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Madrid : Hauptstadt des Mülls

  • -Aktualisiert am

Stadtbummel im Müll: Madrid am Sonntag an der Metro-Station Opera Bild: AFP

Spaniens Hauptstadt hat für nichts mehr Geld, auch nicht für die Reinigung der Straßen. Die Einwohner Madrids leiden unter dem Müllstreik – aber auch unter der Fehlbesetzung im Rathaus.

          Madrid sieht seit einer Woche aus wie ein umgekippter Mülleimer. Und das ist volle Absicht. Denn ein Teil der Müllmänner, die sonst die spanische Hauptstadt sauber halten, marodiert als rabiate Streikposten durch die Straßen, reißt Plastiksäcke auf und verstreut den Inhalt über die schon angesammelten Halden. Daneben zünden die Müllmänner Container an, treten Papierkörbe durch das Viertel und schlitzen die Reifen ihrer eigenen Fahrzeuge auf. Die noch arbeitswilligen Kollegen, welche die mit den Gewerkschaften vereinbarten Minimaldienste leisten, tun das unter Polizeischutz.

          Hintergrund des Arbeitskonflikts ist die schlichte Tatsache, dass die Stadt mit ihren drei Millionen Einwohnern, die sieben Milliarden Euro Schulden vor sich her schiebt, für nichts mehr Geld hat. Hier spiegelt sich die große spanische Krise im lokalen Schaufenster: tiefe Schnitte bei den Kultursubventionen, Einsparungen bei den Schulen und Krankenhäusern, Privatisierungsversuche in der Not. Letzteres gilt auch für den Müll. Die Stadt hat die Reinigung an vier Unternehmen vergeben und dann im Sommer die Verträge gekündigt.

          Kein Ende in Sicht

          Bürgermeisterin Ana Botella, die auf diesem Weg einige Millionen einsparen wollte, dachte zunächst, das sei kein Problem. Erstens fand sie, dass Madrid genau besehen schon ein bisschen zu sauber sei. Und zweitens könnten die Firmen sich ja durch Kürzungen bei Löhnen und Personal der neuen Lage anpassen. Als sie beides unter Druck beschlossen, organisierten die Gewerkschaften diesen Ausstand, für den noch kein Ende in Sicht ist. Und er verwandelte sich inzwischen, wie man im Rathaus beklagt, in eine Art „Stadtguerilla mit Sabotage und Vandalismus“, die allein durch zerstörtes öffentliches Eigentum schon mit einer halben Million Euro zu Buche schlägt.

          In Madrid stinkt freilich nicht nur der Müll. Die Stadt, die in den Jugendjahren der Demokratie international durch „La Movida“ bekannt wurde – das Wort stand für Lebensfreude, Freizügigkeit in jeder Beziehung und ein reichhaltiges Kulturangebot – hat den Blues. Plötzlich will den Madrilenen nichts mehr glücken. Zum dritten Mal nacheinander scheiterten sie mit ihrer Bewerbung für Olympische Spiele. Das in vielerlei Hinsicht zweifelhafte Projekt „Eurovegas“ – ein Glücksspiel- und Kongresszentrum, das 17 Milliarden Euro an Investitionen und eine Viertelmillion Arbeitsplätze in einen tristen Vorort bringen soll – ist noch nicht endgültig sicher. Noch steht das Rauchverbot im Wege.

          Ana Botella
          Ana Botella : Bild: Europa Press via Getty Images

          Doch damit nicht genug. Ausgerechnet in einem Rekordjahr für Spanien, das voraussichtlich die Marke von 60 Millionen Besuchern überspringen wird, brach der Hauptstadttourismus ein. Der Flughafen ist mangels direkter Verbindungen von dem in Barcelona überflügelt worden. Sogar das Prado-Museum verlor ein Viertel seines noch immer stattlichen Zustroms. Salz in die Wunden einer Stadt, die keinen Strand, sondern nur ihre attraktive Umtriebigkeit hat, streuen nun noch vergleichende internationale Erhebungen.

          Das Reputation Institute kam in seiner jüngsten „CityRepTrak“-Studie von 100 Großstädten zu dem Ergebnis, dass Madrid im Urteil der Ausländer nicht nur merklich hinter Rom, London und Paris, sondern auch hinter seine schönere einheimische Schwester Barcelona zurückgefallen sei. Und in einer Umfrage der Europäischen Kommission zu 83 Städten des Kontinents traten nicht nur die rufschädigenden neuen Defizite Madrids bei Verkehr, Bildung und Kultur zutage. Auch was die Luftverschmutzung, den Lärm und eben die Sauberkeit angeht, zählte es zu den Schlusslichtern – bei der Sauberkeit lag die Stadt allerdings noch vor Berlin.

          Die Ursachen für den Niedergang sind so vielfältig wie die Erholungsrezepte. So werden mehr Direktflüge, mehr Luxushotels und mehr kulturelle Attraktionen verlangt. Doch da wären wieder Mittel nötig, welche die Stadt nicht hat, bevor die Wirtschaft des Landes wieder wächst. Hinzu kommt, dass die Führung im Rathaus auf keinem Gebiet – dem kulturellen vorneweg – einen sonderlich kompetenten Eindruck macht.

          Ana Botella, die erste Frau an der Spitze, wirkt mit jedem Tag mehr wie eine Fehlbesetzung. Sie kam in dieser Hochburg der konservativen Volkspartei durch Protektion und Zufall auf ihren Posten. Zunächst plazierte ihr Mann, der ehemalige Ministerpräsident José María Aznar, sie im Kabinett des Vorgängers Alberto Ruíz-Gallardon. Als dieser dann als Justizminister in die Regierung des Ministerpräsidenten Mariano Rajoy wechselte, rückte sie auf, ohne, wie ihre Kritiker sagen, in freier Rede auch nur einen zusammenhängenden Satz sagen zu können.

          So ist guter Rat teuer, und die Madrilenen tänzeln derweil in der Hoffnung auf bessere Zeiten vorsichtig durch ihre vermüllten Gassen und über die Gehsteige. Die Frage, ob man in dieser Lage vielleicht etwas weniger auf dieselben fallen lassen könnte, stellte sich bislang nicht ernsthaft. Als ein Gaststättenbesitzer von einer Fernsehreporterin gefragt wurde, ob er denn vor habe, selbst mit dem Besen das Areal vor seinem Lokal zu fegen, erwiderte er mit erfrischendem Freimut: „Nein, denn der Dreck ist Sache der Stadt.“

          Quelle: F.A.Z.

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