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„Mardi Gras“ in New Orleans „The throw must go on!“

25.02.2006 ·  Bunt und schrill, heidnisch und christlich, europäisch und afrikanisch: Für New Orleans ist der traditionelle Karneval im Jahr nach dem Wirbelsturm „Katrina“ nicht nur ein Spiel.

Von Von Matthias Rüb, New Orleans
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Kein Problem, kurz vor Beginn des Umzugs bis ganz nach vorne an die Absperrgitter entlang der Paradestrecke zu kommen. Kaum ein Problem, Dutzende der Plastikketten und Plastikbecher, der Blechtaler, Gummibällchen und Schlüsselanhänger zu fangen, die von den Wagen des Karnevalsumzuges in die Menge geworfen werden. Aber das übliche Problem, die Polizisten davon zu überzeugen, daß man gerade jetzt, wo der Abstand zwischen den „floats“ genannten Umzugswagen groß genug wäre, die Straße gefahrlos überqueren und dabei noch ein paar zusätzliche Ketten, Becher und Bällchen aufheben könnte.

Denn Ordnung muß sein, gerade zu Zeiten der öffentlich sanktionierten Ausschweifungen beim Karneval. So ist es auch dieses Jahr beim „Mardi Gras“, der vor allem in New Orleans, aber auch in anderen Städten an der amerikanischen Golfküste jedes Jahr ausgiebig gefeiert wird und zum Beispiel in der „Big Easy“ genannten Stadt am Fluß Mississippi auf eine mehr als 300 Jahre alte Tradition zurückschauen kann. So gründete Pierre Le Moyne d'Iberville aus Quebec am Rosenmontag 1699 für die französische Krone die erste feste Siedlung an der Mündung des Flusses Mississippi und nannte das anderntags aufgeschlagene Lager, etwa 60 Kilometer flußabwärts vom heutigen New Orleans gelegen, folgerichtig „Pointe de Mardi Gras“. Zwar setzte Pierres jüngerer Bruder Jean-Baptiste Le Moyne de Bienville erst 1718 seinen Fuß auf das Schwemmland am Ufer des Mississippi, wo sich die heutige Stadt und der viertgrößte Hafen der Vereinigten Staaten befinden, und taufte die Stadt zu Ehren des Grafen von Orleans „Nouvelle Orleans“. Doch es ist nur eine gerade zu Faschingszeiten vielleicht statthafte kleine Übertreibung, wenn man die Gründung von New Orleans sozusagen spirituell auf einen Faschingsdienstag legt.

Bunt und schrill und heidnisch

Jedenfalls wird Karneval in New Orleans und an der gesamten Küste des Golfes von Mexiko seit Urzeiten gefeiert - bunt und schrill, heidnisch und christlich, europäisch und afrikanisch. Die erste Karnevalsparade mit meterhoch gebauten Umzugswagen ließ sich 1857 ein privater Club wohlhabender weißer Amerikaner aus dem vornehmen „Garden District“ einfallen. Dieser „Mistick Krewe of Comus“ genannte Club war Vorbild für die heute allesamt „Krewes“ - eine verballhornte Schreibweise des englischen „crews“ - genannten Karnevalsgesellschaften, die auf ihren Paraden meist Könige und Königinnen samt Hofstaat aus Phantasiereichen vorführen. Die ersten „throws“, also die von den Umzugswagen dem Publikum zugeworfenen Karnevalsdevotionalien, verzeichnen die Geschichtsbücher im Jahre 1871. Aber zum Massenbrauch wurde das Werfen des Billigschmucks erst in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts.

