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Veröffentlicht: 16.05.2017, 21:03 Uhr

Höxter-Prozess Geschlagen und gewürgt

Vor Gericht beschreibt die Zeugin Christel P., wie sie im Horrorhaus von Höxter monatelang gequält wurde. Dass sie – anders als ihre „Nachfolgerin“ – irgendwann gehen durfte, lag vielleicht an einer simplen Bitte.

von , Paderborn
© dpa Vor Gericht vereint: Wilfried W. (links) und Angelika W. mit ihren Anwälten. Wer die treibende Kraft hinter den Misshandlungen war, ist unklar.

Womöglich könnte Anika W., eine der beiden Frauen, die in Höxter-Bosseborn ums Leben kamen, noch leben. Das wurde am Dienstag im Prozess vor dem Paderborner Landgericht offenbar, wenngleich nur ganz am Rande. Dort sagte zum ersten Mal Anika W.s „Vorgängerin“ aus, jene Frau, die im Winter 2011/2012 monatelang dort gefangen war und dann von den beiden Angeklagten, Wilfried und Angelika W., verletzt in einen Zug zurück nach Hause gesetzt wurde.

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Doch der Reihe nach: Christel P. aus Dessau, eine korpulente Frau im grauen Schlabber-T-Shirt, die Haare dunkel gefärbt, meldete sich Ende 2011 auf eine Anzeige von Wilfried W. mit der Überschrift „Bauer sucht Frau“. Die gelernte Betonwerkerin, arbeitslos und geschieden, stellte sich ein idyllisches Leben auf einem Bauernhof vor. In Wirklichkeit, so erzählte die heute Zweiundfünfzigjährige vor Gericht, hätten sich in dem Haus in Höxter allerdings die Tapeten von den feuchten Wänden gelöst, und das gesamte Obergeschoss sei mitsamt allen Sachen darin verschimmelt gewesen. Und während sie in den ersten Wochen noch in Wilfried W. verliebt gewesen sei, einen „ganz lieben und netten jungen Mann“, so habe der sich bald in ein „Monster“ verwandelt, „als ob es klick gemacht hätte“.

Täter mit unterschiedlichen Motiven

Richter Bernd Emminghaus bemühte sich, von Christel P. zu erfahren, wer die treibende Kraft bei den Misshandlungen gewesen sei: Wilfried oder Angelika W. Doch Christel P. konnte diese Frage nicht überzeugend beantworten. Wilfried W. habe sie ins Gesicht geschlagen, sie mit einer Schaufel vor die Stirn geschlagen und sie gewürgt, Angelika W. habe sie im Schweinestall mit Handschellen ans Gatter gekettet, ihr Pfefferspray ins Gesicht gesprüht und sie gezwungen, nachts ohne Decke auf dem Fußboden des Wohnzimmers zu schlafen.

Deutlich wird allerdings, dass Angelika W. eher aus Eifersucht gehandelt haben könnte, Wilfried W. hingegen eher aus Sadismus. So schilderte Christel P., dass Wilfried W., als er ihr beim Ausmisten im Stall aus heiterem Himmel die Schaufel vor die Stirn geschlagen hätte, so dass sie zu Boden ging und blutete, grinsend gesagt habe: „Das war ich nicht.“

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W., der als Kind selbst sadistischen Schlägen seines oftmals betrunkenen Vaters ausgeliefert war, habe auch oft Angelika W. gequält, sagte Christel P. „Wenn Wilfried Partei für mich ergriff, war Angelika sauer.“ Oder: „Ich war die Leidtragende, wenn Wilfried und Angelika sich gestritten hatten.“ Oder: „Sie schnitt mir die langen Haare ab, damit ich hässlich aussehe.“

Gleichzeitig habe ihr Angelika W. aber auch ihren Ausweis, ihr Handy, ihr Portemonnaie, ihre Bankkarte, ihren Führerschein und ihre Reisetasche weggenommen und ihre Ersparnisse geplündert. Doch dies könnte sie für Wilfried W. getan haben: „Wenn die beiden stritten, wollte Angelika Geld von ihrer Mutter holen, um ihn zu befriedigen.“

Auf eigene Bitte nachhause geschickt

Auch die Antwort auf die Frage, warum Christel P. zum Opfer werden konnte, blitzte im Laufe ihrer Aussage immer wieder auf: Sie scheint jemand zu sein, der sich viele Dinge einfach gefallen lässt. Dass Christel P. nach etwa vier Monaten in Höxter schließlich nach Hause durfte, anders als Anika W., die dort ums Leben kam, hängt vielleicht damit zusammen, dass sie explizit darum bat. Das tat sie nach dem Schlag mit der Schaufel.

Daraufhin habe Angelika W. ihr einen Zettel vorgelesen, auf dem stand: „Sämtliche blaue Flecken, die Frau P. derzeit hat, am rechten Knie und am rechten Auge, hat sie sich durch einen Sturz auf der Treppe selber zugezogen.“ Diesen Zettel müssten sie nun alle unterschreiben, und dann müssten sie noch einen unbeteiligten Zeugen finden, der das unterschreibe, dann könne sie nach Hause. So habe sie ihre Sachen gepackt, Angelika W. habe ihr ihren Hausschlüssel ausgehändigt, und sie seien Richtung Bahnhof gefahren.

Weitere Opfer hätten verhindert werden können

Auf dem Weg dorthin muss dann das Unglaubliche passiert sein: Angelika W. ging mit dem Zettel auf eine Polizeiwache und bat dort jemanden, den Zettel als Zeuge zu unterschreiben. Dieser Jemand weigerte sich – und schickte sie weg. Am Bahnhof fanden die W.s dann einen jungen Mann, der williger war.

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Er habe sie gefragt, warum er denn unterschreiben solle. Und sie, Christel P., habe geantwortet: „Damit ich nach Hause kann.“ Dann habe der junge Mann unterschrieben. Ein gutes Jahr später, im Juli 2013, zog Anika W. bei Wilfried und Angelika ein. Und überlebte das nicht. Sie starb im Sommer 2014 an den Misshandlungen, und nach ihr auch noch das zweite Opfer, Sabine F.

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