Computerspiele als „kognitives Trainingsprogramm“

Die Idee ist hübsch, und Johnson legt auf diese Weise die Argumentationsstruktur der Kritiker neuer Medien offen: Problematische Aspekte werden selektiv verstärkt, und eine düstere Zukunftsprognose sagt der jungen Generation den nicht aufzuhaltenden intellektuellen und moralischen Verfall voraus.

Aus Überzeugung verteidigt Johnson in seinem Buch Fernsehserien und Computerspiele: Diese seien in den vergangenen Jahrzehnten immer anspruchsvoller und komplexer geworden, man könne sie durchaus als „kognitives Trainingsprogramm“, als „Lektionen fürs Leben“ begreifen. Die als Verdummungsmaschine verschrieene Popkultur mache uns in Wirklichkeit schlauer.

„Wie moderne Medien uns klüger machen“

In Amerika wurde das Buch ein Bestseller. Unter dem Titel „Neue Intelligenz - Warum wir durch Computerspiele und TV klüger werden“ ist es vor kurzem auf Deutsch erschienen (Kiwi, 8,95 Euro). Johnson ist der prominenteste Vertreter einer wachsenden Gemeinde von Medienkritikern, die es wagen, sich der verbreiteten Meinung entgegenzustellen, der Konsum neuer Medien mache zwangsläufig doof, gemein und gefährlich.

Ins gleiche Horn stößt der deutsche Journalist David Pfeifer in seinem Buch „Klick - Wie moderne Medien uns klüger machen“ (Campus, 17,90 Euro): „Wir alle sind in den letzten fünfzig Jahren nicht dümmer geworden durch das Fernsehen, Computer, Handys, Internet und Videospiele, durch die steigende Menge an Medien, die uns zur Verfügung steht“, heißt es dort.

Das Buch „lohnt den Verriss nicht“

Zu sagen, dass Manfred Spitzer solche Thesen nicht gern hört, ist untertrieben: „Das ist der größte Blödsinn“, entrüstet sich der Ulmer Hirnforscher zu den Thesen Johnsons und Pfeifers. Spitzer hat vor zwei Jahren das Buch „Vorsicht Bildschirm“ vorgelegt. „Wären Bildschirme nie erfunden worden, dann gäbe es allein in Amerika jährlich 10.000 Morde und 70.000 Vergewaltigungen weniger sowie 700.000 weniger Gewaltdelikte gegen Personen“, lautet darin eine seiner kühneren Thesen.

Spitzer befürwortet ein Verbot von Killerspielen und fordert die Einführung einer Steuer auf Gewaltdarstellungen. Versuche, Kinder zu „Medienkompetenz“ zu erziehen, hält er für Unfug: „Das Einzige, was hilft, ist, die Dosis zu reduzieren.“

Das Buch von David Pfeifer habe man ihm zur Rezension geschickt, sagt Spitzer, aber er werde es nicht besprechen: „Es lohnt den Verriss nicht. Er zitiert nicht, nennt keine Quellen und erzählt bloß, wie toll die Jungs sind, die einen Videorekorder bedienen können, ohne genau zu wissen, was sie da eigentlich tun“, schimpft der Professor über den Journalisten.

Der „Flynn-Effekt“

Spitzers Zorn ist etwas ungerecht, denn Pfeifer erhebt nicht den Anspruch, ein wissenschaftliches Werk abzuliefern. Zwar hat er einen Hang zu ausführlichem autobiographischen Geplauder, aber er bemüht sich, seine Thesen mit Fakten zu stützen.

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