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Lebenswerk Klavier Bis dass der Ton uns scheidet

03.07.2010 ·  26 Jahre musste er darauf warten, jetzt hat er ihn sich selbst zum Geburtstag geschenkt: Für 90.000 Euro ließ sich Géza Losó einen Linkshänder-Flügel bauen. Losló ist der einzige Linkshand-Pianist in Deutschland.

Von Kim-Björn Becker
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Nach fast 26 Jahren war Géza Losó am Ziel. Just am Tag seines 50. Geburtstags, am 20. März 2001, luden die Spediteure den Konzertflügel aus dem Lastwagen und brachten ihn ins Musikzimmer des Pianisten. Es war nicht irgendein Klavier. Und es war auch nicht irgendein Pianist, der ihn in Empfang nahm.

Viele seiner Kollegen hoffen darauf, dass ihre Musik länger Bestand hat als sie selbst. Die meisten scheitern an dem hohen Anspruch. Von einem bleiben bahnbrechende Aufnahmen im Gedächtnis, ein anderer lebt in Erinnerungen an mitreißende Konzerte weiter. Von Géza Losó wird das Linkshänder-Klavier in Erinnerung bleiben. Das Einzelstück, gefertigt vom Leipziger Klavierbauer Blüthner, ist das Ergebnis seiner langen Suche nach Perfektion. Es ist sein Lebenswerk.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Budapest geboren, besuchte Losó dort das Béla-Bartók-Konservatorium. Mit einer Jazzband reiste er danach durch Europa. Aus Angst, in Ungarn als Soldat eingezogen zu werden, kehrte er nicht mehr zurück. Losó bekam eine Stelle als Klavierlehrer in der Kreismusikschule Trier-Saarburg, nahe der Grenze zu Luxemburg. Er blieb, wurde 1982 deutscher Staatsbürger und konnte erstmals wieder gefahrlos in seine Heimat reisen.

Bunt und farbenfroh, doch irgendwie verzerrt

Schon in der Schule wollte er mit links schreiben. "Aus Angst, unter lauter Rechtshändern aufzufallen, habe ich aber auch mit rechts geschrieben." Mit acht Jahren erklärte ihm sein Vater, der selbst Lehrer für Klavier, Gitarre und Violine war, die Welt der 88 schwarzen und weißen Tasten. Für Losó ist diese Welt bunt und farbenfroh, doch irgendwie verzerrt. "Ich konnte im Studium technisch alles fehlerfrei spielen, aber ich hatte nie das Gefühl, dass es wirklich perfekt ist." Also probierte er alle Genres aus: Klassik, Jazz, Rock und Pop. So richtig gut fühlte es sich nie an. Er konnte den Rhythmus nicht gut halten, hatte Schwierigkeiten im Zusammenspiel mit seinen Kollegen. Auch begabte Klavierschüler, die ebenfalls Linkshänder waren, litten unter den Schwierigkeiten. Denn beim Klavierspiel übernimmt die rechte Hand die Melodiestimme, während die linke in fast allen Kompositionen mit den tiefen Basstönen die Begleitung spielt. Linkshändigkeit wird vererbt, zwischen zehn und zwanzig Prozent aller Menschen sind Linkshänder.

Nach dem Studium wollte Losó aus der vermeintlichen Schwäche eine Stärke machen. Man muss, so folgerte er, doch nur alles umkehren, mit der linken Hand die virtuosen Melodien spielen und mit der rechten die Begleitung. Die Idee reifte langsam, erst 1992 machte er aus seiner Vision ein handfestes Konzept. Er kehrte die Anordnung der schwarzen und weißen Tasten in Gedanken um und experimentierte mit unterschiedlichen Notensystemen. Insgesamt sieben hat er erdacht, und er erfand auch ein System, das die Linkshänder-Klaviatur perfekt ergänzt. Seine Anträge beim Münchner Patentamt scheiterten allerdings. Die Dokumentationsabteilung verwies auf eine Patentschrift vom 2. August 1899, in der ein Tüftler über ein Klavier mit zwei gegenüberliegenden und gespiegelten Tastaturen nachgedacht hatte. Die gespiegelte sollte auch "verkehrt herum" gespielt werden - also genau so, wie Losó es sich überlegt hatte. Es ist nicht überliefert, ob die Studie jemals gebaut wurde. Auch Losós zweites Projekt, eine gespiegelte Notation für Linkshänder, wurde in München nicht akzeptiert - man verwies auf ein bestehendes Patent aus Frankreich von 1927.

