18.08.2010 · Jahrelang ging die Klage, es fehlten Ausbildungsplätze. Nun aber mangelt es oft an Bewerbern. Nicht nur ostdeutsche Handwerksbetriebe müssen sich einiges einfallen lassen, um überhaupt noch Lehrlinge zu finden.
Von Stefan LockeUm Lehrlinge machte sich Hans-Joachim Waury bis vor drei Jahren keine Sorgen. Jeden Sommer konnte der Chef eines Cottbuser Fachhandels für Gabelstapler, Lager- und Reinigungstechnik aus einem großen Stapel Bewerbungen drei bis vier junge Leute wählen, die bei ihm eine Ausbildung als Mechatroniker oder Bürokaufmann begannen. „Das ging hier immer volles Rohr“, erzählt der Sechzigjährige. Über viele Jahre hatte er durchschnittlich zehn Auszubildende im Unternehmen. Doch dann war auf einmal Schluss. 2008 konnte er nur einen neuen Lehrling einstellen, 2009 mit Mühe zwei. Waren früher 25 Bewerbungen die absolute Untergrenze, erhält er heute höchstens noch fünf: „Und davon können Sie den Großteil gleich vergessen!“
Denn von den wenigen Leuten, die sich überhaupt noch bewerben, seien die meisten ungeeignet. „Die einen haben völlig falsche Vorstellungen, was sie hier erwartet“, sagt Waury. „Die anderen können nicht richtig rechnen und schreiben, bei vielen fehlt die Allgemeinbildung.“ Waury hat dafür einen Indikator. Jeder Bewerber muss bei ihm einen einstündigen Wissenstest absolvieren - Mathe, Physik, Lesen. Wie heißt der Bundespräsident? Wo findet die nächste Fußball-WM statt? - „Viele kriegen nicht mal mehr das hin“, sagt Waury.
Weniger Geburten als im Vatikan
Um aber nicht wieder ohne Lehrlinge dazustehen, musste er sich in diesem Jahr etwas einfallen lassen. „Wir haben das Niveau gesenkt“, gibt er zu, und man sieht förmlich, wie es ihn, in dessen Büro ein Porträt Friedrichs des Großen hängt, dabei graust. Durften früher nur Bewerber mit mindestens zwei Drittel richtigen Antworten zum Auswahlgespräch und zum Probearbeiten erscheinen, guckt er sich jetzt auch Leute an, die nicht mal die Hälfte des Tests bestanden haben. Und im Gegensatz zu früher muss ihn heute nicht der Lehrling überzeugen, sondern umgekehrt: „Da muss ich regelrechte Pirouetten drehen, damit der bei mir und nicht woanders unterschreibt.“
So etwas hat man Jahrzehnte nicht gehört; immer gab es im Spätsommer vor Beginn der neuen Ausbildungszeit die gleiche Botschaft: Alle Ausbildungsplätze sind weg, Tausende Bewerber ohne Stelle. In vielen Teilen der Republik ist das auch bis heute so, doch die Lage ändert sich dramatisch - und wie so oft zuallererst im Osten. Weil die Geburtenrate hier nach der Wende sogar unter der des Vatikans lag und noch immer viele junge Leute in den Westen abwandern, fehlt der Nachwuchs. Schon in den nächsten fünf Jahren wird sich die Zahl der 19 bis 24 Jahre Alten halbieren, und bis 2025 droht - mit Ausnahme der Ballungsräume Hamburg, München und Rhein-Main - auch dem Westen eine ähnliche Entwicklung, wie aus einer Analyse der Bertelsmann-Stiftung hervorgeht.
