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Leipzig Architekt entdeckt unberührte DDR-Wohnung

24.01.2009 ·  Good Bye, Lenin: Ein Leipziger Architekt hat eine fluchtartig verlassene DDR-Wohnung entdeckt, in der seit 1989 niemand mehr gewohnt hat. Sie bietet einen einzigartigen Einblick in das Leben ihres ehemaligen Bewohners.

Von Christian Geinitz, Leipzig
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DDR-Museen, Ostalgie-Shows, der Ossi-Versand – sie alle versuchen, den untergegangenen deutschen Teilstaat wieder greifbar zu machen. Als neue sinnliche Erfahrung für die Jugend und die Westdeutschen, als verklärte oder schmerzliche Erinnerung für die Ostdeutschen. Doch kaum eine der Konservierungsbemühungen reicht in ihrer Authentizität an das heran, was der Leipziger Architekt Mark Aretz bei der Sanierung eines Wohnblocks im Osten der Stadt vorfand: eine fluchtartig verlassene DDR-Wohnung, in der seit 1989 niemand mehr gewohnt hat. Bis zu ihrer Renovierung, die in diesen Tagen abgeschlossen wird, bot sie einen einzigartigen Einblick in die Welt der Marken und Haushaltsgegenstände der DDR. „Als wir die Tür öffneten, fühlten wir uns wie Howard Carter, der das Grab von Tutanchamun findet“, sagt Aretz. „Es lag alles durcheinander, aber trotzdem war es eine historische Schatzkammer, eine Schleuse in eine längst vergangene Zeit.“

Seit der Wende hat Aretz gut 150 Gebäude mit mehr als tausend Wohnungen erneuert. Immer wieder stößt er dabei auf skurrile und makabre Relikte. In einem Haus findet er die Uniform eines Mayors der Nationalen Volksarmee, in einem anderen alle Ausgaben der „Leipziger Volkszeitung“ seit 1938. Zwischen den Papierstößen entdecken die Sanierer den Leichnam des Sammlers, eine alten Mannes.

Alles deutet auf einen überstürzten Aufbruch hin

Bis zu ihrem Umbau ist auch in der Leipziger Zweiraumwohnung an der Crottendorfer Straße die Zeit buchstäblich stehengeblieben. Der Wandkalender in der Küche zeigt August 1988 und feiert den zehnten Jahrestag des „Weltraumflugs UdSSR-DDR mit dem ersten Kosmonauten der DDR, Sigmund Jähn“. Darunter steht eine urtümliche Waschmaschine ohne Wasseranschluss, gefüllt mit schmutziger Bettwäsche. Im Küchenschrank, neben den Schubladen mit Aluminiumbesteck, hängt ein Dederon-Netz aus dem Brotfach, eine praktische Einkaufshilfe der DDR-Zeit. Die winzigen Brötchen darin sind ebenfalls original, löchrig wie Schwämme zerspringen sie bei Berührung wie Eis. Auf dem Tisch und der Anrichte stehen dreckiges Geschirr, ein voller Aschenbecher, eine leere Flasche Kristall-Wodka – im Volksmund „Blauer Würger“ genannt –, ein halbvoller Salzstreuer, eine Glasschütte mit Zucker, ein Becher „Delikateßmargarine Marella“ mit dem Aufdruck „250g + 10g“. In einem Topf auf dem zweiflammigen Gasherd kleben Speisereste.

In einer Leipziger Wohnung lebt die DDR weiter

„Alles deutet auf einen überstürzten Aufbruch hin“, sagt Aretz. „Wir vermuten, dass sich der letzte Bewohner im Wendefrühling 1989 aus dem Staub machte.“ Der Auszug erfolgte derart überhastet, dass viele persönlichen Papiere zurückblieben: Briefe, Fotos, Abrechnungen, ein Fahrzeugschein, sogar ein Sparbuch. Seit dem Abgang haben allenfalls die Hausverwaltung, Tippelbrüder oder Liebespärchen die Wohnung betreten. Vielleicht auch die Volkspolizei, denn offenbar war der letzte Bewohner mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Das jüngste datierte Dokument ist ein Durchsuchungsprotokoll für einen Wohnwagen Ende Mai 1989. In dem Schreiben wird der 24 Jahre alte Leipziger, nennen wir ihn Heiko Schwarz, einer Straftat verdächtigt. Die Polizisten stellten ein Tonbandgerät und vier Spulen sicher. Von Schwarz selbst gibt es eine frankierte, aber nicht mehr abgesandte Postkarte vom 11. April 1989.

