19.04.2008 · Trotz guter Konjunktur: Bei der Möbelmesse in Mailand wird nicht geprotzt. Hatte im vergangenen Jahr noch ein Hauch von Luxus die Hallen beherrscht, so scheint es nun eine Rückbesinnung auf das Schlichte und Einfache zu geben.
Von Peter-Philipp SchmittSo viel Stuhl war nie beim „Salone Internazionale del Mobile“. Doch ein Designer gelangt auch mit keinem anderen Möbelstück so einfach in den Olymp der Zunft wie mit einem schlichten Stuhl - wenn denn das Werk allseits als außergewöhnlich empfunden wird. Längst auf dem Gipfel angekommen ist der Münchner Konstantin Grcic. Und doch bietet er auch in diesem Jahr wieder pünktlich zur Mailänder Möbelmesse einen weiteren Stuhl auf, der schon vor seinem Erscheinen vorsorglich - und zu recht - zum Designklassiker erkoren wurde: „Myto“ ist der erste Freischwinger von Format, der sich mit Verner Pantons berühmtem hinterbeinlosem Stuhl messen kann.
Ausgehend von dem neuartigen BASF-Kunststoff Ultradur High Speed hat Grcic zusammen mit dem italienischen Unternehmen Plank ein Möbel entworfen, das dank seiner Netzstruktur leicht und filigran erscheint. Zugleich ist „Myto“ aber überaus stabil, er ist bunt, ohne schrill zu sein, er lässt sich stapeln, ist wetter- und damit natürlich auch sonnenfest, hat ein Öko-Effizienz-Siegel - und kostet nur 175 Euro. Im dritten Jahr, sagt Michael Plank, wolle seine Firma schon 40.000 Stück im Jahr verkaufen. Eine stolze Zahl: Doch von Grcic' stapelbarem Barhocker „Miura“ aus dem Jahr 2005 setzt Plank alljährlich bereits 15.000 Stück ab. Und Stühle, sagt der Juniorchef, würden gewöhnlich bis zu vier Mal so häufig nachgefragt.
Eine Rückbesinnung auf das Schlichte und Einfache
Die Messe in Mailand steht in diesem Jahr ganz im Zeichen der guten Konjunktur - auch wenn am Horizont schon wieder erste Wolken einer Rezession aufzuziehen scheinen. Wesentlich mehr als eine Viertel Million Besucher werden voraussichtlich an den sechs Tagen bis zum kommenden Montag auf dem 530.000 Quadratmeter großen Messegelände der Fiera Milano in Rho vor den Toren der lombardischen Metropole erwartet. Der eigentliche „Salone“ - gleichzeitig findet unter anderem in diesem Jahr die Küchenmöbelmesse „Eurocucina“ statt - präsentiert sich auf rund 160.000 Quadratmetern mit 1426 Ausstellern (2007 waren es 1415), davon 249, die nicht aus Italien stammen. Die Zahl der deutschen Aussteller ist seit Jahren so gut wie unverändert: 22.
Hatte im vergangenen Jahr noch - kurz nach der großen Branchen-Depression - ein Hauch von Luxus die Hallen beherrscht, so scheint es in diesem Jahr - trotz guter Umsätze - vermehrt eine Rückbesinnung auf das Schlichte und Einfache zu geben. Dutzende namhafte Designer zeigten Stühle aus Holz, wie sie schon bei ihren Großeltern zu Hause gestanden haben könnten. Allerdings nur scheinbar: Die Entwürfe sind aufwendig, die fertigen Produkte durchaus kostspielig.
Die Holländerin Hella Jongerius und der Brite Jasper Morrison haben für das Schweizer Unternehmen Vitra zwei besonders spartanisch wirkende Sitzgelegenheiten erarbeitet. Sie sehen so vertraut aus, dass der Betrachter genau hinschauen muss, um zu erkennen, dass Jongerius' „Rotterdam Chair“ hübsch eingekerbte Beine hat, dass seine Füße in Plastiksöckchen stecken und dass der farbige Einsatz an der Rückseite der Sitzfläche nicht nur ein dekoratives Element ist, sondern nötig in der unter Spannung stehenden, dreidimensional geformten Sperrholzplatte. Morrison hatte schon vor zwei Jahren den Weg zu seinem „Basel Chair“ gewiesen: Zusammen mit Naoto Fukasawa hatte er die Ausstellung „Supernormal“ zusammengestellt. So auch lautete der Auftrag von Vitra-Chef Rolf Fehlbaum. Der Stuhl des „supernormalen“ Londoner Designers taugt nun für jede Kneipe. Der Clou seines Holzgestühls: Sitz und Rückenlehne sind aus Kunststoff und können einfach ausgetauscht werden.
