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Las Vegas Die Sünde lebt

02.05.2005 ·  Las Vegas wird im Mai hundert Jahre alt. Das Dorado für Zocker fürchtet um seinen schlechten Ruf: Man will weg vom Image der Familientauglichkeit. Neuerdings sind wieder Sex und Porno angesagt.

Von Melanie Mühl
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Oscar B. Goodman schwört auf Sex. Die Stadt müsse endlich und endgültig zur „Freiheit der Sinnlichkeit“ zurückkehren, forderte Las Vegas' Bürgermeister im Jahr 2003, und sämtliche Casino-Besitzer frohlockten.

Die Wüstenmetropole, jene auf Sand und Illusionen gebaute Stadt, die am 15. Mai 2005 ihren hundertsten Geburtstag feiert: ein Sinnbild nihilistischer Vergnügungslust. Eine perfekte Symbiose aus Glücksspiel und Sextourismus. Nicht nur Milliarden werden in Las Vegas verzockt, dort strippen auch rund 15000 Frauen und Mädchen, begleitet vom Bimmelkonzert der Slotmaschinen, verfolgt von den Blicken der Spieler. „Exotic dancers“ nennt man sie.

Porno-Oscars im Miniaturvenedig

Längst hat auch die amerikanische Pornofilmindustrie die Stadt entdeckt. Im Januar eines jeden Jahres treffen sich im „Venetian“, jenem Hotel, das Venedig in Miniaturformat unter einen künstlich leuchtenden Himmel packte, die Mächtigen der Szene und verleihen „The Oscars of Porn“.

Für jeden Konzern, der Pornofilme produziert, bedeutet dieses Datum Rampenlicht und Werbeplattform zugleich. Wo sonst ließen sich die eigenen Videokassetten und Stars besser vermarkten? Vor zwei Jahren kamen dazu die hübschesten Playboyhäschen in die Wüste und feierten in der „Sincity“ den fünfzigsten Geburtstag des Magazins. Daß sich inmitten dieser Sündenstadt die Weltzentrale der „Sex Workers Anonymous“ befindet, eine Selbsthilfegruppe für Prostituierte, ist wenig überraschend.

Whiskyschenke im Wüstensand

Die puritanischen Mormonen dachten gewiß an nichts dergleichen, als sie sich 1854 in der Wüste Nevadas niederließen und eine kleine Siedlung gründeten. Sie blieben nur einige Jahre. Helen Steward, Witwe und Ranchbesitzerin, aber blieb. 1882 zog sie gemeinsam mit ihrem Mann in die Einsamkeit. Ein enttäuschter Goldsucher überließ dem Ehepaar sein Anwesen. Erst im Jahre 1903 trennte sich die Rinderzüchterin von großen Teilen ihres Landes und verkaufte sie an eine Eisenbahngesellschaft. Das war die Geburtsstunde der Bahnlinie zwischen Los Angeles und Salt Lake City. 1200 Parzellen entstanden auf diese Weise.

Aus etlichen Landesteilen reisten die Interessenten an und sicherten sich ein Stück Grund. 265000 Dollar verdiente die Bahngesellschaft an der Versteigerung, das Fünffache des einstigen Kaufpreises. Jener Tag, der 15.Mai 1905, gilt seither als Gründungsdatum der Stadt Las Vegas. Es dauerte nur ein Jahr, bis das erste Hotel, das „Golden Gate Hotel“, eröffnete, bis einige Bretterbuden im Sand standen, bis der Whiskey floß, die Würfel rollten und einsame Bahnarbeiter ihren Lohn bei Prostituierten ließen.

Mehr Besucher als in Mekka

Las Vegas im Jahr 2005 ist eine Stadt, die in Superlativen denkt und alle Kategorien zu sprengen scheint. Eine Stadt, für die scheinbar weder Grenzen noch Gesetze existieren. 1940 lebten dort rund 8400 Menschen, mittlerweile haben sich im Großraum Las Vegas zwei Millionen Einwohner niedergelassen, und jeden Monat kommen sechstausend hinzu. Derart schnell wächst keine andere Stadt in den Vereinigten Staaten. Und keine Stadt der Welt zieht derart viele Besucher in ihren Bann, nicht einmal Mekka. Nach Las Vegas reisten im vergangenen Jahr 37Millionen Menschen, die meisten von ihnen Amerikaner.

Zwölf Milliarden Dollar investierten internationale Bauherren im vergangenen Jahrzehnt in die berühmteste Hotelmeile der Stadt, den „Strip“. Nirgendwo sonst verschluckte je eine rund drei Kilometer lange Strecke ähnlich viele Dollarnoten.

Feilen am zwiespältigen Ruf

„Sin city has found its soul“: Sündhafter und freizügiger zeigt sich Las Vegas seit einigen Jahren; hartnäckig feilt die Stadt an einem zwiespältigen Ruf. In den Lobbys der feineren Hotels sitzen junge Frauen und warten auf wohlhabende Kunden, während die Leuchtreklamen entlang des Las Vegas Boulevards immer häufiger mit Vergnügungen fernab des Glücksspiels locken. Eine Art Rückbesinnung auf einstige Traditionen. Auf das Jahr 1931, als einige tausend Arbeiter den gigantische Hoover-Damm errichteten und der Besucherstrom kaum eine Ende nehmen wollte, als der Bundesstaat Nevada Glücksspiel und Prostitution wieder legalisierte.

