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Lehrer und das Abitur Reifeprüfung für Frau Rieber

 ·  Gerade stecken Hunderttausende Schüler im Abitur. Woran die wenigsten denken: Auch für ihre Lehrer steht einiges auf dem Spiel. Wie fühlt es sich an, zum letzten Mal mit einer Klasse ins Abitur zu gehen? Ein Abschlussbericht.

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© Wolfgang Eilmes „Hätte ich mehr tun können?“ - Angelika Rieber während der Abiturprüfungen in ihrer Schule

An Frau Rieber hat keiner gedacht. Als sie am Morgen ihres letzten Abiturs über den Schulhof stiebt, schallen ihr lautlos Mutmachsprüche und Anfeuerungsrufe entgegen: „Abitor. Go for Goal, Anna!“ - „Lieber Philipp! Mit minimalem Aufwand das Maximale rausgeholt!“ - „Edwin. Wenn nicht mit Abi, dann mit Pumpgun.“ Frau Rieber aber hat kein Auge für die bunten Plakate und Betttücher, schnell schlüpft sie in das graue Schulgebäude. Sie hat es eilig. Ist aufgeregt. Denn auch für Frau Rieber ist heute ein besonderer Tag. Ein Prüfstand ihrer Arbeit. Der Anfang vom Abschied.

Angelika Rieber ist Lehrerin für Geschichte, Politik und Wirtschaft, eine kleine Frau, die Haare kurz, mit großen Ohrringen und großem Herz. Seit mehr als 34 Jahren unterrichtet sie. Sechs Leistungskurse hat sie zum Abitur geführt, ein Dutzend Grundkurse, ein paar hundert Schüler insgesamt, so genau weiß sie das selbst nicht mehr. Und jetzt sind ihre letzten 17 Schützlinge dran.

Das Abitur, Nachweis allgemeiner Hochschulreife, ist in Deutschland von Generation zu Generation bedeutsamer geworden - und mit Bedeutung beladen worden. Heute scheint es das Ziel aller Schüler- (und Eltern-)Träume zu sein, erste Entscheidungsschlacht für ein künftig erfolgreiches Leben. Der Druck ist enorm. Doch wenn er dann abfällt, wartet auf die Abiturienten eine neue Freiheit, die weite Welt. Auf ihre Lehrer aber, die sie so lange begleitet haben, wartet nach dem Abschied nur die nächste Klasse. Oder, wie bei Angelika Rieber in diesem Jahr, die Pensionierung.

Hastig steigt Frau Rieber in den ersten Stock, denn dort bekommt sie von der Schulleitung die Prüfungen, in vier dicken, braunen A4-Umschlägen. Eine Kommission aus Fachlehrern hat sie im Auftrag des hessischen Kultusministeriums erstellt, der Studienleiter der Frankfurter Ernst-Reuter-Schule hat sie am Tag zuvor von einem Server heruntergeladen, ausgedruckt und über Nacht in seinen Tresor geschlossen. Höchste Geheimhaltung bis kurz vor der Prüfung, und so ist auch Frau Rieber nervös, als sie den ersten Umschlag öffnet.

„Für mich ist das Abitur mehr als eine Prüfung“, sagt sie. „Jetzt zeigt sich, ob ich meine Schüler angemessen auf den nächsten Lebensabschnitt vorbereitet habe. Sind sie in der Lage, sich vorzubereiten, mit Stress und Nervosität umzugehen? Das ist eine Reifeprüfung.“

„Das verbindet wirklich“

Gut anderthalb Jahre hatte Frau Rieber Zeit, ihren „Leistungskurs Politik und Wirtschaft 2“ auf das Abitur vorzubereiten - und die 17 Schüler kennenzulernen, mit denen sie nun gemeinsam die Schule verlassen wird. Fünf Stunden pro Woche saß sie mit den zehn Mädchen und den sieben Jungs im Klassenzimmer, deren Eltern oder Großeltern nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Kroatien, Marokko, Indien, Eritrea, Italien, Bangladesch, Moldau, Afghanistan und der Türkei kommen. Sie machten einen Ausflug nach Wiesbaden in den Landtag und diskutierten mit Abgeordneten, sprachen mit jüdischen Zeitzeugen des Naziterrors. Eine Schülerin erzählte von den Erfahrungen ihres afghanischen Vaters. Sie veranstalteten Podiumsdiskussionen, schrieben Übungsklausuren, löcherten sich gegenseitig in mündlichen Probeprüfungen, trafen sich an den Wochenenden vor dem Abitur in einem nahegelegenen Kindergarten, um noch einmal außerhalb der Schule gemeinsam zu lernen.