Weiche Polster, scharfkantiges Holzgestell
Für Wogg hat der Schweizer Frédéric Dedelley ein Fauteuil entworfen, das handwerklich die Tradition der dänischen Sitzmöbel der fünfziger Jahre aufnimmt. Dicke weiche Polster ruhen auf einem sehr schlanken, fast scharfkantigen Holzgestell. Dedelleys Sessel „Wogg 47“ lebt vom Gegensatz - auch das ein Trend auf der Möbelmesse: Materialmix. Damit spielt zum Beispiel der Berliner Mark Braun, der außerhalb der Messe in der „Zona Tortona“ zwei seiner Arbeiten zeigt - erstmals haben sich Designer aus der deutschen Hauptstadt zusammengetan, um für „Made in Berlin“ zu werben.
Brauns Leuchten „Lingor“ werden mit einer alten Technik hergestellt: Sie bestehen aus Stahlblech, das über einem drehenden Holzblock in Form gedrückt wird. Die hutartigen Gebilde sind zudem mit phosphoriszierendem Email überzogen: Ihr Inneres leuchtet dadurch noch eine Stunde ohne elektrischen Strom nach. Die zweite Arbeit des Zweiunddreißigjährigen heißt „Bond“. Die kleinen mittels Wasserstrahl zurechtgeschnittenen und gebogenen Beistelltische aus Aluminium hat er mit einer Kautschukschicht überzogen. Das italienische Unternehmen Sintesi produziert sie inzwischen in Serie.
Wenig schlicht, geradezu pompös
Von noch einfacherer Machart scheinen die hölzernen Schemel zu sein, die allerorten auf der Messe zu sehen sind. Für das Münchner Unternehmen Classicon haben sowohl Clemens Weißhaar als auch Barber Osgerby einen Hocker erarbeitet. Das britische Designerduo Edward Barber und Jay Osgerby, beide Jahrgang 1969, griff dabei die Form ihres Garderobenständers „Saturn“ vom vergangenen Jahr auf, der genauso auf drei geschwungenen Holzbögen steht wie nun auch der kleine „Saturn Stool“.
Wenig schlicht, sondern geradezu pompös ist der Stand von Moroso. Verantwortlich dafür sind die in Mailand lebende Spanierin Patricia Urquiola und der Textildesigner Giulio Ridolfo, die seit Jahren in Stoffen und mit Ornamenten schwelgen. Die Möbel, die zum Teil auf hohen Beinchen stehen, würden jedem Pariser Modesalon zur Ehre gereichen: „Bouquet“ von Tokujin Yoshioka, ein aus hundert Lappen zusammengestellter kreisrunder Blütenzauber zum Sitzen, genauso wie die Sofas „My Beautiful Backside“ von Doshi Levien und „Sushi“ von Edward van Vliet, über dessen Polster sich zudem feine Stickereien ziehen. Das wirkt fast ein wenig verrucht, erst recht unter dem roten Licht, das Urquiolas und Ridolfos Gesamtkunstwerk Moroso noch zusätzlich ins Halbdunkle taucht.
Sieht man einmal von den lasziven (allerdings bekleideten) Schaufensterpuppen ab, die sich auf dem Stand des italienischen Unternehmens „Sturm Und Plastic“ auf Möbeln aus durchsichtigen Plastikwürfeln räkeln dürfen, lässt sich wenig Erotik auf der Messe ausmachen. Einen Designer aber beschäftigt offenbar kaum mehr als seine nackte Muse (und Ehefrau), die er mit Vorliebe verarbeitet. Und so hat Fabio Novembre den Pantonschen Freischwinger für Casamania auf ganz eigene Weise interpretiert: als hockende Frau, die allerdings nur aus Beinen, Po und einer halben Rückenpartie besteht. Wer auf „Her“ sitzt, darf sich nur nicht anlehnen. Novembres Werk ruht auf zu dünnen Beinen und fällt leicht auf den Hintern.
Peter-Philipp Schmitt Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
Jüngste Beiträge