Home
http://www.faz.net/-gum-77q3n
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
50 plus

Krise der Männlichkeit Formwandelndes Monster

Was ist nur los mit der Männlichkeit? Eine Konferenz in Berlin sucht Antworten. Ergebnis: Die Krise ist in der Krise.

© F.A.S. Vergrößern

Die Männlichkeit steckt in der Krise. Das muss bei einer Tagung, die „Wann ist der Mann ein Mann?“ überschrieben ist, auch an den kleinen Dingen deutlich werden. Zum Beispiel kann man im Nebenraum, wo der Kaffee wartet, auf Kekssuche gehen, und es gibt keine Kekse. Gibt nur gesundes Obst. Oder: Man ertappt sich selbst dabei, wie man sein Handy kaum aus der Tasche ziehen mag, weil, nun ja, eine Handysocke mit Hertha-Wappen, würde man die hier herausziehen können, ohne scheele Blicke zu ernten?

Wann ist der Mann ein Mann?

Viele wohlmeinende Menschen waren für die Konferenz am Freitag in Berlin angereist, die Frauen klug und kämpferisch wirkend, die Männer mit Strickmützen, Schlabberjacken, schütteren Zöpfen, mit Baby umgeschnallt. Oder im gezupften Transgenderlook. Oder doch auch, wenn sie den Weg durch die Institutionen gemacht hatten, durchaus mal mit einem richtigen Anzug.

Wann ist der Mann ein Mann? Wie man hört, hat die Männlichkeit sich in die Krise verabschiedet. Aber sie hat uns die Angewohnheit hinterlassen, große Tagungen mit steilen Thesen durchzuführen. Da äußern sich dann Männer sowie Frauen, vorwiegend auf dem Podium. Aber auch aus dem Publikum schießen Männer wie Pilze hervor, die noch einen kleinen Monolog zu halten haben, während die Frauen immerhin die Höflichkeit besitzen, den ihren mit einer kleinen Frage abzurunden. Bei den eingeladenen Rednern, auch „Panelistinnen und Panelisten“ genannt, kann man das Geschlecht daran erkennen, dass die Frauen sich sachorientiert an den knappen Zeitplan halten, während die Männer sich erst mal darüber beschweren, dass man ein immenses Fachwissen wie ihres unmöglich in nur einer Viertelstunde zusammenfassen könne. Sie tun das mit unterdrücktem Leid in der Stimme, nur um dann am Ende doch wieder ihre Redezeit zu überziehen.

Michelle Obama als Gattin eines starken Mannes

Als kompetenter Mann erwies sich der Erfurter Historiker Prof. Dr. Jürgen Martschukat, der wohl gebeten worden war, einen einleitenden Vortrag „Geschichte der Männlichkeiten“ zu halten - was ihm natürlich in der Kürze der Zeit vollkommen unmöglich war. Immerhin gab er einen kurzen Überblick über die Geschichte der Geschlechterforschung, sprach von Intersektionalität, Interdependenzen und Relationalitäten und ließ deutlich durchscheinen, wie viel es noch zu forschen gebe und was für spannende Projekte man ins Leben rufen könne.

Michelle Obama posiert zum zweiten Mal für «Vogue» © dpa Vergrößern Obwohl Zupackerin und Harvard-Absolventin, stellt sich Michelle Obama doch mit sattem Amerikanerpathos als Gattin hinter ihren Mann

Hier war die Männlichkeit des welterobernden, unablässig Kenntnisse erzeugenden Forschers noch ganz intakt. Im Übrigen analysierte Martschukat Videoaufnahmen von Michelle Obama, die ihre Lektion in klassischer Männlichkeit gelernt hat: Obwohl selbst eine Zupackerin und Harvard-Absolventin, stellt sie sich doch mit sattem Amerikanerpathos als Gattin hinter ihren Mann und vor die Parteitagsmassen, erzählt von ihrem Vater und wie der sie unter größten Mühen aufgezogen und dabei noch jeden Morgen ein Lächeln im Gesicht gehabt habe. Männlichkeit, das bedeutet in den Vereinigten Staaten vor allem: erfolgreicher Vater einer Kernfamilie zu sein, und wer das kann, hat auch das Zeug zu einem guten Politiker.

