Home
http://www.faz.net/-gum-6k1du
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Max, 17 Jahre, Gelehrtenschule des Johanneums Die Qualität leidet

18.07.2010 ·  Jeder Schüler lernt anders. Aus diesem Grund sollte man früh entscheiden, welche schulische Laufbahn Kinder einschlagen. Denn je homogener die Klasse, desto besser die Lernleistung. Die Qualität wird in der Primarschule leiden.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Längeres gemeinsames Lernen mag Vorteile haben. Aber die Nachteile wiegen schwerer. Ich habe das selbst erlebt. In Physik ist es bis heute so, dass ich im Unterricht oft denke: Das kann ich schon. Das liegt aber nicht an der Schule, sondern an den Mitschülern, die das Niveau enorm runtergezogen haben. Der Unterricht wird immer den Langsamen angepasst. Wenn Atommodelle mit einem Korb voll Äpfel und Birnen verglichen werden müssen, weil manche das sonst selbst in der Oberstufe nicht verstehen - das kann doch nicht sein. Die Verlierer sind die Starken. In den Naturwissenschaften habe ich mich oft ausgebremst gefühlt. In der siebten, achten Klasse war der Unterricht nur noch träge. Ich habe die Lust verloren, und mein Lehrer fand: Ich quatsche zu viel und störe.

Dann hat der Lehrer mir vorgeschlagen, an "Jugend forscht" teilzunehmen. Ich habe einen Wellenenergiegenerator gebaut, das hat tierisch Spaß gemacht. Ich bin immer noch an dem Thema dran. Meine selbstentwickelte Berechnungsformel passt gerade noch auf ein DIN-A4-Blatt - quer. Daran arbeite ich, wenn mir im Unterricht langweilig ist.

Je homogener die Gruppe ist, desto besser lernt man

Um mal den Spieß umzudrehen: In den Sprachen hing ich immer hinterher. Irgendwann hat unsere Griechischlehrerin gesagt, dass es so nicht weitergeht. Sie hat für die guten Schüler einen Abiturienten als "Lehrer" besorgt. Sie selbst hat sich ganz in Ruhe mit dem Rest hingesetzt, sechs Wochen lang. Das hat mir was gebracht. Hinterher hatte ich endlich mal das Gefühl: Jetzt kann ich mehr. Auch die Starken sagten, sie hätten Dinge gelernt, für die im normalen Unterricht nie Zeit war.

Deshalb bin ich für frühere Selektion. Meiner Erfahrung nach lernt man besser, je homogener die Gruppe ist. Ich glaube auch nicht daran, dass Starke die Schwachen mitziehen. Die guten Griechischschüler haben mich nie motiviert. Ich fand das eher deprimierend. Wenn neben dir einer sitzt, der den Text so schnell übersetzt, wie du ihn bei ihm abschreibst - das ist nicht förderlich. Deshalb ärgert es mich, dass ich nicht selbst gegen die Einführung der Primarschule stimmen kann. Aber ich darf noch nicht wählen.

Eine gute Schule muss ihre Schüler fördern

Schon heute tauchen nach vier Jahren Grundschule in derselben Klasse Leistungsunterschiede von bis zu eineinhalb Jahren auf. Die sollen durch längeres gemeinsames Lernen verschwinden? Das soll mir mal einer plausibel erklären. Ich halte sowieso nichts davon, alle Unterschiede zu nivellieren. Diese Gleichmacherei, die Verteufelung von Konkurrenz - ich weiß nicht. Jeder Schüler lernt anders. Wer sich richtig für etwas begeistert, muss spätestens in der fünften Klasse auf ein spezialisiertes Gymnasium gehen dürfen - musisch, sportlich, altsprachlich, was auch immer. Meine Schwester, die nach den Sommerferien aufs Gymnasium kommt, hat zuletzt jeden Tag geklagt: Da hat wieder einer so eine bescheuerte Frage gestellt. Hören die alle gar nicht zu? Sie wird nicht die einzige Schülerin in Hamburg sein, die feststellt: Es geht nicht voran. Die Gefahr ist doch, dass die Leute aufstecken. Wenn man die Schule lange Zeit nur doof und öde findet, leidet die Motivation. Irgendwann brechen auch die Leistungen ein. Eine gute Schule muss ihre Schüler fordern.

Meine Eltern haben beide nur einen Realschulabschluss. Das ist am Johanneum eher selten. Aber Ausgrenzung von Schülern habe ich hier kaum erlebt. Wir sind eine durchmischte Schule. Viele Lehrer sind extrem motiviert. Dieser Lehr-Eifer hat mich so begeistert, dass ich auf diese Schule wollte. Aber durch die Primarschule käme jemand wie ich gar nicht mehr hierher. Von meiner alten Grundschule entscheiden sich jedes Jahr maximal fünf Schüler für ein altsprachliches Profil. Da käme in der fünften Klasse gar kein Lateinkurs zustande. Das heißt aber, dass die Eltern sich schon vor der ersten Klasse für eine spezielle Grundschule entscheiden müssen. Bevor ein Kind überhaupt lesen und schreiben gelernt hat, muss man festlegen: Mein Kind lernt alte Sprachen. Das ist doch absurd.

Ich habe jetzt zwei Schulreformen am eigenen Leib erlebt, G8 und die Profiloberstufe. Nichts, was eingeführt wurde, war ausgegoren. Ständig hat die Behörde nachgebessert. Ich weiß nicht, ob Hamburg sich das erlauben kann, so ein drittes, noch tiefer greifendes Projekt zu starten. Das würde viele Jahre Übergangszeit und Chaos bedeuten. Bisher sind die Hamburger Gymnasien gut. Aber ich befürchte, dass die Qualität leidet. Im Abi ist am Schluss weniger drin. Es ist zwar nicht weniger wert, es steht ja noch Abi drauf. Aber die Schüler hätten weniger gelernt.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen