18.05.2010 · Die Studentengeneration nach der Bologna-Reform hat wenig gemein mit der davor: Die Studenten stehen um sieben Uhr auf, feiern wenig, jobben wenig - und haben trotzdem kaum Zeit für ganze Bücher, sondern nur noch für einzelne Kapitel. Master-Student Jörn Meyn erzählt über den modernen Studentenalltag.
Herr Meyn, Sie machen gerade Ihren Master und gehören damit zu einer neuen Generation von Studenten. Wann stehen Sie morgens so auf?
Sieben Uhr.
Klingt nicht nach Müßiggang. Aber Sie wohnen doch wenigstens ganz klassisch in einer WG?
Sicher. Und abends kochen wir zusammen Nudeln mit Tomatensoße.
Das Studentenleben stand jahrhundertelang für chaotischen Lebenswandel und lockere Sitten, von den ersten Burschenschaften bis zu den Achtundsechzigern. Was hat die Bologna-Reform davon übrig gelassen?
Also, ich saß während meines Bachelors fast nur in der Bibliothek und selten in der Kneipe. Man ist durch das Effizienzdenken schon ziemlich getrieben und wird auf Karrieredenken geeicht.
Was ist aus Humboldts berühmter Formel von der „Einsamkeit und Freiheit“ des Studiums geworden?
Die Eigenverantwortung und die Freiräume der Studenten sind ziemlich begrenzt. Im Bachelor gibt es keinen individuellen Studienverlauf, der Seminarplan ist vorgegeben. Mit dem Bildungsgedanken von Humboldt hat das nichts mehr zu tun.
Hilft das Studium denn noch bei der Charakterbildung?
Es wächst ein neuer Studententyp heran. Das merkt man in jedem Hauptseminar. Die höheren Semester, die noch nach dem alten System ihren Magister machen, kommen meistens gut vorbereitet ins Seminar. Die haben ja auch jede Menge Zeit dafür. Bachelor-Absolventen dagegen bleiben in der Diskussion eher still.
Die Magister- und Diplom-Studenten sind also selbstbewusster?
Ich würde sagen, sie haben mehr freien Geist entwickelt. Ihre Diskussionsbeiträge haben oft mehr Tiefe. Bachelor-Studenten müssen vor allem effizient sein.
Sammelt man Wissen oder Credit-Points?
Man weiß genau, in welchem Zeitraum man welche Leistung erbringen muss. Beim Bachelor in Weimar hatte ich pro Semester vier Module. Ein Modul ist eine Vorlesung mit begleitendem Seminar oder zwei Seminare zum ähnlichen Thema. In jeder Lehrveranstaltung musste ich eine Leistung erbringen: ein Referat halten oder eine Modulprüfung machen.
Wie viel Arbeit ist das?
Pro Semester sechs bis acht Referate und drei bis vier Hausarbeiten. Während des Semesters habe ich aber keine Zeit, die Hausarbeiten vorzubereiten. Das muss ich während der Semesterferien machen, zweieinhalb Wochen habe ich für jede Arbeit. Besonders fundiert fallen die Hausarbeiten dann nicht aus.
Wenn man sich in einem Thema festliest, muss man sich selbst unterbrechen?
Ja. Ich muss die Forschung dann abbrechen, wenn mein Zeitplan das vorgibt, und nicht, wenn mein Wissensdurst gestillt ist. Die Studenten sind heute sicher noch immer begeisterungsfähig, für Professoren, für Theorien. Aber sie werden stark eingeschränkt. Und als Geisteswissenschaftler muss ich, um überhaupt in den Beruf zu kommen, schon im Bachelor andauernd Praktika machen. Das habe ich während der Semesterferien getan. Meine Hausarbeiten müssen zum Teil grässlich gewesen sein.
Wie groß ist die Verlockung, sich die Arbeiten aus dem Internet zusammenzukopieren?
Plagiate gab es schon zu Magister-Zeiten. Klar, das Internet beschleunigt die Recherche. Ich suche dort aber gezielt nach Theorien und lese in der Bibliothek nach. Aber anstelle des ganzen Buches lese ich aus Zeitgründen nur das entsprechende Kapitel. So entgehen mir die Hintergründe, ich weiß nicht, wie die Theorie entstanden ist. Nach dem Semester bleibt dann nicht viel Wissen hängen, weil die großen Zusammenhänge fehlen. Das ist ein Grund für die Diskrepanz zwischen Magister und Master. Die Magister-Leute hatten noch Zeit, monatelang Foucault oder Luhmann zu lesen.
Hat die Umstellung auf Bachelor und Master denn gar nichts Gutes gebracht?
Doch, natürlich. Das alte System hatte ja auch Schwächen. Mit der Freiheit kam nicht jeder klar, viele blieben auf der Strecke. Die Erstsemester, die sich heute schon als Achtzehnjährige immatrikulieren, haben einen noch viel größeren Orientierungsbedarf. Im Bachelor werden sie gezielt zum Lernen geführt. Aber so ein verschultes System bringt keine Wissenschaftler hervor.
