Home
http://www.faz.net/-gum-sysq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
50 Plus

Veröffentlicht: 22.09.2006, 17:22 Uhr

Magnetschwebebahn Theoretisch perfekt, praktisch umstritten

Die Technik der Magnetschwebebahn Transrapid, die in den vergangenen 30 Jahren entwickelt wurde, gilt als ausgereift und sicher. Doch wegen der hohen Kosten gibt es bis heute - außer in Shanghai - auf der ganzen Welt keinen Regelbetrieb.

© ASSOCIATED PRESS Eine Bahn ohne Räder, Motor und Schienen: der Transrapid

Das schwere Unglück mit der Magnetschwebebahn Transrapid am Freitag morgen ereignete sich auf offener Strecke zwischen Lathen und Melstrup in Niedersachsen. Die Transrapid-Versuchsanalage Emsland (TVE) ist nach Betreiber-Angaben die größte Versuchsanlage für Magnetschwebebahntechnik auf der Welt. Sie hat eine Gesamtlänge von 31,5 Kilometern. Sie wurde zwischen 1980 und 1987 in mehreren Abschnitten gebaut.

Der überwiegend auf Stelzen ruhende Fahrweg, ein 2,80 Meter breites Betonband, besteht aus einer rund zwölf Kilometer langen Geraden sowie zwei Wendeschleifen im Norden und Süden mit Radien von knapp 1,7 beziehungsweise einem Kilometer. Schon nach weniger als drei Kilometern erreicht der Zug eine Geschwindigkeit von 300 Stundenkilometern. Theoretisch wären bis zu 900 Stundenkilometer möglich, heißt es bei den Herstellerfirmen ThyssenKrupp und Siemens. Zur Gesamtanlage zählt auch ein Versuchszentrum, in dem sich sämtliche Betriebseinrichtungen befinden. Besucher können zu bestimmten Zeiten an Demonstrationsfahrten teilnehmen.

Mehr zum Thema

Motor nicht im Fahrzeug, sondern im Fahrweg

Der Transrapid beruht auf einer Technik, die in den vergangenen 30 Jahren in Deutschland entwickelt worden ist. Den Schwebezustand erreicht die Bahn dadurch, daß sie von ihren einzeln geregelten Tragemagneten von unten an Magnetpakete im Fahrwegtisch herangezogen wird. Der Abstand zwischen Fahrzeug und Fahrweg beträgt zehn Millimeter. Der Motor ist nicht im Fahrzeug, sondern im Fahrweg eingebaut. Ingenieure vergleichen ihn mit einem aufgeschnittenen und aufgerollten Elektromotor.

© Reuters Video: Mehrere Tote bei Unglück auf Transrapid-Teststrecke

Stator und Rotor sind nun platt und liegen einander gegenüber; das magnetische Drehfeld wird zu einem Wanderfeld. Mit ihm bewegt sich der Zug. Als Statoren dienen ein Meter lange Blechpakete mit integrierten (Wanderfeld-)Kabelwicklungen, die in einer ununterbrochenen Reihe rechts und links unter dem Fahrweg angebracht sind. Das Wanderfeld bewirkt gegenüber den Fahrzeugmagneten, die als Erreger wirken, einen Schub.

Entgleisen und Zusammenstöße theoretisch unmöglich

Die Schubkraft wird durch Änderung der Stärke und Frequenz des Drehstroms stufenlos geregelt. Polt man die Richtung des Wanderfelds um, dient es als Bremse. Die Strecken werden in kurze Sektionen unterteilt und immer nur dort mit Strom versorgt, wo sich das Fahrzeug gerade befindet. Fällt der Strom aus, so halten die Bordbatterien den Schwebezustand noch mindestens 20 Minuten lang aufrecht, so daß der Zug antriebslos, nur vom Luftwiderstand gebremst, weitergleitet. Er kann dann auf Kufen abgesenkt werden.

Die Bahn, die keine Räder und keinen Motor hat, braucht auch keine Schienen. Ihre Führung geschieht ebenfalls berührungsfrei durch Elektromagneten, die seitlich angeordnet sind. Der Transrapid bewegt sich auf der 2,80 Meter breiten Beton- oder Stahlfläche, die eine gewisse Bodenfreiheit haben muß, weil sie vom Schwebegestell des Fahrzeugs umfaßt wird. Darum bietet sich eine Aufständerung an. Der Fahrweg auf Stelzen zerschneidet die Landschaft zwar optisch, ist aber überall zu unterqueren. Der Transrapid kann aber auch (fast) ebenerdig fahren. Da der Zug den Fahrweg von zwei Seiten eng umfaßt, kann er nicht entgleisen. Auch ein Zusammenstoß zweier Züge ist unmöglich, weil der elektromagnetische Antrieb Fahrten immer nur in eine Richtung zuläßt.