Von 600 gemeldeten Stellen sind 250 vergeben
In Brandenburg ist man ob der Geschwindigkeit des Wandels dennoch überrascht. „Wir haben die Dramatik unterschätzt“, sagt Knut Deutscher, Geschäftsführer der Handwerkskammer Cottbus. „Bis vor zwei, drei Jahren musste man sich hier überhaupt nicht drehen, um Lehrlinge zu bekommen.“ In diesem Jahr aber sind von den 600 gemeldeten Stellen im Bezirk gerade mal 250 vergeben, selbst sonst so heiß begehrte Plätze für Mechatroniker und Friseure seien noch frei - und das kurz vor Lehrbeginn. Deutscher weiß, dass interessierte junge Leute mittlerweile über Beziehungen und Mund-zu-Mund-Propaganda vermittelt werden.
Vor allem Handwerker und Mittelständler sind es nun, welche die Lehrlingsflaute hart trifft. Auf der jährlichen Bewerbermesse „Impulse“ im Frühjahr ist der kleine Stand der Handwerkskammer seit jeher übersichtlich besucht: „Die Großen schöpfen den Rahm ab.“ Zudem zahlen sie auch besser. Die Großen, das sind hier Vattenfall, BASF und die Sparkasse; fürs Handwerk, das Lehrlingen im ersten Jahr durchschnittlich 400 Euro bietet, bleibt nun so gut wie nichts mehr. Früher seien in den Betrieben Sozialbeiträge und Steuern das Hauptthema gewesen. „Heute reden wir fast nur noch über Nachwuchs, das kam beinahe über Nacht.“
Die Hoffnung kommt aus Polen
Die Lage kurzfristig zu drehen ist freilich schwierig. Es gibt jetzt eine Lehrlingsbörse im Internet, die Handwerker stellen sich in Schulen vor und bieten Schnupper-Praktika an. Werbung in den alten Bundesländern, wo dieses Jahr wieder viele ohne Lehrstelle dastehen? „Machen wir nicht“, sagt Deutscher. „Von dort kommt doch niemand zu uns.“
Stattdessen setzen sie hier nun auf Polen. Vom 1. Mai 2011 an dürfen auch Osteuropäer in Deutschland arbeiten, und die Handwerkskammer Cottbus plant bereits einen Vorbereitungskurs für mindestens zwölf polnische Schulabgänger, die ab Mai bis zum Lehrbeginn im August vor allem Deutsch lernen sollen. „Anschließend garantieren wir ihnen einen Lehrvertrag.“ Die Idee sei von den Unternehmen selbst gekommen, sagt Deutscher; viele seien ohnehin längst jenseits der Grenze aktiv.
„Kampf um junge Leute“
Die Arbeitslosigkeit in der Nachbarregion Grünberg (Zielona Góra) ist mit 26 Prozent etwa doppelt so hoch wie in der Region Cottbus, die Zahl der Schulabgänger liegt um 50 Prozent höher. „Mir ist egal, woher die Leute kommen“, sagt Hans-Joachim Waury. „Hauptsache, sie sind früh pünktlich da und machen das, was gefordert wird.“ Dass die Jugendlichen aus Osteuropa dringend gebraucht werden, sagt auch der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, Otto Kentzler: „Gerade für das ostdeutsche Handwerk ist die Lage schon heute bedrohlich.“ 2009 konnten mehr als 1000 Lehrstellen nicht besetzt werden, im nächsten Jahr drohe ein neuer Tiefpunkt. Dann gebe es im Osten rund 115 000 Schulabgänger weniger als 2003. Die Industrie- und Handelskammern Cottbus, Potsdam und Frankfurt/Oder haben bereits Anwerbe-Programme für Polen aufgelegt; vom „Kampf um junge Leute“ ist die Rede.
