05.02.2005 · Der Berliner Siegfried Rudolph baut den Schiffsaufzug von Niederfinow im Kleinmaßstab nach. Große Ausdauer und ein breites Erfindungsreichtum zeichnen den akribisch arbeitenden Baukünstler aus.
Von Jörg Niendorf, BerlinSeit zehn Jahren gibt es im Leben von Siegfried Rudolph ein unumstößliches Prinzip: Alle sechs Millimeter eine Niete. Das ist Rudolphs Raster. Er nietet ohne Unterlaß.
Mehrere Spezialzangen hat er schon konstruiert, um selbst in verwinkeltsten Ecken kleine Messingstifte in die vorgesehenen Bohrlöcher hineintreiben zu können. Meistens steht der kleine Mann dann auf einem Holzgerüst neben seinem Kunstwerk, das mittlerweile zu einem goldglänzenden Riesenkäfig herangewachsen ist. Der Berliner Feinmechaniker, 79 Jahre alt, baut ein Modell des Schiffshebewerks Niederfinow, das gerade 70 Jahre alt geworden ist. Der Schiffsaufzug an der Kante des Oderbruches war einst der größte seiner Art, ein Publikumsmagnet vom ersten Tag an. Auch Rudolph hatte ihn seinerzeit als Knirps bestaunt. Im Rentneralter wurde das Hebewerk für ihn zum Lebenswerk.
Längst ein Bestandteil des Deutschen Technikmuseums
Mit seiner Messingkopie entsteht das wohl aufwendigste Modellbauvorhaben eines einzelnen Konstrukteurs weit und breit. Keine Feierabendarbeit, kein fertiger Bausatz, keine Plastikkleberei. Rudolph plant und baut allein, pedantisch und detailversessen. Arbeitsbeginn ist morgens um sieben. Da nimmt der ehrenamtliche Baukünstler die gerade aktuelle Strebe, den Träger oder das Knotenblech zur Hand. Alles hat er selbst gestanzt. 75 000 Nieten stecken schon im Modell, 12 000 Stunden stehen im penibel geführten Arbeitsbuch.
Rudolph und sein goldenes Gerüst gehören längst zum Inventar des Deutschen Technikmuseums in Berlin. Dort hat er seine Werkstatt. Das Museum zahlt das Material, die Arbeit des Rentners bekommt das Haus umsonst von ihm. Für die Schiffahrtsausstellung baut Rudolph das Modell. Der Aufzug soll wie das Original mit Elektromotoren betrieben werden. Nur ohne Wasser im Trog.
„So etwas läßt man nicht im Stich“
„Dabei begann alles mit einem Irrtum“, sagt Rudolph. Im Sommer 1994 fiel ihm das Foto eines berühmten Vorkriegsmodells in die Hände, einer funktionsfähigen Miniatur, fünfzigmal kleiner als das Original, die nach 1945 angeblich nach Leningrad verschleppt wurde. Sie ist nie wiederaufgetaucht. „Angefertigt im Verkehrs- und Baumuseum Berlin“ habe unter dem Bild gestanden. Rudolphs Ehrgeiz war geweckt. Das wollte er, der ehrenamtliche Mitarbeiter im heutigen Technikmuseum, wiederholen. Also begann er zu rechnen, zu zeichnen, in Niederfinow zu fotografieren und zu tüfteln. Erst mehr als ein Jahr später erfuhr er, daß die damalige Kopie nicht von Museumsleuten, sondern in Köln bei einer Modellbaufirma gebaut wurde. Dutzende Fachleute waren damit beschäftigt. Für Rudolph jedoch gab es kein Zurück mehr: „So etwas läßt man nicht im Stich.“ Akribisch arbeitet er, genauso formt er seine Sätze. „Hätte ich gewußt, wieviel Erfindertum und wieviel Zeit ich brauchen würde, ich hätte nicht angefangen.“ Das sagt er heute - und es klingt gelogen. Er baut nach den Schnittzeichnungen des Originals. Mit höchster Sorgfalt. Zu Hause warten nur zwei Wellensittiche. Sie müssen sich manchmal lange allein vergnügen.
Das echte Hebewerk ist fast 100 Meter lang und 60 Meter hoch, die Kopie mißt zwei Meter mal 1,20 Meter. Sie sieht für Laien fast fertig aus. Museumsbesucher, die an der Werkstatt vorbeikommen, sagen es jedenfalls. Auf dem Dach steht bereits die verglaste Halle mit 128 Seilscheiben, um die später die Aufzugseile herumgeführt werden. Fertig sind auch die umlaufende Besuchergalerie und zwei Hubtore. Das Tor am Unterhafen fährt elektrisch auf und zu. Am tiefen Ende fing Rentner Rudolph an, er baut von Ost nach West. Eine knifflige Aufgabe ist derzeit das Hilfstor, ein zusätzliches Sicherheitsschott auf der Seite der Kanalbrücke. 120 Einzelteile hat er seit Monaten vorbereitet, sie liegen akkurat parat. Immer noch fehlen Stücke.
Wer kann es?
Aber die allerwichtigste Frage ist ohnehin eine andere: die nach einem Nachfolger. Er muß, er weiß es, bald kürzertreten. Weitere fünf Jahre Arbeit stecken jedoch in dem Projekt. Dabei ist die Brücke, die zum Hebewerk führt, nicht einmal einberechnet. Rudolph hatte nie vor, sie zu bauen. „Das ist keine konstruktive Herausforderung. Nur eine Fleißarbeit.“ Also noch fünf Jahre: „Wer kann es? Wer hat solch eine Ausdauer?“ Gerade war er mit einem Freund im echten Hebewerk zum Ortstermin. Dem würde er es zutrauen. Ein früherer Stahlbauer, ein Talent. Einer, der Rudolph und die Kopie eigentlich gut kennt. Und doch war dieser am Originalschauplatz schier überwältigt davon, wie perfekt sich Hebewerk und Modell gleichen. Kleinste Finessen erkannte er, weil sie ihm von der Miniatur vertraut waren. Um so stärker fragte er sich, ob er sich selbst daranwagen könnte. Rudolph setzt seine Suche fort. Im Kopf konstruiert er weiter. Der Trog für die Schiffe kommt als nächstes dran.
„Vorausdenken war immer wichtig“, sagt er. Fast zwei Drittel seiner Arbeitszeit brauchte er dafür, Spezialwerkzeuge auszuklügeln, Bohrvorrichtungen und andere Hilfsmittel, um überhaupt im Millimeterabstand seine Teile aneinandernieten zu können. Manchmal sind die Bleche nicht größer als Computerplatinen, die Nieten zart wie dünnste Bleistiftminen. Früher, erzählt er, wachte er nachts noch auf und brachte Konstruktionsideen sofort zu Papier. Heute klappt alles von allein. Er freut sich jedesmal diebisch, wenn er seine Teile zusammensteckt und wieder einmal alle Bohrlöcher richtig waren. Dann tippt sich der sonst eher zurückhaltende Mechanikermeister mit seinen feinen Fingern auf die Schulter. Nur eine winzige Ungenauigkeit leistet er sich. Seine Nieten dürften maßstabsgetreu nur einen halben Millimeter dick sein, aber das würde die Arbeit schier unmöglich machen. Also sind sie doppelt so stark. Im fertigen Modell wird es 150 000 geben. Der Originalbau hat über drei Millionen, mehr als der Eiffelturm.