16.10.2010 · Als Teenager durfte er selbst keinen Hund haben. Heute ist Martin Rütter die „Super-Nanny“ für die Tiere - und ihre Besitzer. Er gebietet inzwischen über ein kleines Imperium.
Von Stefan NiggemeierDer Taxifahrer fragt, ob die Adresse wirklich stimmt. Nummer 56 ist ein Bordell. Das Haus hat, wie sich herausstellt, noch einen anderen Eingang, aber viel repräsentativer ist der auch nicht. Der Weg zur Zentrale des Hundeprofi-Imperiums im Bonner Stadtteil Beuel führt durch ein heruntergekommenes Treppenhaus und verwinkelte Gänge, vorbei an einem trostlosen Konferenzraum mit orangefarbenen Plastikstühlen.
Martin Rütter sitzt im Werbe-T-Shirt in einem großen unaufgeräumten Raum, an seinem Schreibtisch lehnt ein riesiger Stoffhund, der es geschafft hat, anders als die meisten Fan-Mitbringsel nicht weiterverschenkt zu werden. Sein Büro teilt sich der Chef mit zwei Mitarbeiterinnen. Er hat es nicht so mit Äußerlichkeiten und Statussymbolen. Die Firma wächst so schnell, dass die Räume schon wieder zu klein geworden sind. Aber das Gemeinschaftsleben ist vielleicht auch eine Notwendigkeit bei jemandem, der ununterbrochen Ideen hat - und keine Geduld zu warten, bis jemand, der sich um ihre Verwirklichung kümmert, aus einem anderen Zimmer gekommen ist. „Vorne rechts ist Gas, anders geht das nicht“, sagt er. Vor drei Jahren, mit 37, hatte er einen Herzinfarkt.
Martin Rütter hat es geschafft, eine lukrative Nische zu füllen. Er ist der Hundeversteher und Hundeerklärer der Nation geworden. Auf dem Erfolg seiner Fernsehsendungen, in denen er im Stil der „Super-Nanny“ Hausbesuche macht, hat er ein wachsendes Hundelehr- und Unterhaltungs-Unternehmen aufgebaut. Und er war, darauf legt er Wert, mit seinem „Coaching-Format“ schon vor der „Super-Nanny“ auf Sendung.
Bettina Böttinger hat ihn entdeckt
2003 wurde er von der Fernsehproduzentin Bettina Böttinger für den WDR entdeckt, vor zwei Jahren hat er eine Heimat bei Vox gefunden, wo er jeden Samstagnachmittag in einer Stunde jeweils zwei Fälle löst. Es sind klassische Geschichten: Hilfe, mein Hund versucht, die Wohnung / den Besuch / andere Hunde aufzufressen. Der Ablauf ist immer gleich: vom ersten Treffen Rütters mit dem Problemhund - genauer: den Problembesitzern - über mühsame Trainingsschritte bis zur Verabschiedung nach dem dritten Besuch, wenn Rütter in die Kamera spricht, dass noch viel zu tun sei, aber man doch gewaltige Fortschritte gemacht habe. (In Wahrheit, sagt er, umfassten die Dreharbeiten drei bis sechs Monate und rund zehn Trainingsstunden, was manche rasanten Fortschritte erklärt und andererseits anderen Hunde-Experten angesichts der oft überschaubaren Probleme erstaunlich viel vorkommt.)
„Der Vorteil im Vergleich zur ,Super-Nanny' ist: Wir suchen uns nicht die extremen Fälle aus“, sagt Rütter. „Wir nehmen nicht den besoffenen Alkoholiker, der seinen Hund verprügelt, und gehen nicht zur Messie-Frau, die vierzig Hunde im Wohnzimmer hält. Der Anspruch an die Sendung ist, dass möglichst viele Hundeleute beim Zugucken sagen sollen: Kenn' ich!“ Es gab aber auch schon eine „Hundeprofi“-Sendung, die damit endete, dass die Hundebesitzer sich entschlossen, ihr schwieriges Tier wieder abzugeben, weil die Frau schwanger geworden war. „Wir haben versucht, sie zu überreden, den Hund noch vier Wochen zu behalten, bis wir einen neuen Besitzer gefunden haben“, erzählt Rütter, damit die Geschichte im Fernsehen ein Happy End hat, aber die Frau lehnte ab. Sie ist nach der Ausstrahlung von vermeintlichen Tierschützern terrorisiert worden, „die Leute haben der dicke Haufen vor die Tür gelegt, richtig schlimm“.
Der Kumpel von nebenan
Dass die Sendung mit dem emotionalen Thema und der genretypischen Mischung aus Schadenfreude und Anteilnahme funktioniert, ist kein Wunder. Aber Rütter ist auch ein Glücksfall. Er hat das Talent, außerordentlich normal zu erscheinen, er spricht von sich selbst als „Rampensau“, und dennoch wirkt er nicht wie ein Selbstdarsteller oder ein Fernsehstar, sondern wie der Kumpel von nebenan. Wenn ein Frauchen ihrem an der Leine zerrenden Hund zuruft: „Ich kann nicht fliegen“, sagt er trocken: „Doch, gleich schon.“ Er ist direkt, witzig und unprätentiös und kann nicht nur mit Tieren gut, sondern auch mit Menschen.
Eine Hälfte der durchschnittlich 1,2 Millionen Zuschauer seien Hundehalter, erzählt Rütter, „und die gucken mit dem ganz gezielten Wunsch, etwas zu lernen. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir durch die breite Öffentlichkeit ein Bewusstsein schaffen - sonst könnte man es ja gleich lassen.“ Wenn er das mit der ihm eigenen Art sagt, sehr schnell und so, als hätte er das schon oft gesagt (was vermutlich stimmt), klingt es nicht ganz so pathetisch. Aber es fällt auf, wie sehr Martin Rütter versucht, den Eindruck zu vermeiden, eigentlich gehe es ihm nur um Unterhaltung - als ob das schlimm wäre.
In den ersten zehn Jahren hat er jeweils 300 bis 600 Hunde trainiert, jetzt macht er noch 50, damit er den Kontakt zur Praxis nicht ganz verliert. Er schreibt Kolumnen und Bücher, hat einen Roman über einen Hundeexperten namens „Mattes Reuter“ geschrieben und tourt mit dem Bühnenprogramm „Hund-Deutsch/Deutsch-Hund“, das RTL vor kurzem erfolgreich auf seinem Stand-ùp-Comedy-Platz ausgestrahlt hat. Rütter schildert darin Anekdoten aus seiner Arbeit, Geschichten über unser irrwitziges Verhältnis zu Hunden, die er auch sonst immer wieder erzählt, aber Rütter weiß, wie er sie erzählen muss, dass es erstaunlich unterhaltsame 90 Minuten werden.
Gesegnet mit dem Talent eines Entertainers
Er hat das Programm selbst geschrieben, wobei es „geschrieben“ nicht trifft. Als RTL die Inszenierung der Sendung plante, musste erst ein Praktikant einen Mitschnitt abtippen, denn ein Manuskript gab es nicht. Rütter hatte die Geschichten, geschult durch jahrelange Vortragserfahrung und gesegnet mit dem Talent eines Entertainers, einfach im Kopf.
Mehrmals sei er schon gefragt worden, ob er nicht eine Talkshow moderieren wolle, auch eine Einladung zur Sat.1-Comedyshow „Genial daneben“ habe er ausgeschlagen. „Es soll nicht der Eindruck entstehen: Jetzt driftet der Rütter in Richtung Klamauk ab.“ Nein, sagt er kategorisch, er könne sich nicht vorstellen, etwas zu machen, das nichts mit Hunden zu tun hat. „Ich habe wirklich total Bock auf Fernsehen“, sagt er, seit eineinhalb Jahren hat er auch eine eigene Produktionsfirma. Aber zur Not ginge es ohne. Ohne die Hunde nicht.
Als er 18 war, hatte er schon „locker 200 Hundebücher“ gelesen. Weil er keinen eigenen Hund haben durfte, ist er mit denen der Nachbarn zu Hundeschulen gegangen, wo Mitte der achtziger Jahre noch ein Kasernenton herrschte. Wenn er dann als vorlauter Teenager darauf hinwies, dass die moderne Hundekunde längst ganz andere Erkenntnisse habe, flog er regelmäßig raus.
Endgültig gepackt hat ihn das Thema nach einem Besuch in Australien, wo er das Zusammenleben von Dingos beobachtete. Aus vielen Beobachtungen und Theorien bastelte er sich durch trial and error (“Ich hab viele Hunde verschlissen“) seine eigene Philosophie zusammen, die er „D.O.G.S.“ nannte, „dogs-orientated guiding system“, weil sie sich besonders an den Bedürfnissen des einzelnen Hundes orientieren soll. „Die Leute lernen bei uns, die Kommunikation des Hundes zu verstehen. Sie interpretieren ja die unfassbarsten Dinge in das Verhalten ihrer Hunde hinein - oder unterschätzen umgekehrt die Komplexität der Kommunikation total.“
Nicht jeder ist ein Fan
Bevor ihn das Fernsehen entdeckte, hatte er schon eine relativ große Hundeschule in Erftstadt mit fünf Festangestellten und wollte expandieren - es fehlte aber das Geld. „Dann kam schnell wirtschaftlicher Erfolg durch die Sendung, wir hatten plötzlich drei Monate Wartezeiten und konnten die Preise erhöhen.“ Das Geld steckte er in ein Ausbildungskonzept, und heute gibt es fast 80 Trainer an 40 Schulen unter seiner Lizenz. Wirtschaftlich sei sein Konzept erst in ein paar Jahren attraktiv: „Ich könnte jetzt von den Hundeschulen nicht leben. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir irgendwann in Deutschland 300 Schulen haben werden und ich damit gutes Geld verdiene“ - und das mit einer „guten Sache“, wie er natürlich betont.
Nicht jeder sieht das so. Michael Grewe, Mitbegründer von Canis, einem Zentrum zur Hundetrainerausbildung mit eigener Philosophie, empfindet den Erfolg von Rütter als ein „großes Problem“. Rütter greife in die Trickkiste, um kurzfristige Verhaltensänderungen zu erreichen. Dass sein Programm so erfolgreich ist, sei kein Wunder: Es sei populistisch und unterhaltsam. Rütter fördere aber ein gefährliches Missverständnis, was „Erziehung“ überhaupt bedeute: „Der Hund lernt nicht. Der Mensch hat nur eine Technik gefunden, wie er den Konflikt vermeidet.“ Hunde würden mit Bällchen und anderen Ablenkungen verrückt gemacht, Rütters Methode sei häufig die Basis für spätere Probleme. Eine Chance bestehe allerdings immerhin darin, dass Rütters Erfolg Erziehungsthemen insgesamt stärker in die Öffentlichkeit bringe.
Dass darin ein Bedarf besteht, ist unumstritten. Der Eindruck, dass es mehr Hunde denn je in Deutschland gibt, täuscht zwar. Aber ihre Lebensräume haben sich verschoben, vom Land in die Stadt. „Dadurch sind die Ansprüche an die Hundehalter viel, viel größer geworden“, sagt Rütter, „und deshalb müssten sie auch viel, viel mehr geschult werden.“ 100 000 Trainingseinheiten verkauft sein Unternehmen jährlich. Ein Angebot davon ist gratis, weil es so viele Probleme vermeiden könnte: die Beratung vor der Auswahl eines Hundes. „Wir kommen auf keine zehn Gratis-Stunden im Jahr.“
Kostenlos? Von wegen!
Wolfram Müller (wolframcgn)
- 16.10.2010, 23:28 Uhr