26.01.2006 · In Berlin soll nach mehr als 70 Jahren ein Zentrum zur Erforschung der Homosexualität erstehen. Es knüpft an die Arbeit von Magnus Hirschfeld an, der das Angeborensein der Homosexualität beweisen wollte.
Von Peter-Philipp Schmitt, BerlinNach mehr als einem halben Jahrhundert hatten die Fraktionen des deutschen Bundestags im Dezember 2000 einstimmig anerkannt, daß auch Homosexuelle Opfer der Nationalsozialisten waren. Da die meisten KZ-Überlebenden inzwischen nicht mehr am Leben waren, sollte die Bundesregierung über eine kollektive Entschädigung nachdenken. Im Gespräch war ein von Historikern zuvor schon ins Leben gerufenes Aktionsbündnis „Magnus-Hirschfeld-Stiftung“, das mit rund 15 Millionen Euro ausgestattet werden sollte.
Allerdings zerbrach der interfraktionelle Konsens im Laufe des weiteren Verfahrens. SPD und Grüne entschlossen sich, eigene Wege zu gehen. Einer der Protagonisten war Volker Beck, der die Stiftung und ihr Kuratorium einseitig ausrichten wollte. Bald war die Rede von einer „Lex Beck“, Hauptnutznießer sollte nach den Vorstellungen des Grünen-Abgeordneten der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) sein, dessen Sprecher Beck zugleich war. Das Vorhaben wurde im Bundesrat gestoppt. Rot-Grün, als Koalition im Herbst 2002 wiedergewählt, verlor daraufhin in der folgenden Legislaturperiode das Interesse an einer „Magnus-Hirschfeld-Stiftung“: Im Koalitionsvertrag wurde sie nicht erwähnt, die bereits vorgesehenen Gelder wurden aus dem Bundeshaushalt 2003 gestrichen. Einen abermaligen Vorstoß der FDP, der von der Union unterstützt wurde, lehnten SPD und Grüne schließlich ab.
„Initiative Queer Nations“
Im Mai 2005, siebzehn Jahre nachdem die Journalistin Lea Rosh die Idee hatte, in Berlin ein Mahnmal für die von den Nationalsozialisten ermordeten Juden zu errichten, entschlossen sich der Journalist Jan Feddersen und der Medienwissenschaftler Jörg Litwinschuh, das Magnus-Hirschfeld-Institut in Berlins Mitte wieder zu begründen. „Wir hatten dabei auch im Kopf, daß die wenigen Institute für Sexualwissenschaft, die es in Deutschland gibt - in Frankfurt und in Hamburg -, kurz vor ihrer Schließung stehen und die bedeutendsten Wissenschaftler vor ihrer Emeritierung.“
An diesem Donnerstag wird nun die „Initiative Queer Nations“ (IQN), die mittlerweile einen Vorstand, eine Geschäftsführung und mehr als 20Kuratoren hat, vom Berliner Senator für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Thomas Flierl (Linkspartei), vorgestellt. Die Stadt und das Land Berlin, der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sowie eine Reihe von Organisationen (Fachverband Homosexualität und Geschichte in Köln, Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft in Berlin, Stiftung Akademie Waldschlößchen in Reinhausen bei Göttingen, Centrum Schwule Geschichte in Köln) unterstützen das Projekt. Senator Flierl schrieb vorab in seinem Grußwort, besonders die Interdisziplinarität des Konzepts überzeuge: „Geschichte, Soziologie, Ethnologie und Politologie als mehrgliedrige Akademiestruktur verspricht eine Belebung auch aller anderen Forschungsstätten in Berlin.“
Forschungsinstitut statt Holocaust-Mahnmal
Feddersen und Litwinschuh wollen kein zweites Holocaust-Mahnmal, auch wenn sie erst die beharrliche Arbeit von Lea Rosh auf ihre Initiative brachte, sondern ein Forschungsinstitut, das sich mit Homosexualität und der Diskriminierung Homosexueller in aller Welt auseinandersetzt. Sie knüpfen dabei an die Arbeit von Magnus Hirschfeld an, der das Angeborensein der Homosexualität beweisen wollte, um damit die Forderung nach deren Straffreiheit zu begründen.
Der noch vom Kaiser zum Sanitätsrat ernannte Hirschfeld war im Mai 1935 im Exil in Nizza gestorben. Damals gab es sein in der Weimarer Republik berühmt gewordenes Institut für Sexualwissenschaft schon nicht mehr. Die Nationalsozialisten hatten das Gebäude im Berliner Tiergarten nur wenige Wochen nach ihrer Machtergreifung im Mai 1933 geplündert und den Besitz mitsamt dem Vermögen der damaligen Dr.-Magnus-Hirschfeld-Stiftung beschlagnahmt.
„Es war seiner Zeit um Jahrzehnte voraus“
Hirschfeld war den Nazis verhaßt: weil er Jude war, weil er, wie der Bayer Ludwig Thoma es formulierte, „die Freigabe der Sodomie wie eine Sache des Volkswohles“ betrieb und weil er homosexuell war. Der in Kolberg an der pommerschen Ostseeküste geborene Hirschfeld hatte 1897 die erste Organisation - das „Wissenschaftlich-humanitäre Komitee“ - gegründet, die sich für die Rechte Homosexueller einsetzte. Das Jahr gilt als Beginn der „Schwulenbewegung“. Der Nachlaß Hirschfelds wurde nach dem Krieg in alle Welt verstreut, das Institutsgebäude, von Bomben getroffen, wurde 1950 gesprengt. Heute steht auf dem Gelände unweit des Bundeskanzleramts das Haus der Kulturen der Welt. „Hirschfelds Institut hatte Weltgeltung“, sagt IQN-Geschäftsführer Litwinschuh. „Es war seiner Zeit um Jahrzehnte voraus.“ Er hofft, daß in fünf bis zehn Jahren das deutsche Staatsoberhaupt das neue, nicht minder bedeutsame Magnus-Hirschfeld-Institut eröffnen kann.
Vorläufig benötigt das Projekt nach Angaben Litwinschuhs als Stiftungskapital genau jene 15 Millionen Euro, die die Bundesrepublik Deutschland schon einmal zur Verfügung stellen wollte. „Das Haus in der Mitte der Stadt möchten wir vom Land Berlin zu einem symbolischen Preis bekommen und dann über Drittmittel renovieren. Zusätzlich benötigen wir Zustiftungen: zum Beispiel eine Stiftung für eine Bibliothek, die den Namen des Stifters erhalten könnte; ebenso Stiftungen für Vortragsreihen, Forschungsvorhaben, Stipendien, für Preise und Auszeichnung. Die Zinsen, die das Stiftungskapital bringt, können in laufende Projekte investiert werden.“ Litwinschuh hofft, schon bald 20 wissenschaftliche Arbeitsplätze schaffen zu können.
Peter-Philipp Schmitt Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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