24.08.2010 · Der Tod dreier Säuglinge ist für ein Land mit einem der besten Gesundheitssysteme der Welt eine Schande. Noch immer gibt es kein Gesetz, das zumindest ein Mindestmaß an Hygiene in Krankenhäusern sicherstellen würde.
Von Peter-Philipp SchmittZu Beginn des 19. Jahrhunderts waren Geburtshilfestationen wahre Todesfallen. Das Erstaunliche: Erst nachdem sich die Schwangeren vermehrt in die Hände von Ärzten begeben hatten, starben sie gehäuft am Kindbettfieber. Bei Hausgeburten oder wenn Hebammen die Entbindung vornahmen, gab es hingegen kaum Todesfälle. Die Ursache konnten sich die Wissenschaftler zunächst nicht erklären. Erst als ein Mediziner am Allgemeinen Krankenhaus in Wien mit den gleichen Symptomen wie die Frauen starb, kam der junge Assistenzarzt Ignaz Semmelweis dem Rätsel auf die Spur. Sein Kollege hatte sich bei einer Leichensektion mit einem Skalpell verletzt. Hebammen sezierten damals keine Leichen, Medizinstudenten schon. Und sie kümmerten sich danach auch oft um die Wöchnerinnen. Semmelweis konnte nachweisen, dass vor allem die angehenden Ärzte die Überträger des Todes waren – er klebte noch an ihren Händen.
„Aktion Saubere Hände – Keine Chance den Krankenhausinfektionen“ nennt sich eine Kampagne, die in Deutschland 2008 angelaufen ist. Sie richtet sich an Krankenschwestern und Ärzte und zeitigt Erfolge, wie das Bundesgesundheitsministerium stolz verkündet. Hunderte Krankenhäuser beteiligen sich demnach an der allgemeinen Waschaktion. Zugleich macht sie auf einen Mangel aufmerksam, der an fast allen deutschen Krankenhäusern herrscht. Noch immer gibt es kein bundeseinheitliches Gesetz oder eine verbindliche Regelung, die zumindest ein Mindestmaß an Hygiene für deutsche Patienten in stationärer Behandlung sicherstellen würde. „In Deutschland kann jedes Krankenhaus machen, was es will“, sagt Klaus-Dieter Zastrow, der Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, die sich seit Jahren für ein für alle Kliniken gültiges Gesetz stark macht.
„Da muss schon jemand mit der Hand in die Toilette gefasst haben“
Auch heute noch sind Krankenhäuser für manchen Patienten Todesfallen. Fünf Prozent der rund 18 Millionen deutschen Krankenhauspatienten infizieren sich jedes Jahr mit einem Erreger. So sterben jährlich bis zu 40 000 der 800 000 Infizierten. Schuld daran ist mangelnde Hygiene und der übermäßige Einsatz von Antibiotika, mit dem die multiresistenten Keime herangezüchtet werden, sogenannte „Superbakterien“. Die leicht übertragbaren und schwer zu bekämpfenden multiresistenten Staphylococcus aureus (MRSA) sind dabei die häufigste Ursache für die lebensbedrohlichen Infektionen bei Klinikpatienten.
Noch stehe Deutschland im internationalen Vergleich ganz gut da, sagt der Mediziner Zastrow. Und ergänzt: „Wir sind aber höchstens der Einäugige unter den Blinden.“ Für ein Land mit einem der besten Gesundheitssysteme der Welt ist der Tod der drei Säuglinge in Mainz eine Schande. Der Mensch, der stets Zigmillionen Erreger auf seiner Haut herumtrage, habe Darmbakterien nicht so einfach an seiner Hand, sagt Zastrow. Und wenn die Erreger dann auch noch in eine Infusionslösung gelangten, sei das mit einem Mangel an Hygiene kaum noch zu erklären. „Da muss schon jemand mit der Hand in die Toilette gefasst haben.“ Für Zastrow ist der Brennpunkt nicht das Labor oder die Apotheke eines Krankenhauses – sondern die Station. Wenn er höre, dass sich in manchen Frühgeburtenstationen eine Krankenschwester um fünf oder sechs der Säuglinge kümmern müsse, gehe irgendwann auf jeden Fall etwas schief. Mehr als drei der kleinen Intensivpatienten dürfe eine Pflegekraft einfach nicht versorgen.