“Das verbindet wirklich“, sagt Frau Rieber. Selbst wenn es mit dem ein oder anderen Spannungen gebe, am Ende blieben ihr die guten Seiten in Erinnerung. „Sie sind mir ans Herz gewachsen.“

In den Umschlägen vom Kultusministerium stecken drei Aufgaben, für jedes Halbjahr des Leistungskurses eine. Es geht um Wutbürger und Demokratie, um Libyen und das Völkerrecht, um die soziale Marktwirtschaft in Zeiten der Globalisierung. Zu jedem Thema gibt es einen Text von zwei bis drei Seiten, dazu ein Fragenkatalog. Frau Rieber überfliegt die Blätter, viel Zeit hat sie nicht, da geht es ihr genauso wie wenig später ihren Schülern, die sich für eine der drei Aufgaben entscheiden müssen.

Dann eilt Frau Rieber weiter das Treppenhaus hinauf in den dritten Stock, Raum 450. Dort stellt sie ein gelbes Blümchen auf das Pult und legt Schokokäfer auf die Tische. „Damit sich die Schüler ein bisschen wohl fühlen.“

Ihren Schülern, sagt Frau Rieber, versuche sie, menschlich auf Augenhöhe zu begegnen. Als Beraterin, aber keinesfalls als Freundin. Wenn Schüler sie auf Abiturfeiern zum Abschied umarmen, dann freut sie sich; aber niemals würde sie einen Schüler von sich aus umarmen. „Menschliche Nähe ist ein Angebot. Ich bin nicht diejenige, die die Nähe herstellt.“

An denLehrern bleibt viel hängen - auch private Probleme

Ihr eigenes Abitur machte Angelika Rieber auf einem gutbürgerlichen Gymnasium im Taunusstädtchen Kronberg. Als Willy Brandt 1969 zum Bundeskanzler gewählt wurde, fieberten sie und ihre Kameraden aus der Kollegstufe vor dem Fernseher mit. Wählen durften sie noch nicht, denn erst mit 21 wurden sie volljährig - die meisten also mit dem Ende der Schulzeit. Und so war das Abitur ein radikaler Schnitt, der lang ersehnte Schritt aus dem Elternhaus in die Selbständigkeit. Angelika Rieber konnte es gar nicht schnell genug gehen, ins Studentenwohnheim in Frankfurt zu ziehen. Endlich frei. Und unbeschwert.

Heute werden viele Schüler schon in der elften oder zwölften Klasse erwachsen - rechtlich jedenfalls. Emotional fallen aber viele in einen Schwebezustand, sagt Frau Rieber, der auch nach dem Abitur anhalte. Die Eltern geben die Verantwortung für ihre volljährigen Kinder oft ab, doch die sind damit überfordert. „Was verbindet ihr mit dem Wort Verantwortung?“, fragte Frau Rieber ihre Schüler einmal - und fast die ganze Klasse antwortete: „Eine schwere Last.“

So bleibt viel an den Oberstufen-Lehrern hängen, gerade an einer Gesamtschule wie der ERS. Orientierungslosigkeit, Depressionen, Magersucht oder Gewalt in der Familie - viele Schüler wissen da keine anderen Ansprechpartner als ihre Lehrer. Manchmal, sagt Frau Rieber, sei es fast zu viel, was man von den Schülern erfahre. „Das ist manchmal ein enormer Druck“, sagt sie. „Weil man merkt, dass da sonst niemand ist. Dass es kein Auffangnetz gibt für manche Schüler.“

Doch spätestens am Tag des schriftlichen Abiturs muss Frau Rieber loslassen. Ihre Schützlinge, die sie so lange trainiert hat, müssen allein aufs Feld. Frau Rieber bleibt nur der Platz am Rand, eingreifen und Hilfe geben darf sie nun nicht mehr. Vorne vom Pult beobachtet sie, wie die Schüler das Schreibpapier knicken, um den vorgeschriebenen Korrekturrand einzuhalten, wie sie nervös die drei Aufgaben hin- und herschieben, sich nicht entscheiden können. Und wie sie dann schreiben und schreiben, fast fünf Stunden lang.

