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Krise der Männlichkeit Formwandelndes Monster

Was ist nur los mit der Männlichkeit? Eine Konferenz in Berlin sucht Antworten. Ergebnis: Die Krise ist in der Krise.

© F.A.S. Vergrößern

Die Männlichkeit steckt in der Krise. Das muss bei einer Tagung, die „Wann ist der Mann ein Mann?“ überschrieben ist, auch an den kleinen Dingen deutlich werden. Zum Beispiel kann man im Nebenraum, wo der Kaffee wartet, auf Kekssuche gehen, und es gibt keine Kekse. Gibt nur gesundes Obst. Oder: Man ertappt sich selbst dabei, wie man sein Handy kaum aus der Tasche ziehen mag, weil, nun ja, eine Handysocke mit Hertha-Wappen, würde man die hier herausziehen können, ohne scheele Blicke zu ernten?

Wann ist der Mann ein Mann?

Viele wohlmeinende Menschen waren für die Konferenz am Freitag in Berlin angereist, die Frauen klug und kämpferisch wirkend, die Männer mit Strickmützen, Schlabberjacken, schütteren Zöpfen, mit Baby umgeschnallt. Oder im gezupften Transgenderlook. Oder doch auch, wenn sie den Weg durch die Institutionen gemacht hatten, durchaus mal mit einem richtigen Anzug.

Wann ist der Mann ein Mann? Wie man hört, hat die Männlichkeit sich in die Krise verabschiedet. Aber sie hat uns die Angewohnheit hinterlassen, große Tagungen mit steilen Thesen durchzuführen. Da äußern sich dann Männer sowie Frauen, vorwiegend auf dem Podium. Aber auch aus dem Publikum schießen Männer wie Pilze hervor, die noch einen kleinen Monolog zu halten haben, während die Frauen immerhin die Höflichkeit besitzen, den ihren mit einer kleinen Frage abzurunden. Bei den eingeladenen Rednern, auch „Panelistinnen und Panelisten“ genannt, kann man das Geschlecht daran erkennen, dass die Frauen sich sachorientiert an den knappen Zeitplan halten, während die Männer sich erst mal darüber beschweren, dass man ein immenses Fachwissen wie ihres unmöglich in nur einer Viertelstunde zusammenfassen könne. Sie tun das mit unterdrücktem Leid in der Stimme, nur um dann am Ende doch wieder ihre Redezeit zu überziehen.

Michelle Obama als Gattin eines starken Mannes

Als kompetenter Mann erwies sich der Erfurter Historiker Prof. Dr. Jürgen Martschukat, der wohl gebeten worden war, einen einleitenden Vortrag „Geschichte der Männlichkeiten“ zu halten - was ihm natürlich in der Kürze der Zeit vollkommen unmöglich war. Immerhin gab er einen kurzen Überblick über die Geschichte der Geschlechterforschung, sprach von Intersektionalität, Interdependenzen und Relationalitäten und ließ deutlich durchscheinen, wie viel es noch zu forschen gebe und was für spannende Projekte man ins Leben rufen könne.

Michelle Obama posiert zum zweiten Mal für «Vogue» © dpa Vergrößern Obwohl Zupackerin und Harvard-Absolventin, stellt sich Michelle Obama doch mit sattem Amerikanerpathos als Gattin hinter ihren Mann

Hier war die Männlichkeit des welterobernden, unablässig Kenntnisse erzeugenden Forschers noch ganz intakt. Im Übrigen analysierte Martschukat Videoaufnahmen von Michelle Obama, die ihre Lektion in klassischer Männlichkeit gelernt hat: Obwohl selbst eine Zupackerin und Harvard-Absolventin, stellt sie sich doch mit sattem Amerikanerpathos als Gattin hinter ihren Mann und vor die Parteitagsmassen, erzählt von ihrem Vater und wie der sie unter größten Mühen aufgezogen und dabei noch jeden Morgen ein Lächeln im Gesicht gehabt habe. Männlichkeit, das bedeutet in den Vereinigten Staaten vor allem: erfolgreicher Vater einer Kernfamilie zu sein, und wer das kann, hat auch das Zeug zu einem guten Politiker.

Sozialpsychologe Pohl: Die „Neuen Väter“ vorgeknöpft

Auch bei Prof. Dr. Rolf Pohl, Sozialpsychologe aus Hannover, ist die performative Männlichkeit ungebrochen, auch er brummelt erst mal herum, dass er nur 15 Minuten habe, ehe er sich in einen Höhenflug des zielgruppenorientierten Populismus begibt, der viel Beifall und Gelächter evoziert. Er hat sich die „Neuen Väter“ vorgeknöpft, offenbar eine Gruppierung, die sich selbst zu einer Bewegung ausgerufen hat; sie hat bizarre Vorsprecher, die sich auf archaisch raunendes Gedankengut berufen, welches Pohl genüsslich ausstellt.

Ostentativ unwissenschaftlich wedelt er das alles beiseite: „Wenn einem zu Männlichkeit nichts mehr einfällt, kommt entweder Biologie oder C. G. Jung!“ Die Leute lieben ihn. Er wettert gegen Jungväter, die ihren Anspruch auf Erziehungszeit nicht wahrnehmen. Die Leute lieben ihn noch mehr. Er analysiert, dass Babyausstattung immer rosa oder blau ist, und das prangert er an. Die Leute liegen ihm zu Füßen. Er berichtet von seinem Vater, der in der Normandie gewesen sei im Krieg, und dass er den idealisiert habe, bis zu jenem Tag, da eine schreckliche, lange verdrängte Erinnerung sich Bahn brach . . .

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