Um sich dafür zu wappnen, genügt jedoch nicht allein der Blick ins Nachbarland; auch auf Polen kommen geburtenschwache Jahrgänge zu. Die Unternehmer können sich nicht mehr wie früher die Rosinen aus den Bewerbungen picken, sondern müssen ihren Blick für andere Gruppen - Berufsumsteiger, Lehrabbrecher, Ältere - öffnen sowie ihren Auszubildenden mehr bieten. Einer, der das schon lange macht, ist Matthias Arnold. Der Zweiunddreißigjährige ist Fleischermeister in Kraupa bei Elsterwerda im Südwesten Brandenburgs. Fleischer sei noch nie attraktiv gewesen, sagt er: „Der Beruf schreckt ja viele erst mal ab.“ Sehr früh raus, schwer heben, immer wieder Blut, und das alles auch noch tief in der Provinz; 600 Einwohner leben hier im Ort, bis in die nächste Großstadt sind es um die hundert Kilometer; da hätten viele schon per se „keinen Bock“.
Wer gut aussieht, kommt hinter die Theke
Doch der Betrieb wächst, gerade haben sie zum vierten Mal angebaut, nur der kleine Laden an der Straße erinnert noch an die einstige Dorffleischerei, die zu DDR-Zeiten drei bis vier Schweine pro Woche verarbeitete. Heute sind es vierzig Schweine am Tag, die Ware wird in 13 eigenen Filialen verkauft. 120 Mitarbeiter hat Arnold jetzt, darunter 16 Lehrlinge, die Fleischer oder Verkäufer lernen; jedes Jahr braucht er fünf bis sieben neue. „Die standen auch früher nicht von allein vor der Tür“, sagt Arnold. „Da muss man schon Außergewöhnliches bieten.“ Bei ihm sind das Chancen auf den Aufstieg zum Fleischermeister oder Filialleiter, aber auch Leistungsprämien, eigene Lehrlingswohnungen sowie ein eigenes Auto, das der beste Lehrling nach seinem Abschluss ein halbes Jahr lang fahren darf. „Hier fährt der beste Lehrling Brandenburgs“ steht an der Heckscheibe des Gefährts.
Darüber hinaus hat Arnold auch mit dem unattraktiven Image seines Berufs aufgeräumt. Zwar ist das Fleischerhandwerk weiterhin die Basis, die Lehrlinge aber lernen auch, Waren zu disponieren, neue Wurstsorten zu kreieren und im Laden zu verkaufen. „Alle Jungs, die gut aussehen, kommen bei uns auch hinter die Theke“, sagt Arnold. Viele seien anfangs scheu, aber bei den Frauen - immerhin 90 Prozent der Kundschaft - komme das „wahnsinnig gut“ an. „Wenn ein Mann live im Laden Schnitzel schneidet und noch eine Empfehlung zum Braten gibt, wirkt das kompetent.“ Und umsatzfördernd obendrein.
80 Prozent der Belegschaft sind eigener Nachwuchs
Trotz allem bleiben auch Arnolds nicht von der Schulabgängerflaute verschont. „Statt Sechzehnjähriger bewerben sich heute Achtzehn- bis Zwanzigjährige“, sagt Ivonne Arnold, die sich um das Personal kümmert. Das aber sei gar nicht schlecht, im Gegenteil. „Die Leute sind reifer und knien sich mehr rein.“ Matthias Arnold sagt: „Wer bei uns zeigt, dass er was kann und die Arbeit sieht, kriegt seine Chance.“ Selbst Förderschüler mit Vierer-Zeugnis haben es bei ihm schon zum Abschluss gebracht. Mittlerweile sind 80 Prozent der Belegschaft eigener Nachwuchs, und das sei gut fürs Unternehmensklima. „Es gibt immer wieder Jugendliche, die meinen, mit Hartz IV besser zu fahren“, berichtet Arnold. Doch dafür hat er kein Verständnis: „Denen muss doch klar sein, dass sie ohne Ausbildung keine Chance auf einen Job haben.“ Viele deutsche Jugendliche seien einfach zu satt, sagt Hans-Joachim Waury, der auch Hoffnung in die jungen Polen setzt. Für das neue Lehrjahr hat er nun Spiel-Elektrobaukästen angeschafft, um seine Lehrlinge für die Schule fit zu machen: „Damit werden wir lernen, Volt und Ampere zu unterscheiden, Physikstoff Klasse fünf.“