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Lebensmittel-Tüv Durchblick oder neues Dickicht?

04.05.2001 ·  Darauf hat die Verbraucherwelt gewartet: TüV-geprüfte Lebensmittel. Doch die Verbraucherschützer reagieren zurückhaltend.

Von Dieter Hoß
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Lebensmittel mit Tüv-Plakette, endlich Sicherheit beim Einkauf. Darauf haben die Verbraucher gewartet, sollte man meinen. Doch ein neues Zertifikat des Tüv Süddeutschland kommt just zu einem Zeitpunkt auf den Markt, da die Bestrebungen in die entgegengesetzte Richtung gehen. Das Siegel „Lebensmittel Tüv geprüft“ sei zum jetzigen Zeitpunkt kontraproduktiv, sagen die Kritiker.

Der Grund für die Skepsis liegt darin, dass es auf dem Markt bereits zahllose Prüf- und Qualitätssiegel gibt. Die bundesweite Verbraucher Initiative e.V. führt in ihrer über die Internseite www.label-online.de zugänglichen Datenbank 150 seriöse Siegel allein aus dem Lebensmittelbereich - mehr als 300 seien schätzungsweise auf dem Markt. Nimmt man die gesamte Produktpalette werde der Verbraucher beim Einkauf mit etwa 1000 Prüfzeichen bombardiert. „Die meisten sind nicht zu gebrauchen“, sagt Ralf Schmidt, Sprecher der Initiative, doch die Verbraucher hätten keine Chance ad hoc die Spreu vom Weizen zu trennen.

Jedes neue Siegel verwirrt

Jedes weitere Siegel sei daher ungeachtet hoher Qualität und Seriösität, wovon beim neuen Siegel des TÜV Süddeutschland auszugehen sei, kontraproduktiv. „Wir wollen dahin kommen, dass wir nur noch zwei Prüfsiegel haben: eines für Produkte aus ökologischem, eines für Produkte aus konventionellem Anbau“, erläutert Andreas Schulze die aktuellen Bestrebungen des Bundesverbraucherministeriums. „Nur so können wir dem Verbraucher den Weg zu gesundheitlich verträglichen Produkten ebnen und sichern“, sagt der Ministeriumssprecher. „Das wäre für uns hervorragend, wenn das durchginge“, betonte auch Verbraucher-Initiative-Sprecher Schmidt.

TÜV als Marke eingeführt

Die Macher des neuen Zertifikats setzen dagegen auf die eingeführte Qualitätsmarke „TÜV“. Dies allein mache das neue Siegel für Verbraucher bereits durchschaubar, ist sich Jochen Zoller sicher. Zoller ist einer von zwei Geschäftsführern des für die Vergabe der Marke zuständigen TÜV-Tochterunternehmens Vitacert. Zudem sei anhand einer im Prüfzeichen enthaltenen Nummer auf der Internetseite des im Januar gegründeten Unternehmens für jeden nachprüfbar, welche Produktionsprozesse des Produktes, das er im Supermarkt gekauft hat, überwacht worden seien. Demnächst seien diese Informationen über einen Barcode-Scanner auch dirket im Laden abrufbar, sagt Zoller.

Keine Konkurrenz

Die Bemühungen von Verbraucherministerin Renate Künast (Grüne) sollen durch das neue Tüv-Siegel nicht torpediert werden, beteuert Zoller. „Wir werden allerdings nie Standard werden“, will der Vitacert-Geschäftsführer das sein Zertifikat allerdings nicht in die Reihe anderer seriöser Prüfsiegel einordnen. Vor allem, da die Tüv-Lebensmittel-Plakette nur vergeben werde, wenn die gesetzlichen Qualitätsstandards deutlich übertroffen würden. Gegenüber FAZ.NET signalisierte Zoller jedoch Gesprächsbereitschaft mit dem Künast-Ministerium, das seinerseits ebenfalls den Tüv Süddeutschland an den bereits laufenden Verhandlungen mit Prüfsiegel-Anbietern beteiligen möchte.

Verbraucher entscheidet

„Die Tendenz, auch von seriöser Seite neue Zertifizierungen einzuführen, sehen wir mit Sorge“, hält Verbraucher-Intiative-Sprecher Schmidt die Kritik dennoch aufrecht. Offenbar gehe es den Prüfsiegelanbietern in erster Linie darum, neue Einnahmequellen zu erschließen, und erst dann an die Verbraucher zu denken. „Der Verbraucher wird entscheiden“, gibt auch Vitacert-Mann Zoller zu, dass „die Gefahr besteht“, dass das neue Tüv-Siegel trotz aller Vorteile im Label-Dschungel untergeht. Und was dann? Zoller: „Das ist eine gute Frage.“

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