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Mailänder Möbelmesse Wächst ein Stuhl im Walde

 ·  Nachhaltigkeit ist in diesem Jahr das Schlagwort auf der Mailänder Möbelmesse. Erstmals ist sogar ein Stuhl zu bestaunen, der nachwächst.

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© Julian Lechner Was wächst denn da? Werner Aisslinger lässt in Mailand zur Möbelmesse einen Stuhl gedeihen.

Wächst ein Stuhl im Garten, einfach so und gleichsam über Nacht. Wenn es nach Werner Aisslinger geht, könnte es schon bald ganze Stühle-, wenn nicht sogar Möbel-Plantagen geben. Zunächst aber hat es der Berliner Designer mit einer Gewächshausinszenierung bewenden lassen. In einer alten Fabrikhalle im Nordosten Mailands gedeiht in dieser Woche ein Stuhl aus Bambus. Er wächst in einem Stahlkorsett heran und wird mit diesem zwar in die gewünschte, aber eben doch nicht perfekte Form gebracht. Die Natur lässt sich nur bedingt beherrschen, wie auch das ausgewachsene Möbel mal wieder beweist, als es von seiner metallenen Wuchshilfe befreit ist. „Manche Bambusarten“, erzählt Aisslinger, „wachsen 30 Zentimeter am Tag.“ Darauf baut er seine Vision. Ganze Opernhäuser müssten sich mit dem unkrautartigen Gewächs so doch in wenigen Stunden neu bestuhlen lassen.

Aisslingers Produktplantagen-Utopie, ein wenig verniedlichend „chair farm“ genannt, darf als weiteres Statement des Berliner Öko-Designers verstanden werden. Und er ist nicht der einzige auf dem diesjährigen „Salone Internazionale del Mobile“, der sich Gedanken über die Zukunft macht. An fast jedem Stand der Mailänder Möbelmesse ist von nachhaltiger Produktion die Rede. Ein Stuhl muss zwar noch nicht unbedingt hinterm Haus im Blumenbeet heranwachsen, doch sollte er schon heute auf dem Kompost verrotten können.

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Andererseits ist „urban farming“ durchaus ein Trend, das „chair-farm“-Projekt für Aisslinger somit ein logischer Schritt in seiner Arbeit. Bereits vor einem Jahr hatte er an gleicher Stelle in Mailand seinen organisch geschwungenen „Hemp Chair“ (Hanfstuhl) präsentiert, den ersten Monoblock-Stuhl aus reiner Naturfaser. Der Stoff aus Hanf und dem Malvengewächs Kenaf wird schon länger zum Beispiel für Innenverkleidungen von Autotüren verwendet. Überhaupt ist die Autoindustrie für die Möbelindustrie zunehmend wegweisend, doch dazu später mehr.

Schaukelstühle findet man wieder fast überall auf der Messe

Wiederverwertetes ist Trend auf der bedeutendsten Möbelschau der Welt. Vor allem Kunststoff scheint für einen ewig andauernden Produktionskreislauf geeignet. Dedon, bekannt für seine auf der philippinischen Insel Cebu von Hand geflochtenen Gartenmöbel aus einer wetterfesten, licht- und hitzebeständigen Kunststofffaser, einem Material, wie man es einst als Griffe für Waschmittelpackungen kannte, hat nun erstmals eine Mischung gefunden, in die überwiegend wiederverwertetes Plastik besonders von Lebensmittelpackungen geflossen ist. Daraus wurde hübsch buntes Flechtwerk, unter anderem für ein Sesselchen mit Namen „Dala“, das der Amerikaner Stephen Burks entworfen hat.

Ebenfalls in reiner Handarbeit entsteht die „Granny“-Kollektion aus dem französischen Hause Wa.De.Be. Mit einem gestrickten Stück für ein Möbel fing es an. Allerdings war nicht nur die Nachfrage groß. Auch die Pariser Großmütter selbst waren von ihrer Tätigkeit, bei der sie neue Freunde fanden, zusätzliches Geld verdienten und mit Stolz auf ihre Arbeit blickten, so begeistert, dass sie ständig nach weiteren Herausforderungen verlangten. Mittlerweile umstricken sie aus hartem Seemannsgarn drei hölzerne Stuhlmodelle, darunter auch einen bequemen Schaukler, den „Granny Hammock“, in den man sich wirklich wie in einer Hängematte fläzen kann.

