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Epidemie in Westafrika : Liberia könnte Ebola als erstes Land besiegen

  • -Aktualisiert am

Eine Mutter wartet mit ihrem erkrankten Kind in Monrovia auf die Behandlung. Einen neuen Ebola-Fall gab es in dem Land seit 18 Tagen nicht mehr. Bild: dpa

Seit Wochen gibt es kaum mehr neue Infektionsfälle in Liberia. Die Infrastruktur, die während der Epidemie errichtet wurde, soll dem Land auch in Zukunft helfen.

          Es ist schwer nachzuempfinden, was Joseph F. Korpu im vergangenen Jahr durchlebte. Der junge Liberianer arbeitete als Leichenbestatter. Nicht selten brachen Ebola-Kranke auf offener Straße zusammen und starben, blieben jedoch tagelang liegen, weil die Menschen Angst hatten und das staatliche Gesundheitssystem überfordert war. Korpu wollte helfen. Eines Tages wurden er und seine Mitarbeiter zum Haus seines Cousins gerufen. „Es war so traurig. Ich trug meinen Schutzanzug, und als ich meinen Cousin sah, stiegen mir die Tränen in die Augen. Ich musste ihn in einen Leichensack heben und zum Krematorium bringen“, sagt Korpu.

          Trotz dieser Erfahrungen blickt Korpu wieder nach vorne. Er hat Übung darin. Vor nicht langer Zeit wütete in Liberia ein Bürgerkrieg, der das kleine Land an der Küste Westafrikas zerrüttete und unser Bild vom schwarzen Kontinent auf Jahre hin noch weiter verdüsterte: Kindersoldaten, Blutdiamanten, Gemetzel an der Bevölkerung. „Ebola hat uns wieder viele Freunde und Familien genommen. Das zerreißt einem das Herz. Aber wir müssen weitermachen.“

          Korpu hat auch nach dem Abklingen der Seuche weiter mit Tod und Krankheit zu tun. In Liberia gehören sie zum Alltag. Die Lebenserwartung liegt bei nur 60 Jahren. Die Ebola-Krise nahm nur deswegen so große Ausmaße an, weil das Gesundheitssystem des Landes in einem maroden Zustand ist. Korpu arbeitet heute in einer Krankenstation des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Monrovia, Liberias Hauptstadt. Die Station ist ein Teil des deutschen Beitrags zum Kampf gegen Ebola in Westafrika. Sie soll weiterbestehen, auch wenn die Seuche besiegt ist.

          Am Donnerstagabend hatte die Station Besuch aus Deutschland, von einer Delegation unter Führung des Entwicklungsministers Gerd Müller (CSU) und des Gesundheitsministers Hermann Gröhe (CDU), die sich bis zum Freitag über die Ebola-Lage informieren und eine Strategie für die Zeit nach der Seuche erörtern wollte. Seit Wochen gibt es kaum mehr neue Infektionsfälle in Liberia, und so könnte es Liberia als erstes Land der Region schaffen, die Ebola-Krise hinter sich zu lassen. Sie begann vor einem Jahr und kostete mehr als 10000 Menschen in Westafrika das Leben, allein 4200 in Liberia.

          „Deswegen beginnt jetzt hier als Erstes die Phase des Wiederaufbaus und der Entwicklungshilfe“, sagte Walter Lindner, der Ebola-Beauftragte der Bundesregierung, während Mitarbeiter des DRK den Besuchern die Krankenstation zeigten. „Wir sind hier, um dieses Kapitel aufzuschlagen und zu erkunden, was man jetzt machen kann.“

          Das DRK-Behandlungszentrum war im Dezember fertiggestellt worden, zu einem Zeitpunkt, als es kaum noch Ebola-Patienten in Liberia gab. Das Zentrum stand leer. Schnell entschloss man sich deshalb, es in eine Station für die Behandlung anderer schwerer Infektionskrankheiten wie Malaria, Masern und Meningitis umzuwandeln und so Liberia zu helfen. Der Aufbau eines Gesundheitssystems hat gegenwärtig Priorität bei der deutschen Entwicklungshilfe in Liberia. Zum Ende dieses Monats soll das DRK-Zentrum an das liberianische Rote Kreuz und die Regierung übergeben werden.

          Deutschland will weiter helfen

          Etwa fünf Milliarden Dollar gibt die internationale Gemeinschaft im Kampf gegen Ebola nach Westafrika. 195 Millionen Dollar kommen aus Deutschland. Nun will das Bundesministerium für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit zusätzlich 37 Millionen Euro für den Wiederaufbau Liberias geben.

          Musste auch die Leiche seines Cousins bergen: Joseph F. Korpu half in Liberia während der Ebola-Krise.

          In Monrovia versicherte Entwicklungsminister Gerd Müller, dass von Deutschland finanzierte Projekte genau kontrolliert würden. „Es geht kein Euro in korrupte Kanäle und kein Euro direkt an staatliche Institutionen“, sagte Müller. Liberia ist für Korruption berüchtigt, die bis in die Familienkreise der Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf reicht. So kommt es, dass Liberia trotz seines Rohstoffreichtums eines der ärmsten Länder Afrikas ist. Dies könne nicht sein, sagte Müller. „Leider macht Liberia nicht die Fortschritte, die wir uns erwarten.“ Bei einem Gespräch mit der Präsidentin sollte auch die Korruption zur Sprache kommen.

          Vier Millionen Menschen leben in Liberia. 70 Prozent sind jünger als 35 Jahre alt. Die große Mehrzahl ist arbeitslos. Die liberianische Regierung verspricht Tausende neue Arbeitsplätze im Gesundheitssektor. Doch die Bevölkerung glaubt ihr nicht mehr. Seit ihrer Wahl 2006 gelobt die Präsidentin, Korruption und Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, bislang ohne Erfolg. Am Ausgang des DRK-Zentrums demonstrierten am Donnerstag denn auch junge Liberianer und hielten Schilder in die Höhe. Sie baten um Jobs und skandierten: „Deutschland, lass uns nicht allein.“

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