Der Typus „Germanist im neunzehnten Semester“ ist vom Aussterben bedroht?
Neunzehn Semester sind heutzutage unrealistisch. Aber das Studium ist nicht unbedingt schneller geworden: sechs Semester Bachelor, vier Semester Master, dazu noch die Praxis- und Auslandssemester. Und durch die Studiengebühren wird es womöglich noch mehr Langzeitstudenten geben als früher. Nur sind das heute keine Gammelstudenten mehr, auch keine bibliophilen Eremiten, die sich in einer Art Vita contemplativa in der Bibliothek verschanzen. Die müssen einfach arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Die Studentenschaft der Nachkriegszeit war extrem politisiert, bis in die achtziger Jahre, als die Nachrüstung sie auf die Barrikaden brachte. Wie ist das heute?
Wenn protestiert wird, dann hauptsächlich gegen Universitätspolitik.
Was würde Ihrer Meinung nach den Unis helfen?
Man kann die Bologna-Reform nicht rückgängig machen. Sie muss verbessert werden. Man kann den Stoff von neun Semestern nicht in sechs packen. Das verursacht Folgeschäden. Hoher Leistungsdruck führt nicht zu besserer Ausbildung. Ich würde den Universitäten empfehlen, ihren Studenten weniger Semesterwochenstunden in den Seminaren zu verordnen und dafür mehr in den Bibliotheken. Beim Master in Berlin hatte ich wesentlich mehr Zeit zum Forschen als während des Bachelors.
Pilgern Studenten heute noch zu bestimmten Professoren, gibt es noch Denkschulen?
Bei den Magister-Studenten schon, da haben sich manche einem bestimmten Lehrstuhl verschrieben. Theoretisch geht das auch heute noch. Aber ich habe im Bachelor-Studium nie eine Vorlesung außerhalb des Stundenplans besucht. Wann auch? Im Master-Studium ist das anders, da muss ich mich sogar in vier fachfremde Vorlesungen setzen. So kann ich zum Beispiel mal eine Koryphäe der Politikwissenschaft hören wie Herfried Münkler.
Befähigt der Bachelor wirklich zum Beruf?
Das geisteswissenschaftliche Studium insgesamt befähigt ja nicht zum Beruf. Aber ein Bachelor hat auch Vorteile, wenn man einen schnellen Hochschulabschluss braucht und mit Anfang zwanzig ins Berufsleben will. Ich wollte mich nicht mit dem Bachelor abspeisen lassen, ich traue dem nicht. Manche Bachelor-Studenten in Berlin geben am Ende eine 25-seitige Arbeit ab. Das kann man kaum Abschlussarbeit nennen.
An der Bologna-Reform wird kritisiert, dass der Wechsel von einer Hochschule zur anderen - anders als geplant - immer noch schwierig ist.
Jede Universität schafft sich eine eigene Ausrichtung, weil sie sich in der verschärften Konkurrenz mit anderen Universitäten profilieren muss. Beim Wechsel müssen die Studenten dann oft viel Stoff nachholen. Ich konnte zum Beispiel während des Bachelors nicht von Weimar nach Berlin wechseln, weil mein Fach dort anders aufgebaut war. So etwas muss leichter gehen, dann ist die Mobilität eine große Chance des Systems.
Gibt es eigentlich noch die klassischen Studentenjobs, Kellnern oder Zeitungaustragen?
Als Bachelor habe ich am Wochenende im Weimarer Schiller-Museum gearbeitet, als Wärter. Dabei habe ich heimlich für die Prüfungen gelernt.
Ein romantischer Ort für einen Kulturwissenschaftler.
Im Moment arbeite ich als Redaktionsassistent bei einem Fernsehsender. Dort betreue ich die Interviewgäste und schaue, dass sie sich beim Warten auf die Sendung wohl fühlen, bringe ihnen zum Beispiel auch Kaffee. Das ist weniger romantisch.
Um sieben Uhr aufstehen, Studium, Arbeit - da trinkt man wahrscheinlich keine Nächte mehr durch, oder?
Doch, natürlich. Wir feiern auch mal, bis es hell wird, und sind dann wegen der Anwesenheitspflicht trotzdem um neun Uhr in der Uni, sine tempore. Abgesehen davon, gab es ja schon immer Wege, in einer Veranstaltung anwesend zu sein, ohne anwesend zu sein.
Ausland, Bachelor, Master
Jörn Meyn, 27 Jahre alt, hat 2003 in Crivitz bei Schwerin Abitur gemacht. Nach einem Auslandssemester in Springfield, Missouri, studierte er Medienkultur an der Bauhaus-Universität Weimar. Nach dem Bachelor wechselte er an die Humboldt-Universität zu Berlin. In diesem Jahr wird er seinen Master im Fach Kulturwissenschaft machen.