Die Stadt schloß sie alle in ihre Arme: Casino-Betreiber, Prostituierte, Scheidungsanwälte, Zuhälter und Mafiosi wie Benjamin (“Bugsy“) Siegel. Er kam 1940, die Casinobesitzer zahlten ihm Schutzgeld, und es dauerte nicht lange, da regierte der New Yorker Gangster ganze Stadtgebiete. Seine Obsession aber, der Bau des „Flamingo“, kostete Siegel das Leben, überstieg der Preis doch deutlich die Schätzungen. Betrug, glaubten seine Bosse und richteten Bugsy in dessen Villa in Beverly Hills hin.

Metamorphose der Stadt zum Themenpark

Etliche Verwandlungen durchlebte Las Vegas seither, etliche Milliarden schluckte die Stadt und ebenso viele Träume. Investoren kamen und gingen, entwarfen eine Luxusmetropole und breiteten den Schleier des Künstlichen darüber.

In den achtziger Jahren, als immer weniger Menschen nach Las Vegas reisten und der Zocker-Markt gesättigt schien, brach die Ära der Themenhotels an. Steve Wynn, Geschäftsmann und Visionär, ließ damals für die ungeheuerliche Summe von siebenhundert Millionen Dollar das Luxushotel „Mirage“ am Las Vegas Boulevard entstehen. Ein Koloß mit 3044 Zimmern, vor dessen Toren ein künstlicher Vulkan Feuer speit. Wynn war es auch, der die Künstler Siegfried & Roy engagierte und sie mit ihren weißen Tigern allabendlich auftreten ließ. Viele Hotelklötze wie das „Mirage“ sollten noch folgen. Der Glaube, daß sich in Las Vegas die Welt vereine, schien dabei alle miteinander zu verbinden. Geglückt war die Metamorphose der Stadt zum Themenpark.

Florierende Pornoindustrie

Selbst Familien mit Kindern entdeckten plötzlich den Reiz der Wüstenmetropole, die Welt in Gestalt von extravaganten Hotelbauten war eng zusammengerückt. Wenige Schritte trennen New York und Ägypten; Paris liegt von Rom nur einen Steinwurf entfernt. Die Familienfreundlichkeit drohte der Stadt zum Verhängnis zu werden, denn weder Wasserrutschen noch Streichelzoos versprachen Millionengewinne. Gestört fühlten sich die Zocker am Pokertisch, wenn Kinder aufgescheucht umherliefen, verfolgt von hysterisch kreischenden Müttern. Die großzügigsten Gäste aber sind genau sie, Männer zwischen 25 und 49 Jahren. Das zeigen Statistiken. Und das wissen auch Hotelbesitzer und Casino-Betreiber.

Vermutlich wissen sie auch, daß die Bevölkerung der Vereinigten Staaten jährlich rund vier Milliarden Dollar für Video-Pornographie ausgibt. Eine Zahl, die auf zehn Milliarden steigt, zählt man die Ausgaben für Telefonsex, den Besuch kostenpflichtiger Internetseiten sowie das abrufbare Sex-Programm in Hotels hinzu. Für Pornographie lassen Amerikaner jährlich mehr Geld als für Kinokarten: Etwa 800 neue Sexfilme bot der amerikanische Markt seinen Kunden im Jahr 1990, zehn Jahre später waren es rund 11000.

Zurück zur sündigen Vergangenheit

Las Vegas reagierte. Der von einem goldenen Löwen bewachte Hotelkomplex „MGM Grand“ läßt zu später Stunde zwölf barbusige Mädchen tanzen, die sich nach und nach aus ihrer ohnehin sehr spärlichen Bekleidung schälen. Unweit der Vergnügungsmeile öffnen stets neue Striplokale ihre Pforten, wie das „Sapphire“, das nachts hellblau schimmert. 25 Millionen Dollar soll das Projekt gekostet haben. Etwa 6000 Tänzerinnen finden sich in der Clubdatei. Zwei Jahre ist es her, daß im Hotel „New York - New York“ die Show „Zumanity“, eine 15 Millionen Dollar teure Produktion des „Cirque du Soleil“, Premiere feierte. Halbnackte Schwimmerinnen versuchen sich dort in erotischer Wasserakrobatik und lesbischem Liebesreigen, es wird gefesselt und geturnt.

Die Liste jener Erotikshows, in denen die Zukunft liegen soll, ließe sich endlos weiterführen. Kaum ein Hotel vertraut einzig auf die Anziehungskraft seines Casinos. Las Vegas ist dabei, wieder jene Sündenstadt der Vergangenheit zu werden. Vielleicht ist sie es schon.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.05.2005, Nr. 17 / Seite 54
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Jahrgang 1976, Redakteurin im Feuilleton.

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