Mardi Gras trotz "Katrina"

Seither sind die Vereinigten Staaten immerzu gewachsen - an Größe, Macht und Einfluß in der Welt. Und seither sind die Karnevalsumzüge in New Orleans gewachsen. Zuletzt, das heißt im Februar 2005, wurde „Mardi Gras“ zwölf Tage lang gefeiert, wobei die Umzüge bis zum Höhepunkt am Faschingsdienstag immer größer, länger und auch lauter wurden. Bis am 29. August 2005 der Hurrikan „Katrina“ kam und die vom Lake Pontchartrain in die Entwässerungskanäle und über die Deiche drückenden Wassermassen die Stadt New Orleans zu 80 Prozent überfluteten. Monatelang war man nicht sicher, ob es angesichts der gewaltigen Zerstörungen im Jahr 2006 überhaupt einen „Mardi Gras“ geben würde oder ob man den Karneval nicht lieber ausfallen lassen sollte - weil es nach der Jahrhundertkatastrophe nichts zu feiern gebe. Doch schon im vergangenen Herbst war man sich im Rathaus und bei den Dutzenden „Krewes“ einig, daß es gerade im ersten Jahr nach „Katrina“ darauf ankomme, „Mardi Gras“ wie seit anderthalb Jahrhunderten zu feiern - als Zeichen kultureller Selbstbehauptung und als Signal wirtschaftlichen Wiederbeginns nach Zerstörungen in einer geschätzten Höhe von 35 Milliarden Dollar.

„The Throw Must Go On

Also „Mardi Gras“ 2006. „The Throw Must Go On“ (Das Werfen muß weiter gehen) steht auf dem Titelblatt der Wochenzeitung „Gambit Weekly“, in dem die Paraden an den elf (statt wie üblich zwölf) Tagen vor Faschingsdienstag aufgeführt sind. Doch manche Ankündigung war denn doch zu optimistisch, denn an mehreren Tagen wurde etwa aus geplanten drei Paraden ein einziger Umzug, weil die „Krewes“ dann doch nicht in der Lage waren, ihre Umzugswagen fertigzustellen. Im Stadtteil Metairie etwa müssen für die fehlenden „Krewes“ unverwüstliche Motorradfahrerclubs wie die „Blue Knights“ mit ihren notorisch bewunderten „Harley Davidson“ einspringen, und auch die von der Lebensmittelfirma „Diversified Food & Seasoning“ gesponsorten „Monstertrucks“ mit den mehr als mannshohen Reifen und den dröhnenden Auspuffen finden den Beifall des Publikums. Das hat sich freilich spärlicher als seit Menschengedenken eingefunden, doch wer immer von den Einwohnern des ausgedehnten Viertels am Südufer des Lake Pontchartrain nach den Überschwemmungen, die hier in der Regel nur etwa kniehoch waren, zurückgekommen ist, ist jetzt auf den Beinen. Auch ein paar Touristen, eine Gymnasiumsklasse aus der Stadt Mobile in Alabama, sind zum ersten „Mardi Gras“ nach „Katrina“ nach New Orleans gekommen - und sie freuen sich ebenso wie die Einheimischen, daß die Umzüge überhaupt stattfinden, daß es weniger Gedränge als üblich gibt und daß deshalb die Ausbeute an aufgefangenen und vom Boden aufgehobenen „throws“ so umfangreich ist.

Denn endlich, angeführt von den Blechblasmusikern der „West Jefferson High School“ aus dem Ortsteil Harvey, haben sich auch die Wagen der „Krewe of Excalibur“ eingefunden. An der Spitze paradiert „Grand Marshal“ Michele Branigan im schwarzen Frack, es folgen auf jeweils eigenen Wagen mit bunten Aufbauten der prächtig kostümierte König im weißen Bart, die Königin im Glitzergewand, der Hofstaat und allerlei Fabelgestalten. Und sie werfen nach Kräften Plastikketten und Becher, wobei vor allem die herrlich auf dem Asphalt klingenden Dublonen aus Weißblech und die Stofftiere bei den Kindern beliebt sind. Manche Familien haben es sich auf mitgebrachten Campingstühlen bequem gemacht, die meisten sind aber in ständiger Bewegung, und wenn die strenge Polizistin denn doch einmal wegschaut oder gerade eine andere Kinderschar hinters Absperrgitter zurückzubeordern versucht, kann man doch die unglaublichen Schätze, die keiner fangen konnte oder die mit zu wenig Schwung von den Wagen geworfen worden waren, von der Straße aufsammeln.

