Ein rätselhafter Lichtschweif hat an Heiligabend im Süden Baden-Württembergs für Aufregung gesorgt und eine große Suchaktion ausgelöst. Am Ende stellte sich heraus: Das geheimnisvolle Weihnachtslicht war ein verglühender Teil einer Sojus-Rakete.
„Innerhalb von 10 Minuten gingen über 60 Anrufe ein; die weiteren konnten gar nicht mehr registriert werden“, teilte die Polizei in Tuttlingen am Sonntag mit. Weil mehrere Zeugen von einem möglichen Flugzeugabsturz in Neuhausen ob Eck berichteten, löste die Polizei Alarm aus und setzte alle verfügbaren Kräfte zum Absuchen der Gegend ein. Auch Feuerwehren und Rettungsdienste waren im Einsatz.
„Alle Anrufer, Autofahrer, Passanten, Gottesdienstbesucher, die auf dem Weg zur Kirche waren, sahen am klaren Himmel einen leuchtenden Feuerball mit einem Schweif auf die Erde stürzen, der sich am Ende in mehrere brennende Einzelteile auflöste“, berichtete der Tuttlinger Polizeisprecher Wolfgang Schoch. „Die meisten der Zeugen vermuteten einen Flugzeugabsturz, waren tief erschrocken. Bei vielen von ihnen kam dabei der Zusammenstoß zweier Verkehrsmaschinen vor wenigen Jahren bei Überlingen in Erinnerung.“
Glänzende Kinderaugen
Nach zwei Stunden konnten die Ermittler einen Flugzeugabsturz ausschließen und die Aktion abbrechen, aber der Grund des Himmelsphänomens war zunächst unklar. Ursache könnte ein Komet gewesen sein, der bei Schweinfurt in Bayern niederging, hieß es. Erst am Sonntag stand fest, dass ein verglühendes Stück der Sojus-Rakete den Lichtschweif hinter sich her gezogen hatte, also Weltraumschrott. „Es handelte sich dabei um eine Oberstufe der Sojus-Rakete, die kürzlich drei Weltraumfahrer zur Internationalen Raumstation ISS gebracht hat“, sagte Bernhard von Weyhe, Sprecher der Europäischen Weltraumbehörde Esa in Darmstadt.
Das Himmelsphänomen war über Teilen Deutschlands, Belgiens, Frankreichs und der Niederlande zu sehen. Vielerorts sorgte es für Aufregung. Hörer riefen aufgeregt bei Radiosendern an. Was war das bloß? Eine Sternschnuppe, eine Rakete oder gar der Weihnachtsmann mit seinem Schlitten? Eine Hörerin des Radiosenders Antenne Thüringen meinte: „Ganz toll, es war sehr beeindruckend.“ Eine andere Hörerin berichtete: „Auch wir haben das Lichtspektakel gesehen, auf dem Heimweg von der Kirche. Unsere Tochter fand es wie eine Kutsche vom Weihnachtsmann mit Elchen.“
Über sechzig Tonnen Weltraumschrott im Jahr
„Die Raketenteile sind etwa 80 Kilometer über der Erde verglüht. Die Flugrichtung war von Westen nach Osten“, erklärte von Weyhe. „Beim Eintritt in die Atmosphäre hatten sie etwa eine Geschwindigkeit von 25.000 bis 28.000 Stundenkilometern.“ Eine Gefahr für die Menschen auf der Erde habe zu keiner Zeit bestanden. „Je weiter Teile in die Erdatmosphäre eintreten, desto mehr zerbrechen und verglühen sie.“ Nach Angaben des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt DLR erreichen jährlich 60 bis 70 Tonnen Weltraumschrott die Erde.
Am Mittwoch war eine Sojus-Rakete vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan gestartet, um drei Weltraumfahrer zur Internationalen Raumstation ISS zu bringen. Am Freitag hatten der Russe Oleg Kononenko, der Amerikaner Donald Pettit und der Niederländer André Kuipers planmäßig den Außenposten der Menschheit in 350 Kilometern Höhe erreicht.