„Es sind nur noch wenige Fossile übrig“

Frau Rieber hat nach zwei Stunden Aufsicht eine kurze Pause, sie verlässt das Klassenzimmer, um sich im Erdgeschoss ein dick belegtes Brötchen zu kaufen. Unterwegs trifft sie eine junge Kollegin, mit langen Haaren und jugendlichem Lachen. „Wie lief’s denn bei deinen an?“, fragt die Kollegin. „Ich hab ein gutes Gefühl“, sagt Frau Rieber. „Alle sind gekommen. Und es gab keine Panikreaktionen.“

Dann gehen die beiden wieder zurück in ihre Klassen, Frau Rieber und ihre Kollegin, die vielleicht Anfang, Mitte 30 ist. Als sie geboren wurde, unterrichtete Frau Rieber schon. Weil in den siebziger Jahren überall in Deutschland neue Gymnasien und Gesamtschulen gebaut und Tausende neue Lehrer eingestellt wurden, ist es eine ganze Generation, die derzeit mit den Abiturienten die Schulen verlässt. Hunderttausende Lehrer, die in den vergangenen Jahrzehnten die Schulen prägten, gehen nun. „Hier an der ERS sind nur noch wenige Fossile übrig“, sagt Frau Rieber. Und über die neue Generation, die die Fossile ersetzt, sagt sie: „Die jungen Lehrer stehen viel stärker unter Druck als wir damals. Die Konkurrenz ist größer. Oft sind sie strenger. Für sie ist Autorität viel selbstverständlicher, als sie es für uns war.“

Im Klassenzimmer, in dem ihr „LK PoWi“ noch immer schreibt, setzt sich Frau Rieber wieder vorne ans Pult. Sie beobachtet ihre letzten Schüler und lässt noch einmal die gemeinsame Zeit Revue passieren: Gespräche, Diskussionen, Alltagsszenen, die individuellen Schrullen. Zum Abschied will sie jedem Schüler eine persönliche Karte schreiben. „Abschied ist wichtig“, sagt sie. „Das muss zelebriert werden, damit klar ist: Nun beginnt ein neuer Lebensabschnitt.“

Trotz aller Neugier forscht sie ihren Schülern nicht nach

Die meisten ihrer Schüler, das weiß Frau Rieber, wird sie nach den letzten Prüfungen und nach dem festlichen Abiturball nicht mehr sehen. Sie bietet ihren ehemaligen Schülern zum Abschluss das „Du“ an - „als offenes Angebot“. Von sich aus versucht sie aber nicht, den Kontakt aufrechtzuhalten; trotz aller Neugier, wie sich ihre Schützlinge draußen in der Welt schlagen, forscht sie nicht nach. Aber sie freut sich, wenn sie zu Klassentreffen eingeladen wird oder einzelne Schüler sich bei ihr melden.

Manche bitten sie dann um Empfehlungsschreiben für Stipendien oder um Ratschläge bei der Studien- und Berufswahl. Eine ehemalige Schülerin erzählte Frau Rieber, dass sie sich in ihren Cousin verliebt habe, so wie es ihre kurdischen Eltern immer wollten, so, wie sie selbst es immer abgelehnt hatte. Eine andere meldet sich regelmäßig, weil sie wie Frau Rieber am 1. Mai Geburtstag hat. Die beiden gratulieren sich nun jedes Jahr, obwohl sie sich zu Schulzeiten immer wieder gezofft hatten. Im Nachhinein sagte die ehemalige Schülerin einmal: „Ich habe sehr viel von den Auseinandersetzungen mit Ihnen gelernt.“

Dann um viertel nach zwei ist Frau Riebers letzte Abiturprüfung vorbei. Die 17 Schüler stürmen aus dem Saal, ihre Lehrerin bleibt allein zurück, mit einem geschmolzenen Schokokäfer und einem gut 15 Zentimeter hohen Stapel Papier. Drei, vier Stunden, sagt Frau Rieber, werde sie an jeder Klausur korrigieren. Fließbandarbeit und Quälerei, die ihr den Abschied von der Schule erleichtern. „Ich freue mich auf die Freiheit. Und auch, dass ich am Montagmorgen endlich ausschlafen kann.“ Nur diese Lebendigkeit der Schüler, sagt Frau Rieber, die werde sie sehr vermissen.

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Jahrgang 1983, Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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