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Sonntag, 19. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Lehrerbewertung im Internet „Offen mit den Schülern sprechen“

28.06.2009 ·  „Spickmich.de“ darf es nach einem Urteil des BGH weiter geben. Lehrer halten das Portal zwar für pubertär, die Macher aber glauben, dass die anonyme Benotung von Lehrern im Internet zu einem besseren Unterricht führen kann.

Von Stefan Locke
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Der geheime Wunsch der Klägerin ging am Tag nach dem Gerichtsurteil in Erfüllung. Die Internetseite „Spickmich.de“, auf der Schüler anonym ihren Lehrern Zensuren geben können, war nicht mehr erreichbar. Der Ansturm auf das Bewertungsportal war so groß, dass die Server kurzerhand zusammenbrachen. „Sorry, versucht es später noch einmal“ war alles, was am Bildschirm noch zu erfahren war. „Die Publicity der letzten Tage hat einen enormen User-Schub gebracht“, sagt „Spickmich“-Mitarbeiter Andreas Horatz, der seit Mittwoch hauptsächlich damit beschäftigt ist, die Plattform technisch am Laufen zu halten.

Am Dienstag hatte der Bundesgerichtshof in Karlsruhe verkündet, dass Schüler ihre Lehrer auf „Spickmich.de“ benoten dürfen. Es ist das vorläufige Ende eines Rechtsstreits, den es seit mehr als zwei Jahren gibt - und damit beinahe so lange wie das Zensurportal selbst. Im Februar 2007 hatten drei Kölner Studenten die Idee, analog zur Online-Evaluation von Universitätspersonal unter Adressen wie „Meinprof.de“ auch mal Lehrer bewerten zu lassen. Seitdem können Schüler ihren Paukern in zehn Kategorien Noten geben, darunter „guter Unterricht“, „fachlich kompetent“ und „vorbildliches Auftreten“ sowie „motiviert“, „beliebt“ und „cool und witzig“. Der Durchschnitt aller Einzelbewertungen ergibt eine Gesamtnote, die auf einem Zeugnis mit dem Namen des Lehrers und der Schule auf der Seite veröffentlicht wird. Das wiederum können nur registrierte Schüler der jeweiligen Schule selbst einsehen, Fremdgucken ist nicht möglich.

Informationelle Selbstbestimmung gegen freien Meinungsaustausch

Mit Kritik hatten die Gründer gerechnet - nicht aber damit, dass sie sich umgehend vor Gericht würden verantworten müssen. Doch der Deutsch- und Religionslehrerin Astrid C. aus Neunkirchen-Vluyn in Nordrhein-Westfalen ging so viel Schülerfreiheit entschieden zu weit. Über eine Kollegin sei sie auf das Portal aufmerksam geworden, sagt ihr Anwalt Burkhard Reiß; seine Mandantin selbst möchte sich nach wie vor nicht öffentlich äußern. Was sie damals erfuhr, war wohl wenig erfreulich; mit der Gesamtnote 4,3 hatte sie bei ihren Schülern gerade mal „ausreichend“ abgeschnitten. Astrid C. verlangte daraufhin, ihren Namen samt Zeugnis von der Seite zu entfernen. „Die Daten sind ohne ihre Einwilligung verwendet worden“, sagt Reiß. Aufgrund der anonymen Bewertung sei zudem nicht klar, ob wirklich nur Schüler die Zensuren abgegeben hätten. Außerdem könnten Lehrer nicht darauf reagieren.

Doch das Landgericht und das Oberlandesgericht Köln wiesen die Klage genauso ab wie nun der Bundesgerichtshof. Es gehe um einen grundsätzlichen Konflikt, sagte Gerda Müller, Vorsitzende Richterin in Karlsruhe. Wiegt das Recht auf informationelle Selbstbestimmung mehr oder der freie Meinungsaustausch? Das Gericht entschied sich für Letzteres und stellte klar, dass Veröffentlichungen über Berufliches nicht den gleichen Schutz genießen wie öffentliche Äußerungen über Privates - vorausgesetzt, die Veröffentlichungen enthalten keine Schmähungen oder gar Intimes.

„Ich wollte wissen, ob ich dort vertreten bin“

Die Kläger sehen das freilich völlig anders. „Die BGH-Entscheidung kann in keiner Weise überzeugen“, sagt Reiß. Ob jemand cool oder witzig sei, habe mit der beruflichen Beurteilung wenig zu tun. „Wir prüfen, ob wir Verfassungsbeschwerde einlegen.“ Das wünscht sich auch der Vorsitzende des Lehrerverbands, Josef Kraus, in seinem stilistisch freilich nicht ganz sauberen Satz: „Vergröberte und verengte Internet-Urteile über Lehrer sind, zumal solche Urteile beliebig manipulierbar sind, überhaupt nicht hilfreich.“