Vorbild Greifswald
Während aus Kostengründen das Personal in Kliniken immer weiter reduziert wird, nimmt die Zahl der Risikopatienten zu. Kranke, die früher gar nicht behandelbar waren, werden am Leben gehalten. Sie sind damit auch viel anfälliger, sich im Krankenhaus mit einem „Superkeim“ zu infizieren – bis zu 15 Prozent aller Intensivpatienten infizieren sich. So lässt sich zum Teil der massive Anstieg von MRSA in Deutschland zwar erklären. Dass er Deutschland zugleich ein Armutszeugnis ausstellt, beweisen europäische Länder wie die Niederlande, die Schweiz oder sogar Slowenien. Dort liegen die MRSA-Infektionsraten im niedrigen einstelligen Prozentbereich gemessen an allen Staphylokokkeninfektionen. In Deutschland und Großbritannien machen sie inzwischen knapp 25 Prozent aus. Das heißt, jede vierte Staphylokokken-Infektion ist nicht oder kaum noch behandelbar. Das hat unter anderem dazu geführt, dass ein Deutscher, der in den Niederlanden in eine Klinik muss, fast schon automatisch als Risikopatient gilt und zunächst einmal isoliert wird.
Dass ein deutsches Krankenhaus niederländische und damit beinahe vorbildliche Hygienezustände erreichen kann, zeigt die Universitätsklinik Greifswald. Seit 20 Jahren ist dort Axel Kramer der Leiter des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin. Das allein schon ist eine Seltenheit und nach Meinung des Hygiene-Professors einer der Hauptgründe, warum Greifswald so gute Ergebnisse erzielen konnte: die personelle Kontinuität. An den 35 deutschen Universitätskliniken gibt es heute nur noch zwölf Hygieneinstitute. Der Rest wurde aus Kostengründen aufgelöst oder umgewidmet – zum Beispiel zu Immunologien oder Mikrobiologien. Kramer selbst hat in 20 Jahren nur vier Fachärzte für Hygiene an seinem Institut ausbilden können. Dementsprechend gering ist ihre Zahl an deutschen Krankenhäusern. Der Hygieniker schätzt, dass nur an fünf bis allerhöchstens zehn Prozent der deutschen Kliniken Experten seines Fachs Dienst tun. Die sogenannten Hygienebeauftragten wiederum, die an vielen Krankenhäusern ernannt wurden, sind überwiegend Kollegen anderer Fachgebiete, die sich nebenher und meist nach einem nur einwöchigen Crashkurs mit der Materie zusätzlich beschäftigen müssen.
Götter in Weiß lassen sich nichts vorschreiben
Ein weiterer wichtiger Punkt in Greifswald: „Wir haben eine Sicherheitskultur“, sagt Kramer. Die Kliniker arbeiteten Hand in Hand. Fachdünkel gebe es nicht. Auch das sei ein Thema, das oft unterschätzt werde. Chirurgen, die eigentlichen Götter in Weiß, ließen sich von einem schlichten Hygiene-Facharzt nicht so einfach etwas vorschreiben. In Greifswald aber schon. „Vier Monate lang habe ich jeden Morgen um sechs mit den anderen Ärzten gemeinsam standardisierte Arbeitsanweisungen entworfen.“ Daran halte sich nun jeder, eben weil es ein gemeinsames Werk ist. Im Frühjahr hat Kramer zudem einen „Infektionspräventions Check-in“ und „Infektionspräventions Check-out“ für die Chirurgen eingeführt. Mittels Checklisten sollen so gezielt Wundinfektionen vermieden werden. Die Papiere werden vom verantwortlichen Chirurgen präoperativ und vom Patienten bei der Entlassung ausgefüllt. „Und“, sagt Kramer, „sie werden auch ausgefüllt.“
Die Greifswalder Praxis soll nun Schule machen – zunächst in ganz Vorpommern. Kramer ist sich sicher, dass ein Vorfall wie in Mainz in seiner Klinik nicht vorgekommen wäre. Gerade in die Frühchen-Intensivstation hat er investitiert und ein Interventionsprogramm entwickelt. Sterilfilter für alle Wasserhähne, desinfizierbare Syphons, dazu Luftfilter, die für Keimfreiheit sorgen und Klimaanlagen, die zusätzlich kühlen – alles keine Selbstverständlichkeit. Letztlich hat aber nach Angaben Kramers allein schon eine konsequente Händehygiene auf der Station in Greifswald die Sepsisrate unter den zu früh geborenen Säuglingen nahezu halbiert.
Peter-Philipp Schmitt Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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