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Kindesmissbrauch in Telford : „Nicht schlimmer als in irgendeinem anderen Ort in England“

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Das jüngste Opfer aus Telford soll erst 11 Jahre alt gewesen sein. (Archivbild) Bild: dpa

Die britische Zeitung „Sunday Mirror“ hatte von einem der größten Missbrauchsskandale Englands mit mehr als 1000 Opfern gesprochen – nun wehrt sich die Polizei in Telford. Doch Politik und Öffentlichkeit sind alarmiert.

          Im Falle der Missbrauchsvorwürfe im englischen Telford meldet sich nun die Polizei zu Wort. Polizeikommandant Tom Harding spricht von sensationsheischenden Berichten des „Sunday Mirror“ und schätzt die Opferzahl weit geringer ein. Die Zeitung hatte berichtetet, dass es in dem Fall rund 1000 Opfer von Kindesmissbrauch und sexueller Ausbeutung gebe – einige von ihnen nicht älter als elf Jahre.

          Kriminelle Banden sollen in der britischen Stadt Telford über vierzig Jahre hinweg minderjährige Mädchen missbraucht und zur Prostitution gezwungen haben. Dies berichtete die britische Zeitung „The Sunday Mirror“ nach einer 18 Monate andauernden Recherche. Die jungen Mädchen wurden demnach über Jahrzehnte hinweg gefoltert, unter Drogen gesetzt, vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen. Insgesamt sollen rund tausend Kinder und Jugendliche betroffen sein. Eine Mutter und vier der missbrauchten Mädchen seien gar zu Tode gekommen.

          Tom Harding, Polizeikommandant der Polizei West Mercia, weist die Berichte der englischen Zeitung zurück und widerspricht den Ausführungen, die Polizei habe nichts gegen die Situation unternommen. Laut „Sunday Mirror“ sollen die Behörden trotz Warnungen von Seiten örtlicher Sozialarbeiter – und obwohl es in Rochdale und Rotherham ähnliche Fälle gegeben hatte – jahrelang nicht auf die schwerwiegenden Anschuldigungen gegen kriminelle Banden reagiert haben. Wie auch in Rotherham soll dies teils aus Angst geschehen sein, als rassistisch zu gelten – die Täter in Rotherham waren Pakistani, auch in Telford handelt es sich wohl um Täter aus Asien.

          Dass schreckliche Verbrechen wie jene in Telford nicht verhindert werden, weil Personen in Machtpositionen aus Angst vor Rassismusvorwürfen nicht darüber sprechen, sei unhaltbar, wird Sajid Javid, Staatssekretär für kommunale Angelegenheiten und örtliche Selbstverwaltung, von der BBC zitiert. Man stelle sich vor, es wäre umgekehrt, und weiße Männer hätten asiatische Mädchen vergewaltigt – der Aufschrei wäre laut Sajid Javid ungleich größer gewesen.

          Laut Polizei kein außergewöhnlicher Fall

          Laut der BBC ist Polizeikommandant Harding nicht der Ansicht, dass die Lage in der 160.000 Einwohner zählenden Stadt Telford sich von jener in anderen Städten unterscheide: „Ich glaube nicht, dass Telford schlimmer ist als irgendein anderer Ort in England oder Wales.“ Harding, der die Verantwortung für die Polizeiarbeit in Telford trägt, weist eine Reihe von Vorwürfen zurück. Er spricht, genauso wie lokale Behörden, von rund 46 Missbrauchsfällen, beziehungsweise Fällen, bei denen eine Gefährdung junger Menschen vorlag. An diesen Fällen sei auch gearbeitet worden.

          Offizielle Stellen hätten bei der Arbeit im Kampf gegen Kindesmissbrauch viel dazugelernt umfangreiche Ressourcen aufgewendet. Mittlerweile könne man die Zahl der Missbrauchsfälle in Telford abschätzen – und die vom Mirror genannten 1000 Fälle seien „sensationsheischend“. Er verurteilt in einer Reaktion auf Twitter die Berichterstattung und die Spekulationen über die Situation in Telford als „nicht hilfreich“.

          Im Jahr 2012 waren sieben Männer im Zuge der polizeilichen Ermittlungen verhaftet worden. Laut den Polizisten seien zwischen 2007 und 2009 mehr als 100 Mädchen Ziel der kriminellen Banden gewesen, nicht immer sei es aber zum Missbrauch gekommen. Die Bandenmitglieder hätten zunächst versucht, mit Geschenken wie Mobiltelefonen das Vertrauen der Mädchen zu gewinnen. Sie hätten sich zudem häufig als Freunde der Kinder positioniert, bis sie die Opfer an andere Männer verkauft hätten.

          Die konservative Politikerin Lucy Allan, die im Parlament sitzt, fordert eine unabhängige Untersuchung des Sachverhalts. Laut Allan seien weiße Mädchen aus der Arbeiterklasse aufgrund ihres familiären Hintergrundes Opfer der kriminellen Banden geworden. Die sieben Männer, welche im Jahre 2012 verhaftet wurden, seien dabei pakistanischer Herkunft gewesen. Allan bestätigt allerdings Hardings Aussage, dass man große Fortschritte in den Untersuchungen in Telford gemacht habe. Zudem unterstelle niemand, dass zum heutigen Zeitpunkt 1000 Opfer auf Telfords Straßen seien.

          Im Zuge der Recherchen hatten die Redakteure des „Mirror“ mit zwölf Mädchen gesprochen, die Opfer der Banden geworden sein sollen. Diese berichten unabhängig voneinander von Vergewaltigungen, Prostitution und Abtreibungen. Ein Mädchen sagte, sie sei wenige Stunden nach ihrer zweiten Abtreibung bereits wieder vergewaltigt worden. Im Jahr 2000 starben laut dem Bericht außerdem ein Opfer, seine Schwester und seine Mutter, als der Vergewaltiger des Mädchens das Haus der Familie anzündete. Er wurde demzufolge für den Mord verurteilt, nicht aber für den Missbrauch. Der Tod des Mädchens habe seitdem als Abschreckung für andere gedient, die versuchten, sich zur Wehr zu setzen.

          In Großbritannien wurden in den zurückliegenden Jahren Fälle sexueller Ausbeutung in großem Stil aufgedeckt. In Rotherham waren Ermittlungen zufolge mindestens 1400 Kinder zwischen 1997 und 2013 sexuell ausgebeutet worden. Fast alle Mitglieder des Netzwerks hatten asiatische Wurzeln, waren aber in Großbritannien geboren. Die Mädchen und Frauen erhielten Alkohol, Cannabis, Kokain und andere Drogen und wurden danach von älteren Männern missbraucht. Eine weitere Bande flog vor wenigen Jahren in Rochdale auf. Sie hatte Mädchen zwischen 13 und 15 Jahren vermittelt.

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