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25 Jahre Mauerfall : Der letzte Vertraute Erich Honeckers

Aus der Partei ausgeschlossen: Reinhold Andert in seiner Wohnung in den Hochhäusern an der Leipziger Straße in Berlin Bild: Gyarmaty, Jens

Die SED belegte den Liedermacher Reinhold Andert mit Berufsverbot. Nach dem Mauerfall wurde ausgerechnet er zum Vertrauten des Staatsratsvorsitzenden. Aus Mitleid.

          Im Herbst 1989, als für die meisten DDR-Bürger eine neue Zeit begann, tauchte Reinhold Andert noch mal ganz tief in die alte ein. Nicht, dass er das gewollt hätte, es hat sich so ergeben in einer Kaufhalle in der Leipziger Straße in Berlin. Zwischen den Regalen trifft er Sonja und Leo Yanez, die Tochter und den Schwiegersohn der Honeckers. „Sie sahen mitgenommen aus“, erinnert sich Andert. Er selbst dagegen war mit dem Staat in jener Zeit längst fertig. „Ich hatte mich emotional von dieser DDR getrennt“, sagt er. „Deshalb war ich relativ gelassen und unaufgeregt.“

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Andert verfolgte den Aufbruch in seinem Land mit Sympathie, auch auf der legendären Demonstration am 4. November auf dem Alexanderplatz war er dabei. Aber an die Erneuerung des Sozialismus, auf die er lange gehofft hatte, glaubte er nicht mehr. „Das war zu klein gedacht und historisch zu spät.“ Die Wiedervereinigung sah er über kurz oder lang kommen, der Kapitalismus, so viel stand schon mal fest, würde siegen. Nur war es nicht das, was Honeckers Kinder, die ihm jetzt gegenüberstanden, beunruhigte.

          Reinhold Andert kannte die beiden vom Sehen. Sie lebten im selben Wohnblock wie er in Berlin-Mitte, man grüßte sich oder traf sich im Hof, wenn die Kinder miteinander spielten. Jetzt las er täglich Berichte über den angeblichen Reichtum der Honeckers, über Westautos, Yachten, Luxusanwesen. Und er vernahm, wie einstige Mitstreiter und Genossen allein den Staatsratsvorsitzenden und Generalsekretär für das Desaster DDR verantwortlich machten. Die Kinder wurden in Mithaftung genommen, vermeintliche Freunde wandten sich ab, Ärzte weigerten sich, Sonjas kleine Tochter zu behandeln.

          Und auf der Couch saß Margot Honecker

          „Das geht vorbei“, erklärte Andert ihnen. Er hatte das Gefühl, etwas Nettes sagen zu müssen. In unserer Kultur, sagte er, sei es üblich, dass Könige als Alleinschuldige zur Rechenschaft gezogen würden, und Honecker sei nun mal 18 Jahre lang König der DDR gewesen.

          Er versprach, den Kontakt zu seinem Kinderarzt zu vermitteln, und als er dessen Adresse persönlich vorbeibrachte, weil die Familie das Telefon aufgrund der ständigen Journalisten-Anrufe abgestellt hatte, sah er im Wohnzimmer eine Frau hocken. Es war Margot Honecker, die eben noch allmächtige Volksbildungsministerin, die nun auf der Couch Trübsal blies.

          Margot Honecker kannte Reinhold Andert. Er war ein bekannter Liedermacher, Mitglied im Oktoberklub („Sag mir, wo du stehst“), seine erste Platte stand im Lehrplan für Musik. Offenbar wusste sie aber nicht, dass Andert 1980 aus der SED geworfen wurde und fortan auf einer schwarzen Liste stand: Auftrittsverbot in allen Bezirken. Im Dezember 1989 rehabilitierte ihn die Partei „als allerersten“. Als allerersten? „Weil mein Name im Alphabet ganz oben steht“, sagt Andert und lacht krächzend. Ihn konnte schon damals nichts mehr erschüttern. „Ich verspürte keinen Hass, nur eine unglaubliche Enttäuschung über diese Führungsriege.“

          Wohnungslos gegen den Volkszorn

          Zugleich bekam er die prekäre Situation der Familie mit: Erich Honecker lag im Krankenhaus, das Ehepaar war aus der Funktionärssiedlung Wandlitz geflogen, sein Hab und Gut wurde beschlagnahmt. Die Partei, die eigenen Genossen und auch die Leute, die ihnen noch wenige Wochen zuvor, am 40. Jahrestag der Republik, zugejubelt hatten, ließen sie nun fallen. Niemand wollte noch mit ihnen gesehen werden. In eine Zweiraumwohnung im Erdgeschoss in Berlin-Mitte, die der Staat ihnen anbot, konnten sie wegen des Volkszorns nicht ziehen.

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