Sozialpsychologe Pohl: Die „Neuen Väter“ vorgeknöpft

Auch bei Prof. Dr. Rolf Pohl, Sozialpsychologe aus Hannover, ist die performative Männlichkeit ungebrochen, auch er brummelt erst mal herum, dass er nur 15 Minuten habe, ehe er sich in einen Höhenflug des zielgruppenorientierten Populismus begibt, der viel Beifall und Gelächter evoziert. Er hat sich die „Neuen Väter“ vorgeknöpft, offenbar eine Gruppierung, die sich selbst zu einer Bewegung ausgerufen hat; sie hat bizarre Vorsprecher, die sich auf archaisch raunendes Gedankengut berufen, welches Pohl genüsslich ausstellt.

Ostentativ unwissenschaftlich wedelt er das alles beiseite: „Wenn einem zu Männlichkeit nichts mehr einfällt, kommt entweder Biologie oder C. G. Jung!“ Die Leute lieben ihn. Er wettert gegen Jungväter, die ihren Anspruch auf Erziehungszeit nicht wahrnehmen. Die Leute lieben ihn noch mehr. Er analysiert, dass Babyausstattung immer rosa oder blau ist, und das prangert er an. Die Leute liegen ihm zu Füßen. Er berichtet von seinem Vater, der in der Normandie gewesen sei im Krieg, und dass er den idealisiert habe, bis zu jenem Tag, da eine schreckliche, lange verdrängte Erinnerung sich Bahn brach . . .

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Personalmanager Sattelberger Die Vorstandsfrau als Alibi ging in die Hose

Die Frauenquote kommt. Das ist aber erst der Anfang in einem Entwicklungsland der Arbeitskultur, sagt Top-Personalmanager Thomas Sattelberger. Denn die Diskussion um die Quote wurde zu lange zu archaisch geführt. Mehr

08.12.2014, 06:00 Uhr | Beruf-Chance
Emma Watsons emotionale Rede vor der UN

Die weltberühmte Schauspielerin, die in den Harry Potter Filmen Hermine Granger spielte, betrat am Samstag die Bühne der Vereinten Nationen, um sich dort für ein Kampagne der Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern einzusetzen. Mehr

23.09.2014, 10:18 Uhr | Gesellschaft
Phänomen Bart Männer in Großstädten

Wer heute noch keinen Bart hat, hat vermutlich morgen einen. Okay, übermorgen. Geht es dabei um eine männliche Kampfansage? Beobachtungen eines erstaunlichen Wachstums. Mehr Von Johanna Adorján

14.12.2014, 10:24 Uhr | Feuilleton
Pakistan Frauen wagen sich in Männerberufe

Die Frauen in Pakistan trauen sich, aus ihren Schranken auszubrechen. Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai hat das gezeigt, indem sie den Taliban die Stirn bot. Im pakistanischen Teil des Himalayas wagen die Frauen sich jetzt auch an Berufe, die eigentlich nur für Männer sind - zum Beispiel als Zimmerleute oder Bergführer. Mehr

23.10.2014, 13:26 Uhr | Gesellschaft
Robert-Koch-Institut Warum Männer früher sterben

Männer leben ungesünder und sterben früher als Frauen, heißt es in einer neuen Analyse des Robert Koch-Instituts. Männer neigen eher zu Süchten und Risikoverhalten und machen nicht ausreichend lange Sport. Mehr

16.12.2014, 14:19 Uhr | Wissen
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 16.03.2013, 19:23 Uhr

Madonna Popdiva verschenkt Songs zu Weihnachten

Madonna veröffentlicht vorzeitig sechs Songs ihres neuen Albums, Schüler finden eine alte Flaschenpost von Kardinal Reinhard Marx und Prinzessin Madeleine von Schweden ist wieder schwanger – der Smalltalk. Mehr 3

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden