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Lottofieber Rekordjackpot: Ansturm auf die Annahmestellen

15.12.2004 ·  Die Deutschen stürmen angesichts des 25-Millionen-Rekordjackpots die Lottoannahmestellen. Mancherorts werden die Spielscheine knapp. Kann Lotto auch süchtig machen? Fragen an den Spielsucht-Experten Gerhard Meyer.

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Das Lotto-Fieber in Deutschland steigt in neue Höhen. Angelockt durch den Rekord-Jackpot von rund 25 Millionen Euro zieht es die Menschen vor der Ziehung am Mittwoch abend erneut scharenweise in die Lotto-Annahmestellen. „Von Jackpot-Müdigkeit kann keine Rede sein“, sagte ein Sprecher der Westdeutschen Lotteriegesellschaft (WestLotto) in Münster. Auch aus den benachbarten Niederlanden reisten Lotto-Spieler an. Aus Thüringen wurde gemeldet, daß zeitweise die Spielscheine knapp wurden. Angesichts des höchsten Jackpots aller Zeiten spielen auch viele Menschen, die sich sonst nie am Lotto beteiligen.

Andere spielen dagegen Woche für Woche - oft immense Summen. Steckt auch im Lottospielen die Gefahr einer Sucht? Professor Dr. Gerhard Meyer, Psychologe an der Universität Bremen, beantworter im F.A.Z.-Interview Fragen zur Spielsucht.

25 Millionen Euro sind im Jackpot. Die Spieler stürmen die Annahmestellen. Kann Lottospielen süchtig machen?

Ja, aber nicht so leicht wie andere Glücksspiele. Süchtige suchen schnelle Spielabfolgen. Das höchste Suchtpotential haben Automaten, weil im Sekundentakt das nächste Spiel möglich ist. Dadurch erlebt man kaum den Verlust. Wenn man verloren hat, kann man sofort weitermachen - und die Hoffnung auf Gewinn kommt wieder ins Spiel. Dieser Prozeß ist im Lotto gestreckt.

Aber es gibt heute mehr Möglichkeiten?

Ja: Mittwochslotto, Sportwette im Internet und private Lotterien. In einigen Bundesländern gibt es jetzt auch Keno-Spiele mit täglicher Ziehung im Fernsehen. Man muß zwei bis zehn Zahlen aus der Zahlenreihe eins bis siebzig voraussagen. Man gewinnt dabei sogar, wenn man keine Zahl richtig getippt hat. Das erhöht das Suchtpotential.

Und wie viele süchtige Lottospieler gibt es in Deutschland?

Das kann man nur schätzen. Rund 4000 süchtige Spieler suchen im Jahr eine Beratungsstelle auf. Hochgerechnet kommt man auf 80 000 bis 140 000 süchtige Spieler, das wären 0,1 bis 0,2 Prozent aller Deutschen. In vergleichbaren Ländern liegt die Quote bei ein bis zwei Prozent, so daß unsere Zahlen die untere Grenzen markieren.

Meist sitzen Süchtige in der Spielhalle?

Ja. Der Anteil der Hilfesuchenden, die mit Lotterien ein Problem haben, liegt bei sechs Prozent - und die spielen oft nicht nur Lotto. Das Denken in Gewinnabläufen führt dazu, daß Spielsüchtige über Lotto versuchen, Schulden in den Griff zu bekommen. Manche Glücksspielsüchtige haben sich sogar in den Spielbanken sperren lassen und sind umgestiegen auf Lotterien. Lotto-Süchtige glauben, dem Erfolg systematisch auf die Sprünge helfen zu können. Sie neigen zu exzessivem Spielverhalten, weil sie über persönliche Fähigkeiten meinen, Einfluß nehmen zu können. Wenn der Zufall dann Erfolg bringt, verstärkt das nur das Verhalten.

Mit Wahrscheinlichkeiten kann man diesen Leuten also nicht kommen?

Wenn einmal die Grenze überschritten wurde, wird man mit Informationen kaum etwas ausrichten. Es wäre wichtiger, vor dem Glücksspiel über Gewinnwahrscheinlichkeiten zu informieren.

Das machen die Lottogesellschaften nicht?

Doch. Dank des neuen Lotterie-Staatsvertrags sind sie verpflichtet, über die Spielsuchtgefahren zu informieren. Vereinzelt werden die Texte nun auch sichtbar ausgehängt.

Verstärkt der 25-Millionen-Euro-Jackpot die Spielsucht?

Hohe Gewinne fördern das Spielverhalten. Es wächst eine Glücksspiel-Mentalität in der Bevölkerung. Man glaubt, das Lebensglück über die Teilnahme am Spiel zu machen.

Und das Angebot expandiert?

Ja. Es wird zum Beispiel über eine neue Spielhallen-Verordnung diskutiert, die Gewinne von 500 Euro in der Stunde an den Groschengräbern zulassen soll. Und denken Sie auch an die Gewinnspiele im Fernsehen.

Amerikanische Verhältnisse . . .

In Las Vegas war ich gerade zu einer Konferenz über Spielsucht. Die Stadt expandiert gewaltig. In Australien nimmt der Staat zwölf Prozent der Steuereinnahmen über Glücksspiel ein - 2,2 Prozent der Australier haben Spielsuchtprobleme. Und in Großbritannien werden im nächsten Jahr Internet-Glücksspiele legalisiert. Auch Deutsche werden dann auf einer lizenzierten britischen Casino-Website zocken können. Zudem haben in Deutschland private Anbieter Konzessionen für Sportwetten aufgekauft. Private und staatliche Anbieter stehen in Konkurrenz und schaukeln sich gegenseitig hoch in Werbung und Angebot. Immerhin versucht man es nun vielfach mit Maßnahmen zum "responsible gaming".

Was heißt das?

Spielbanken legen Flyer aus. Es gibt Schulungen für Casino-Mitarbeiter, so daß sie problematische Spieler erkennen und auf sie zugehen.

Welche Einrichtungen gibt es für Spielsüchtige?

Spielsucht ist als eigenes Krankheitsbild anerkannt, die Kosten der Behandlung werden übernommen. Allein 124 Gruppen der anonymen Spieler gab es 2003 in 84 Städten. Dazu gibt es Suchtberatungsstellen. Und stationäre Einrichtungen haben allein im Jahr 2003 mehr als 500 süchtige Spieler behandelt.

Die Fragen stellte Alfons Kaiser

Quelle: dpa / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.12.2004, Nr. 293 / Seite 11
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