26.05.2008 · Hilfe für die Nasa und Training für eigene Raumflüge: Die Esa in Darmstadt verfolgt die Landung der Raumsonde auf dem Mars. Im Falle eines Absturzes wären die Daten aus Darmstadt wichtig geworden, nun dienen sie ausschließlich dem eigenen Erkenntnisgewinn.
Von Jan Schiefenhövel, DarmstadtDie Antennen des Satelliten sind auf den Mars gerichtet, jetzt können die Männer im Raumfahrt-Kontrollzentrum in Darmstadt nur warten. Während der amerikanische Flugkörper „Phoenix“ auf dem Roten Planeten landet, wird die europäische Sonde „Mars Express“, die um den Planeten kreist, den Flug beobachten und Daten zur Erde funken. Peter Schmitz, der stellvertretende Flugleiter für Mars Express, steht vor dem Kontrollpult, vor jedem der drei Plätze drei Bildschirme. Hier wird Mars Express gesteuert. Die Sonde sendet die Informationen aber mit Zeitverzug, denn sie kann ihre Antennen nur entweder auf Phoenix richten oder zur Erde. Sieben Minuten lang fliegt Phoenix durch die Atmosphäre des Mars, bevor sie auf dem Planeten aufsetzt. Dabei muss die europäische Sonde sich in der Umlaufbahn drehen, um mit ihren Antennen das Landefahrzeug zu verfolgen und seine Signale zu speichern. Nach der Landung muss Mars Express sich wieder drehen und seine Parabolschüssel auf die Erde ausrichten. Erst dann gehen die Informationen zum Kontrollraum. Deshalb kommt die Nachricht von der Landung erst 50 Minuten später in Darmstadt an.
Monatelang haben die Experten der Esa die Manöver vorbereitet. Die Befehle haben sie vorher an die Sonde gefunkt, das Programm läuft automatisch ab. Doch die zehn Experten in Darmstadt, die in dieser Nacht um die Monitore herumstehen, werden über die Phoenix-Landung von ihren Nasa-Kollegen erfahren, nicht aus den Signalen der europäischen Sonde. Denn die Amerikaner lassen zwei eigene Satelliten um den Mars kreisen. Einer von ihnen, Mars Odyssee, kann seine Antennen gleichzeitig auf Phoenix und auf die Erde richten – und funkt sofort die Nachricht zur Erde, dass Phoenix heil gelandet ist.
„Phoenix has landed!“
Eine Digitaluhr über den Monitoren zeigt ständig den „Count“, die Zeit bis zur geplanten Landung. Als die Anzeige gegen „0“ geht, wird niemand aufgeregt. Denn auf den spannenden Moment müssen die Experten noch 15 Minuten und 20 Sekunden warten. So lange brauchen die Funkwellen vom Mars zur Erde. Währenddessen macht Schmitz Erinnerungsfotos von seinen Kollegen. Auf dem Fernseher, der das Nasa-Internet-Programm zeigt, sehen die Darmstädter den Nasa-Experten zu.
Die Signale der letzten Minuten vor dem Aufsetzen treffen im amerikanischen Kontrollzentrum ein. Der Fallschirm, der Phoenix gebremst hat, wird abgesprengt. Nun springen die Steuerdüsen an, die die Sonde weiter verlangsamen. Phoenix ist 2000 Meter über Grund, 1100, 500, 100, 50, 20. Schmitz macht ein Foto von dem Fernseher, auf dem die Nasa-Experten einander umarmen. Sekunden später, es ist 1.54 Uhr, schallt es aus dem Lautsprecher: „Phoenix has landed!“ Schmitz atmet auf, schüttelt seinen Kollegen die Hände, öffnet eine Flasche Sekt, bietet Kuchen an.
Viel gelernt
Um kurz vor halb drei Uhr haben alle ihre Sektgläser beiseitegestellt. Thomas Ormston sitzt am linken der drei Kontrollpulte und blickt auf den mittleren Monitor. Er klatscht in die Hände, als die ersten Zahlenreihen erscheinen. Die eigene Sonde, Mars Express, hat gesendet, die Signale laufen ein. 17 Minuten wird es dauern, bis alle Daten übertragen sind. Aus den Funkwellen, die Mars Express von Phoenix aufgefangen hat, lässt sich seine Geschwindigkeit beim Landeanflug berechnen. Doch die europäische Sonde schickt auch eigene Messwerte, zum Beispiel, wie sich Temperatur und Druck verändert haben, als Phoenix in die Atmosphäre des Mars eindrang. Jetzt wird Phoenix drei Monate lang mit einer Baggerschaufel im Marsboden nach Eis graben.
Die Arbeit im Darmstädter Kontrollzentrum diente nur der Reserve. Die Nasa hätte den Flug des Phoenix auch allein mit ihren beiden Satelliten verfolgen können. Die Daten, die Mars Express aufgezeichnet und weitergefunkt hat, wären aber wichtig geworden, wenn Phoenix abgestürzt wäre, sagt Paolo Ferri, Leiter der Planetenmissionen der Esa. 1999 stürzte der „Mars Polar Lander“ ab. Die Nasa konnte nicht ermitteln, warum. Sie hatte keine Daten. Wenn so ein Unfall mit Phoenix geschehen wäre, hätte man aus den Aufzeichnungen von Mars Express die Ursache rekonstruieren können. Doch die Arbeit der Nacht nützte auch der Esa selbst. Die Experten in Darmstadt konnten Erfahrung sammeln für eigene Raumflüge. „Mit einem Satelliten ein Landegerät verfolgen – das haben wir noch nie gemacht“, sagt Ferri. „Wir haben viel gelernt.“