Schaukelstühle findet man überall auf der Messe. Kaum ein Hersteller, der nicht eines seiner bereits altbekannten Stücke nun auch noch mit gebogenen Kufen ausgestattet hätte. Farblich ist alles möglich, je bunter, desto besser. „Ray“ etwa ist eine grazile Leuchte, die wie eine von Kinderhand gezeichnete Sonne mal Blau, mal Grün, mal Gelb, Rot, Orange, Rosa, Schwarz oder Grau sein kann. Die Sonnenstrahlen sind mittels Laser in das hauchdünne Metall des Schirms geschnitten, sie lassen sich in jede beliebige Form biegen. Der Entwurf stammt vom Stockholmer Studio Claesson Koivisto Rune (Mårten Claesson, Eero Koivisto und Ola Rune) und wird vom niederländischen Unternehmen Ngispen produziert. Auch Hocker (zum Beispiel „Spin“ von Staffan Holm für Swedese), Tische („Waterfall“ von Fredrikson Stallard für Driade) sowie Sessel (gepolstert wie „Prince“ oder „Giliam“ von Rodolfo Dordoni für Minotti oder ganz aus Holz wie „Medici“ von Konstantin Grcic für Mattiazzi) können nicht farbenfroh genug sein.

High-Tech-Materialien sind gefragt

Trotzdem ist Braun die Modefarbe des Jahres - wenn es so etwas im Möbeldesign überhaupt gibt. Selbst reiner Kunststoff darf wie echtes Holz aussehen. Holz wiederum ist das beliebteste Material überhaupt, dazu Naturstoffe von Leder über Filz bis Leinen, natürlich allesamt wetterfest und outdoor-geeignet. Drinnen wie draußen bleibt ein weiteres Muss, wie der bequeme „Husk“ von Patricia Urquiola beweist: Im vergangenen Jahr von B&B Italia als Sessel fürs Wohnzimmer vorgestellt, ist das elegante und komfortable Sitzmöbel, das aus recycelten und recyclebaren Materialien besteht, nun auch für den Garten zu haben - mit wasserabweisenden Bezügen aus Technostoff unter anderem in Orange, Apfelgrün und Azurblau.

Die wichtigste Inspirationsquelle für die Designer ist die Natur. Zudem sollen ihre Entwürfe Geschichten erzählen - besonders schön klingt das etwa bei den beiden Brüdern Ronan und Erwan Bouroullec für Vitra: Sie seien als Kinder in der Bretagne oft im Meer schwimmen gewesen. Ihre Kleidung hätten sie einfach auf Felsvorsprünge gelegt, ehe sie ins Wasser sprangen. Daraus entwickelten sie nun Kunststoffgesimse namens „Corniches“, kleine geschwungene Regale für die Wand.

High-Tech-Materialien sind gefragt, am besten basieren sie dabei auf der Natur. Kohlenstoff, der fürs umweltbewusste Gemüt so gar nicht positiv besetzt ist, scheint geradezu wundersame Eigenschaften zu haben. Terence Woodgate und John Barnard, der eine Möbel-, der andere Formel-1-Rennwagen-Designer, haben einen Tisch für Established & Sons entwickelt, der über die Jahre länger und länger geworden und inzwischen auf sechs Meter angewachsen ist. Das Besondere: Der „Surface Table“ hat an den Enden nur je zwei dünne Beine, darauf eine Platte von gerade einmal zwei Millimetern Dicke an ihren Kanten. Das auf 20Stück limitierte Werk aus geschichteten Kohlenstofffasern ist so stabil, dass seine Macher sogar ein Auto auf ihm abstellen konnten.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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