„Was willst Du denn schon wieder in Potsdam?“

Kaum einen Monat zuvor hatte der junge Mann, ausweislich einer Bescheinigung der „Strafvollzugseinrichtung Leipzig“, eine einjährige Haftstrafe beendet. Aus der Vollzugszeit existiert der Brief eines Freundes, der Schwarz in fehlerhaftem Deutsch Trost spendet: „Du hast mir geschrieben, das du von kein anderen Post bekommst, deine Eltern kümmern sich wo nun nicht mehr um Dich?“ In einem anderen Schreiben geht Schwarz’ Schwester mit ihrem Bruder – der seine Post offenbar von Zellengenossen schreiben ließ – hart ins Gericht. „Du sollst das selber auslöffeln, was Du dir auch selbst eingebrockt hast. Ich sagte auch, daß Du von keinem groß Hilfe in Anspruch nehmen kannst, denn alle haben Deine großen Worte satt.“ An anderer Stelle heißt es für die Zeit nach der Entlassung: „Was willst Du denn schon wieder in Potsdam? Geht Deine Rumtreiberei wieder los? Dann melde Dir doch gleich eine neue Zelle an.“

Aretz nimmt an, dass sich Heiko Schwarz in den Wendewirren nach Westdeutschland absetzte, nichts deutet darauf hin, dass er je in seine alte Wohnung zurückgekehrt ist. Unabhängig von dem persönlichen Schicksal spiegelt sein früheres Zuhause eindrücklich die Realität des Alltags in der DDR. Auf einem Schild im Hauseingang sind die Eintragungen „Hausbuchführender“, „Straßenvertrauensmann“ und „VP-Revier“ erkennbar. Die Toilette liegt – natürlich – auf halber Treppe. Es gibt in der Wohnung kein Bad, nur eine Zinkwanne im Schlafzimmer, die aufrecht neben dem Kleiderschrank lehnt. Statt der damals raren Kacheln hängt in der Küche eine Folie mit Fliesenmotiv. Die Mustertapeten in den Wohnräumen sind wasserlöslich bemalt, nicht bedruckt, Aretz kann die Farbe mit einem feuchten Finger verwischen.

Zahncreme von „Elkadent“

Bemerkenswert, vor allem für westdeutsche Augen, ist die Fülle an Markenwaren, die jedem Geschäft mit Ostprodukten Ehre machen würde und bei Internet-versteigerungen vermutlich einigen Erlös erzielte: Flaschen von „Vita Cola“, „Cola Hit“, „Sternburg Vollbier“ oder „Turmbräu“; Tomaten-Ketchup zum EVP (Endverbraucherpreis) von 1,35 Mark, eine Dose „Rügener fischhaltige Paste“, eine Tüte „Salzsticks ofenfrisch verpackt“; Christbaumkugeln, die in der DDR ebenso scheußlich waren wie im Westen; drei Paar „Strumpffüßlinge“ von Esda aus Thalheim; Streichhölzer und eine „Füllfix“ genannte Nachfüllpackung für Feuerzeuge des VEB Zündwaren Riesa; ein Eimer mit brauner Fußbodenfarbe aus der Lackfabrik Köthen; Zigaretten der Marken „Karo Rund“ und „Juwel“; Zahncreme von „Elkadent“, Schuhputzmittel des VEB Kunstblume Sebnitz; eine Erkältungscreme von Pulmotin.

„Hier gibt es nicht ein einziges West-Produkt“, sagt Aretz begeistert wie ein Schatzgräber, findet dann aber doch ein altes Deodorant von Henkel. „Das hat ihm sicher jemand aus dem Westen mitgebracht“, vermutet der Architekt.

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Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.

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