90.000 Mark für den Prototyp

"Für mich war es vor allem wichtig, dass ich meine Vision irgendwann umsetzen kann", sagt Losó heute. Während in den neunziger Jahren die elektronischen Keyboards modern wurden, tüftelte der Pianist mit einem rheinländischen Elektronikbetrieb einen Kasten aus, der die Signale der Keyboardtastatur umkehrt. "Allerdings ist der Anschlag der Plastiktasten künstlich und mit dem Gefühl eines echten Klaviers nicht zu vergleichen." Die 20 Geräte, die er fertigen ließ, verteilte er an seine linkshändigen Musikschüler und an seine drei Kinder, die allesamt Linkshänder sind und Klavier spielen.

Von 1995 an besuchte er jedes Jahr die Frankfurter Musikmesse und sprach Klavierbauer aus aller Welt an. Vier Jahre lang fand er keinen Mitstreiter. In der Zwischenzeit ließ sich der britische Pianist Christopher Seed ein Cembalo für Linkshänder bauen. Die beiden dachten über gemeinsame Konzerte nach, eine Kooperation kam aber nicht zustande. 1999 traf Losó auf der Musikmesse Knut Blüthner-Haessler, den Konstruktionschef des Leipziger Traditionsklavierbauers Blüthner. "Ich habe ihm gesagt, dass wir so etwas durchaus bauen können", erinnert sich Blüthner-Haessler an die Begegnung. "Am selben Tag haben wir den Auftrag erhalten. Das war sehr ungewöhnlich, normalerweise wird ein Vertrag nicht sofort unterzeichnet." Für etwa 90.000 Mark fertigten die Leipziger Klavierbauer den Prototyp. Losó konnte ihn zwei Jahre später präsentieren. "Der größte Aufwand bestand darin, einen gespiegelten Metallrahmen herzustellen, denn dafür gibt es natürlich noch keine Gussform", sagt Blüthner-Haessler. Außerdem mussten die Tasten verkehrt herum eingesetzt werden. Auch am Spielwerk waren Anpassungen nötig.

Einziger Linkshand-Pianist in Deutschland

Zurzeit wird in Leipzig ein zweites Linkshänder-Piano produziert - ein aufrechtes Klavier, kein Flügel, basierend auf einem Standardmodell des Herstellers. Es ist für Losós 13 Jahre alte Tochter Marilyn bestimmt. "Eine Serienproduktion ist derzeit noch nicht vorstellbar. Auf Anfrage können wir nun aber zwei Linkshänder-Klaviere herstellen", sagt Blüthner-Haessler. Für einen breitenwirksamen Erfolg des Linkshand-Klavierspiels fehlen nicht nur die Instrumente, sondern auch die Lehrer. Eine Umschulung von rechts- auf linkshändiges Klavierspiel hält der Pianist innerhalb von sechs Monaten für möglich. Die dazugehörigen Noten übersetzt Losó selbst. Er hat dafür sogar einen Notenverlag gegründet und druckt die Lehr- und Übungsbände im Keller seines Hauses.

In Deutschland ist Losó der einzige Linkshand-Pianist. Ob seine derzeit acht linkshändigen Schüler sich auch als Klavierlehrer für die Interessen der anderen linkshändigen Klavierspieler einsetzen werden, ist fraglich. Doch selbst dann hätte Géza Losó sein Ziel nicht verfehlt. Eine Revolution der Klavierwelt hatte er schließlich niemals im Sinn.

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