501 km/h - schnellste kommerzielle Magnetbahn

Noch im Mai war Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei ihrem Besuch in China mit dem Transrapid gefahren, wohl wissend, daß in Deutschland umstritten ist, ob es sich bei der Magnetschwebebahn um ein in die Zukunft weisendes Projekt handelt oder nicht. In der Volksrepublik wurde bereits am 31. Dezember 2002 der Probebetrieb auf einer 30 Kilometer langen Strecke von Shanghai zum Flughafen Pudong gestartet.

Am 12. November 2003 erzielte der Transrapid dort einen neuen Rekord von 501 Stundenkilometern als schnellste kommerzielle Magnetbahn. Anfang 2004 wurde der Regelbetrieb als fahrplanmäßig schnellstes spurgebundenes Fahrzeug der Welt aufgenommen. Unabhängig davon entwickelt China seit 2003 eine eigene Magnetschwebebahn, die die gleiche Kerntechnik wie der Transrapid verwendet. Dabei wird befürchtet, China könnte die deutsche Technologie einfach kopieren.

Bau in München soll Anfang 2007 beginnen

Erst am Mittwoch hatte sich der frühere Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) in Shanghai für eine deutsche Vorzeigestrecke ausgesprochen. Eichel hatte Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) auf einer Chinareise begleitet, die dieser jedoch am Freitag abbrach, um so schnell wie möglich nach Deutschland zurückzukehren. Auch der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) fordert seit langem, den Zeitplan für den Bau der Transrapid-Strecke in München vom Hauptbahnhof zum Flughafen zu straffen.

Bis Anfang nächsten Jahres sollten die Voraussetzungen geschaffen sein, um mit dem Bau zu beginnen. Stoiber bekräftigte im Frühjahr die Forderung, daß der Bund seine bislang zugesagte Förderung in Höhe von 550 Millionen Euro erhöhen müsse. Die Gesamtkosten für das Münchner Vorhaben werden mittlerweile auf mehr als die bisher genannten 1,6 Milliarden Euro geschätzt.

Quelle: F.A.Z., 23.09.2006, Nr. 222 / Seite 11

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Öffentlicher Nahverkehr Tarifreform soll Sprünge beim Fahrpreis beenden

Der RMV beginnt im April mit einem Pilotprojekt zur Tarifreform. Dadurch sollen Sprünge beim Ticketpreis verhindert werden - billiger werden Busse und Bahnen dadurch aber nicht. Mehr Von Hans Riebsamen, Frankfurt

25.01.2016, 08:40 Uhr | Rhein-Main
Mehrere Verletzte Zug in Indien entgleist

Im Süden Indiens, im Bundessstaat Tamil Nadu, ist ein Expresszug entgleist. Ein Sprecher der indischen Bahngesellschaft sagte, man untersuche die Ursachen für den Unfall. Mehr

05.02.2016, 10:15 Uhr | Gesellschaft
Infrastruktur Die Bahn investiert ins Schienennetz - auf 850 Baustellen am Tag

Schienen, Weichen und Brücken werden erneuert. Kostenpunkt: 5,5 Milliarden Euro kosten. Die Kunden müssen mit Verzögerungen auf einigen Strecken rechnen. Mehr

01.02.2016, 13:58 Uhr | Wirtschaft
Australien Mann stoppt Autodieb mit Sprung

Mit einem tollkühnen Satz hat ein Autobesitzer in letzter Sekunde den Diebstahl seines Fahrzeuges verhindert. Mehr

14.01.2016, 02:00 Uhr | Gesellschaft
Bahn bekommt Konkurrenz Fernverkehr per Crowdfunding

Das Unternehmen Locomore möchte von September an mehr Kunden auf die Schiene holen. Es will auch in Frankfurt und in Darmstadt Station machen - zunächst braucht die Firma aber Geld. Mehr Von Sven Ebbing, Frankfurt

28.01.2016, 16:30 Uhr | Rhein-Main

Dunja Hayali „Wir Journalisten machen Fehler – aber deshalb sind wir noch keine Lügner“

Moderatorin Dunja Hayali hält bei der Verleihung der Goldenen Kamera eine weithin beachtete Rede gegen den Hass, Moritz Bleibtreu erklärt Eitelkeit zum größten Feind der Schauspieler, die britische Band Coldplay hat Wissenslücken – der Smalltalk. Mehr 21



Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden