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Zwangsprostitution Ein Anruf, und die Frauen spurten

Er machte sie verliebt, dann beutete er sie als Prostituierte aus. Ein Berliner Prozess gegen Menschenhändler zeigt die Logik eines perfiden Verbrechens.

© F.A.S. Vergrößern „Es ist für viele Täter gar nicht mehr erforderlich, die Frauen einzusperren.“

Im Frühsommer 2007 dachte die Frau, der sie in der Escort-Agentur „Geile Modelle“ den Namen „Susi“ verpasst hatten, der Spuk wäre vorbei. Die Reise nach Berlin mit dem fremden Mann, vor dem sie sich von Anfang an gefürchtet hatte. Dessen plötzliche Eröffnung, sie werde nicht, wie verabredet, in einem Club arbeiten, sondern müsse sich prostituieren. Dann die Krankheit, mit der sie sich bei einem Freier angesteckt hatte und die sie so hoch fiebern ließ, dass sie bei dem Gedanken daran noch Jahre später im Gerichtssaal weint, weil sie dachte, sie würde sterben. Wochen ohne Pass, ohne Geld, in einem Land, dessen Sprache sie nicht verstand. Und immer diese Angst.

Im Frühsommer 2007 lebte die Frau, die vorübergehend „Susi“ hieß, wieder in der rumänischen Hafenstadt Constanta. Die Neunzehnjährige, die aus Geldmangel ihr Pharmaziestudium abgebrochen hatte, jobbte als Verkäuferin. 150 Euro habe sie verdient, erzählt sie dem Berliner Landgericht, wo sie als Zeugin aussagt. “Am Tag?“, will der Vorsitzende wissen. „Nee am Tag. Pro Monat“, antwortet die Zeugin in gebrochenem Deutsch, und so verzweifelt und verängstigt die hübsche Frau sonst wirkt, plötzlich klingt sie fast amüsiert über die Naivität des deutschen Richters. „Das ist wenig“, fügt sie hinzu.

Angst vor einem Leben auf der Straße

Kurz darauf drohte ihrer Familie der Verlust der Wohnung, eine Schuldenkrise, die ein Leben auf der Straße hätte bedeuten können. Und die Frau, die am liebsten nie zu „Susi“ geworden wäre, kehrte nach Berlin zurück. Zu „Geile Modelle“. Freiwillig - sofern man eine Entscheidung unter diesen Umständen, mit dieser Vorgeschichte freiwillig nennen kann.

Weil das Armutsgefälle in Europa insbesondere Frauen anfällig für Ausbeutung macht, dringt die Europäische Union auf Verbesserungen bei der Bekämpfung von Menschenhandel. Deutschland hat im Frühjahr die Frist zur Umsetzung einer EU-Richtlinie verstreichen lassen. Der Gesetzentwurf, den die schwarz-gelbe Koalition auf den letzten Drücker durch den Bundestag gepeitscht hat, ist nach Ansicht vieler Fachleute sein Papier nicht wert, weil er Schlüsselfragen wie den Opferschutz und die Kontrolle von Bordellbetrieben nur halbherzig oder gar nicht angeht. Am Freitag hat jetzt der Bundesrat das Gesetz gestoppt, indem er den Vermittlungsausschuss angerufen hat. Damit ist der Weg für eine grundlegende Überarbeitung frei.

„Der Trend geht zu immer jünger.“

482 abgeschlossene Ermittlungsverfahren wegen Menschenhandels mit insgesamt 640 Opfern hat das Bundeskriminalamt im Jahr 2011 gezählt. Aber was sagt das schon: Es gibt ein Dunkelfeld, dessen Ausmaß niemand kennt. Die Vereinten Nationen vermuten, dass mit Menschenhandel ebenso viel Geld verdient wird wie mit Drogen oder Waffen. Ermittler mutmaßen, dass nur wenige Betriebe im Milieu ohne Zwangsprostituierte auskommen. Aber das bleibt genauso Spekulation wie aufgeregte Medienberichte, die einen Anstieg der Fallzahlen behaupten oder von ominösen Menschenhändlerringen sprechen. Auch Fernsehkrimis, in denen Ausländerinnen eingesperrt und halb totgeprügelt werden, verraten mehr über Opferklischees als über die Wirklichkeit. „Es ist für viele Täter gar nicht mehr erforderlich, die Frauen einzusperren“, sagt eine Ermittlerin.

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