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Kriminalstatistik 2007 : Die Kinder beim Namen nennen

Soll die Kriminalstatistik ausführlicher werden? Bild: dpa

Die Kriminalstatistik 2007 gibt zwar Auskunft über die Zahl der Verbrechen, viele Fragen zu den Tätern bleiben aber offen. Die Innenminister überlegen deshalb, die Herkunft der Tatverdächtigen genauer zu erfassen - bisher gibt es nur die Rubriken „deutsch“ und „nicht-deutsch“. Kritiker fürchten eine Diskriminierung.

          Hat die Kriminalität in Deutschland zu- oder abgenommen? Die Frage ist leicht zu beantworten. Doch mit der Auflistung aller registrierten Straftaten ist nur eine Aufgabe der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) erfüllt, die Bundesinnenminister Schäuble am Donnerstag in Berlin für das vergangene Jahr vorgestellt hat.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Die andere wesentliche Aufgabe - die Daten für die kriminologische Forschung und somit für Prävention und Kriminalpolitik nutzen zu können - ist nur unzureichend erfüllt. In den Informationen zu Tatverdächtigen und Deliktarten fehlen Einzelheiten. Nur das genaue Wissen darüber, mit was und mit wem man es zu tun hat, erlaubt es, eine Strategie auszuarbeiten, damit mehr Straftaten aufgeklärt und weniger Bürger zu Opfern oder Straftätern werden.

          Innenministerkonferenz fordert mehr Angaben über Tatverdächtige

          Eine länderübergreifende Arbeitsgruppe der Innenministerkonferenz, die sich mit der Gewaltkriminalität junger Menschen befasst, forderte daher jüngst in ihrem Abschlussbericht, „die Tatverdächtigendaten um die Herkunftsfaktoren“ zu erweitern - bislang werden diese nur in „deutsch“ und „nicht-deutsch“ unterteilt.

          Auch sollten mehr Angaben zu Tatort, Tatzeit und Tatwaffen gemacht werden. Gerade zur Gewaltkriminalität sind genaue Aussagen zu den Tatverdächtigen wichtig.

          Entscheidend ist das besonders bei der Jugendkriminalität, die oft langfristige Tendenzen der Kriminalitätsbelastung begründet; hier spielt die allgemeine Prävention bis hin zur Erziehung im weitesten Sinne eine wichtige Rolle. Daher ist es bedeutsam zu wissen, wo man ansetzen muss. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter fordert schon seit längerer Zeit, in der Kriminalstatistik die Herkunftsländer der Straftäter zu erheben.

          Nicht ermittelbar: Straftaten, die von „geborenen Deutschen“ begangen werden

          „Je größer die Zahl der eingebürgerten Deutschen ist, umso größer wird die Zahl der kriminalstatistisch erfassten deutschen Tatverdächtigen“, sagt der stellvertretende Bundesvorsitzende Rolf Jäger. Eine genaue Aussage, welche Kriminalität von in Deutschland geborenen deutschen Straftätern ausgehe, könne seit Jahren nicht mehr getroffen werden.

          „Jede Tat, die einem eingebürgerten Deutschen zugerechnet wird, wird damit der Gesamtgruppe der Deutschen zugerechnet.“ Die Folge sei, dass „hier geborene Deutsche in einem viel höheren Maße kriminalisiert werden, als sie kriminell sind“. Um möglichst vergleichbare Daten zu erhalten, sollten demnach in Kriminalstatistiken und auch in Einwohnermelde- und Ausländerdateien differenzierte Informationen zu Herkunft und Staatsangehörigkeit abgebildet werden.

          Nur auf diese Weise sei es möglich, festzustellen, „ob Menschen aus anderen Herkunftsregionen in bestimmten Deliktsbereichen besonders auffällig sind“. Überdies könne man dann auch Vorurteile der Bevölkerung aus dem Weg räumen, dass Ausländer für das Gros der Kriminalität verantwortlich seien.

          „Kriminalpolitischer Schnellschuss“

          Dem widerspricht allerdings die Deutsche Vereinigung der Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen (DVJJ). Als „kriminalpolitischen Schnellschuss“ bezeichnet der Bundesvorsitzende Bernd-Rüdeger Sonnen den Vorschlag der Innenministerkonferenz. Zwar sehe man auch, dass Daten über „Migrationshintergründe“ wichtig für die kriminologische Forschung seien. Allerdings sieht der DVJJ die Datenerhebung lieber in den Händen der Forschung als der Polizei - auch wenn sie gerne zugibt, dass mit keiner Studie so umfassende kriminalistische Daten erhoben werden könnten wie mit der Polizeilichen Kriminalstatistik.

          Überdies könne in der täglichen Polizeiarbeit nicht gewährleistet werden, dass diese Daten „sauber“ ermittelt würden. Zudem habe das Ansinnen etwas „Geschmäcklerisches“ und „Stigmatisierungspotential“. Es sei einem Tatverdächtigen mit deutschem Pass kaum zuzumuten, Fragen nach seiner Herkunft zu beantworten.

          Hamburg und Bayern halten Vorschläge für sinnvoll

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