„Weg zur wirtschaftlichen Wiederbelebung“

Ähnlich ist das Bild bei den anderen Paraden, denn statt der üblichen 34 „Krewes“ haben dieses Jahr nur 28 an den Umzügen teilnehmen können - und dazu in der Regel nur mit halb so vielen Wagen. Die traditionellen Hersteller der meist jährlich neu gestalteten Umzugwagen stellen in diesem Jahr nur etwa ein Drittel der sonst üblichen Menge von Paradeanhänger her. Diese sind auch im historischen Jahr 2006 in der Mehrzahl traditionell gestaltet, es gibt nur ganz wenige politische Motive, die sich mit den jüngsten Ereignissen, den Katastrophen der Natur und der Politik auseinandersetzen. Für Stephen Perry, Präsident des Messe- und Tourismusamtes der Stadt New Orleans, steht schon lange vor dem Höhepunkt des „Mardi Gras“ am Dienstag fest, daß der Karneval gerade in diesem Jahr ein außergewöhnlicher Erfolg sein wird. „Der ,Mardi Gras' ebnet uns den Weg zur wirtschaftlichen Wiederbelebung“, sagt er, und die Gesamteinnahmen während der Dauerparty schätzt er auf 300 Millionen Dollar.

Daß die Stadt an diesem Wochenende und bis Aschermittwoch ausgebucht ist, will etwas sagen - und auch wieder nicht. Denn von den einst 38.000 Hotelbetten des Großraumes New Orleans stehen etwa 25.000 zur Verfügung - und von diesen ist ein Drittel ständig von Arbeitern beim Wiederaufbau, von Behördenvertretern, von Einwohnern der Stadt, deren Häuser und Wohnungen zerstört wurden, und auch von Presseleuten besetzt. Von den ehedem gut 3400 Restaurants der Stadt sind 760 geöffnet, doch zumal die besseren und teureren sind schwach besucht, weil es kaum zahlunsgkräftiges Publikum gibt. Am Hafen von New Orleans liegen seit Monaten zwei Kreuzfahrtschiffe, doch sie beherbergen nicht Touristen, deren Dollars die Stadt dringend brauchte, sondern durch die Überschwemmungen obdachlos gewordene Polizisten, Feuerwehrleute, Krankenpfleger und Ärzte mit ihren Familien. In den vergangenen Jahren zählte die Stadt zu „Mardi Gras“ mehr als eine Million Besucher, denen sie gut eine Milliarde Umsatz verdankte.

Die Grundsäulen des Tourismus stehen fest

Während der zwölf Tage und Nächte währenden Party erwirtschaftete die Stadt 40 Prozent ihrer jährlichen Steuereinnahmen. Insgesamt wurden 80 Prozent der Steuereinnahmen von New Orleans vor „Katrina“ vom Fremdenverkehr generiert, zu dem auch die vielen Ausstellungen und Messen im Messezentrum am Ufer des Mississippi gehörten. Das Messezentrum, neben dem Sportstadion „Superdome“ an den Tagen nach „Katrina“ Zufluchtsort für Tausende verzweifelter Menschen, wurde von den Überflutungen der Stadt so wenig getroffen wie das „French Quarter“, der „Garden District“ und „Faubourg Marigny“. Damit stehen die Grundsäulen der Tourismuswirtschaft von New Orleans weiterhin fest, und sie sollen das künftige Gebäude der Wirtschaft einer Stadt tragen, deren Einwohnerzahl von einst 465.000 auf jetzt vielleicht 150.000 geschrumpft ist und auch in ein paar Jahren kaum mehr als 250.000 erreichen wird.

„Wir wollen und dürfen kein Disneyland am Mississippi werden“, sagte Eugene Cizek, Professor für Architekturgeschichte an der Tulane Universität in seinem liebevoll restaurierten Haus „Sun Oak“ im gleich neben den „French Quarter“ gelegenen Stadtteil „Faubourg Marigny“, dessen Einwohner nach seiner Schätzung seit „Katrina“ fast alle zurückgekehrt sind. „Aber wenn nicht zuerst die Touristen wiederkommen, können auch die jetzt noch im ganzen Land verstreuten Einwohner nicht heimkehren und ihr Leben wiederaufbauen“, sagt er. So wichtig wie dieses Jahr war der vergleichsweise kleine „Mardi Gras“ von New Orleans vielleicht seit Menschengedenken nicht.

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