Eine gewisse Aufmerksamkeit ist den „Spickmich.de“-Machern also auch künftig gewiss; allein die Aufregung um die Seite scheint künstlich und fehl am Platz zu sein. Rund 1,5 Millionen Nutzer haben sich dort mittlerweile registriert, die meisten sind zwischen zwölf und 17 Jahre alt. Allerdings sei nicht mal die Hälfte davon auch regelmäßig aktiv, geben die Macher zu, also kaum jeder Zehnte der neun Millionen Schüler in Deutschland. „Der Bewertungs-Trend war unter den Schülern eigentlich schon vorbei“, sagt Katharina Herrmann aus Bremen. Die Siebenundzwanzigjährige unterrichtet Englisch und Mathematik an einer Gesamtschule und hat sich selbst schon mal ein Schülerprofil auf „Spickmich.de“ zugelegt. „Ich wollte wissen, ob ich dort vertreten bin.“ Sie war es nicht, entdeckte aber einen Kollegen, der wohl das gleiche Ansinnen hatte.

Nutzer tauschen sich über ihre Lehrer aus

Die „Spickmich“-Macher wissen, dass sich auch Lehrer bei ihnen einloggen. „Einige legen sogar gleich mehrere Profile an, um so ihren Schnitt nach oben zu treiben“, sagt Andreas Horatz. „Häufig entdecken jedoch die Schüler einer Klasse selbst, wenn sich dort jemand Fremdes herumtreibt, oder unsere Redaktion fischt die Schwindler raus.“ Mindestens zehn Bewertungen für einen Lehrer seien nötig, um dessen Zeugnis überhaupt öffentlich zu machen, im Durchschnitt komme jeder Lehrer im Portal auf 35 Wertungen.

Katharina Herrmann hat kein Problem damit, dass Schüler anonym Noten verteilen. „Es wäre aber gut, wenn auch die Lehrer offiziell Zugang hätten, damit sie die Kritik sehen und in der Klasse darüber reden können.“ Für gefährlich hält sie dagegen Schulgruppen auf Portalen wie „StudiVZ“ und „SchülerVZ“. Dort tauschten sich Nutzer für jeden einsehbar über ihre Lehrer aus und gingen dabei oft sehr ins Persönliche.

Fehlende Gesprächsbereitschaft sei ohnehin ein Hauptgrund für den Erfolg von Seiten wie „Spickmich.de“, sagt Sabine Gerold von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). „Zu solchen Mitteln greifen Schüler doch nur, wenn kein Vertrauensverhältnis im Klassenzimmer herrscht.“ Die Kollegen sollten das zum Anlass nehmen, um über Offenheit und Transparenz an ihren Schulen zu sprechen, sich allerdings auch nicht verrückt machen lassen.

„Zwischenschritt zur Lehrerbeurteilung an allen Schulen“

Die Macher von „Spickmich.de“ behaupten gern, mit ihrem Portal Schulprobleme aufzudecken und für besseren Unterricht zu sorgen. Beliebt ist das Beispiel eines bayerischen Physiklehrers, der von seiner Gesamtnote 4,8 (“durchgefallen“) erfuhr, mit seinen Schülern darüber sprach und anschließend den Unterricht komplett umstellte, ihn durch Experimente belebte und mehr erklärte. „Im darauffolgenden Schuljahr kam der Mann auf eine 2,2, und die Schüler haben sich bei uns bedankt“, erzählt Horatz.

Die Dresdner Gymnasiallehrerin Sabine Guth hält von solchen Geschichten wenig. Es habe nichts mit Gleichberechtigung zu tun, wenn auf einmal auch Schüler Noten geben dürften. „Ich kann mich doch auch nicht abends im Internet verstecken, sondern muss meine Schüler immer von Angesicht zu Angesicht beurteilen“, sagt die einunddreißigjährige Deutsch- und Ethiklehrerin. „Dieses anonyme Mütchenkühlen finde ich unreflektiert und pubertär.“ Im Kollegium freilich spiele das Thema keine große Rolle. „Wir haben es mal kurz besprochen, und das war's.“ Ob sie selbst bewertet wurde, weiß sie nicht. „Und selbst wenn, werde ich mir doch nicht die Blöße geben, mich darüber auch noch öffentlich zu beschweren.“

Astrid C. aber scheint ihre Klage nicht geschadet zu haben. Im vergangenen Schuljahr verbesserte sie sich auf eine 3,2; insgesamt achtzig Schüler haben sie bewertet. „Sie hat offensichtlich an sich gearbeitet“, sagt Horatz, der die kontroversen Diskussionen auch aus eigenem Erleben kennt. Die Eltern der „Spickmich“-Gründer seien ebenfalls Lehrer, was zu anfänglichen Verwerfungen geführt habe. „Wir verstehen uns ohnehin als Zwischenschritt zur institutionalisierten Lehrerbeurteilung an allen Schulen.“ Und wenn das das Aus für das Portal bedeuten würde? „Dann wären wir auch nicht traurig.“

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