07.11.2002 · Der Herausgeber des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, Rudolf Augstein, ist tot. Er starb im Alter von 79 Jahren in Hamburg.
Rudolf Augstein ist tot. Der Gründer und Herausgeber des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ erlag nur zwei Tage nach seinem 79. Geburtstag am Donnerstagmorgen in Hamburg einer Lungenentzündung. Wegen seines schlechten Zustandes habe er bereits seinen Geburtstag nicht mehr feiern können, sagte ein „Spiegel“-Sprecher.
Bundespräsident Johannes Rau würdigte den Verstorbenen als „vielleicht den größten unter den Publizisten der Bundesrepublik“. Der Chefredakteur des Konkurrenzmagazins „Focus“, Helmut Markwort, nannte Augstein die „überragende Figur der deutschen Publizistik nach dem Krieg“.
Augstein hatte das Blatt 1947 gegründet und es jahrelang auch als Chefredakteur geführt. Unter seiner Leitung wurde der „Spiegel“ das wohl wichtigste Enthüllungsblatt nach dem Krieg. Das Nachrichtenmagazin deckte Skandale auf wie die Parteispendenaffäre der 80er Jahre oder den Barschel-Skandal. Zugleich entwickelte es sich zu einem der erfolgreichsten deutschen Magazine.
„Die Woche“ wurde zum „Spiegel“
Augstein wurde am 5. November 1923 in Hannover als Sohn eines Fotokaufmanns geboren. Nach dem Abitur arbeitete er als Zeitungsvolontär beim „Hannoverschen Anzeiger“. Im Zweiten Weltkrieg diente er als Funker und Artillerist an der Ostfront und wurde 1945 verwundet. Eine einmalige Chance fiel ihm nach Kriegsende zu: Er wurde Herausgeber des von den britischen Besatzern gegründeten Nachrichtenmagazins „Die Woche“, das vom 1. Januar 1947 an unter dem Titel „Der Spiegel“ erschien.
Das Magazin erregte 1962 mit der so genannten „Spiegel“-Affäre erstmals weltweites Aufsehen, ausgelöst durch einen Artikel über ein NATO-Manöver. Augstein wurde zusammen mit führenden Mitarbeitern wegen Landesverrats festgenommen und saß 103 Tage in Haft. Am Ende des Skandals stand der Sturz des damaligen Bundesverteidigungsministers Franz Josef Strauß.
Sturmgeschütz der Demokratie
Dennoch war der CSU-Politiker jahrzehntelang Partner bei „Spiegel“-Gesprächen, und Augstein bezeichnete ihn bei einer Rede in München gar als seinen Freund. Später setzte sich der „Spiegel“ unter Augsteins Führung für die Ostpolitik von Willy Brandt ein, vermied aber immer eine eindeutige politische Positionierung. Er verstand sein Blatt als „Sturmgeschütz der Demokratie“.
1972 probte Augstein seinen Ausstieg aus dem Journalismus und zog für die FDP in den Bundestag ein. Doch sein Auftritt als Parlamentarier endete bereits nach 44 Tagen. Der Versuch, im Bundestag eine Rolle zu spielen, sei „dumm“ gewesen, räumt Augstein über 20 Jahre später ein, aber er habe dazu gelernt. Wirtschaftlich war Augstein seit Jahren nur noch Minderheitsgesellschafter beim „Spiegel“-Verlag, zu dem auch das „Manager-Magazin“ und eine Fernseh-Tochter gehören.
Jesus Menschensohn
1973 überließ er den Mitarbeitern 50 Prozent der Anteile. Augstein, der vier Mal verheiratet und Vater von vier Kindern war, beschränkte sich in seiner Arbeit nie auf sein Magazin. Er schrieb ein längst vergessenes Drama, rund 20 Gedichte und zahlreiche Bücher, etwa über „Preußens Friedrich und die Deutschen“ oder „Jesus Menschensohn“.
Bundespräsident Rau sagte, Augstein habe die deutsche Politik mitgestaltet. Seine Lebensleistung habe ihn zu einem Teil deutscher Geschichte gemacht: „Unser Land ist ärmer ohne ihn.“ Augstein sei ein unbeugsamer Demokrat gewesen, der sich kämpferisch in öffentliche Angelegenheiten eingemischt habe. Markwort erklärte, Augstein habe für die Pressefreiheit und das Selbstverständnis der Journalisten im demokratischen Deutschland viel durchgesetzt.