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Einbruchsstatistik : Gelegenheit und Drogensucht machen Diebe

Hier wird der Einbruch nur demonstriert: In der Kriminalpolizeilichen Beratungsstelle in Hamburg zeigt ein Beamter, wie einfach sich ein ungesichertes Fenster aufbrechen lässt. Bild: dpa

150.000 Einbrüche registrierten die Behörden 2014 – so viel wie seit 16 Jahren nicht mehr. Die Polizei will mit neuen Methoden dagegenhalten.

          Fast jedes Opfer leidet psychisch unter einem Wohnungseinbruch. Schmuckstücke werden gestohlen, die oft einen viel höheren ideellen als reellen Wert haben, Betten und Kleiderschränke zerwühlt, Fotoalben zerrissen und Schubladen ausgeleert auf der Suche nach Bargeld und Wertsachen. Die Vorstellung, dass sich Einbrecher in den eigenen vier Wänden herumgetrieben haben, wirkt oft noch Monate nach. Angst- und Panikzustände der Bewohner, vor allem nachts, sind die Folge – nicht selten ziehen die Menschen nach einem solchen Fall sogar aus.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Zwar hebt das Bundesinnenministerium hervor, dass immerhin 40 Prozent der Einbrüche beim Versuch scheitern. Auch die Polizei erklärt immer wieder, dass Sicherungsvorkehrungen wie Spezialschlösser und Fensterverriegelungen ihre Wirkung haben, dass gekippte Fenster und Balkontüren hingegen wie eine Einladung auf Einbrecher wirken.

          Bild: DPA

          Doch hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Wer unbedingt in ein Haus hineinkommen will, der schafft es auch. Man könne nur versuchen, es ihm so schwer wie möglich zu machen, erklärt die Polizei. Oft kann man schon normale Haustürschlösser herausdrehen wie einen Korken aus der Weinflasche. Angesichts steigender Einbruchszahlen fordern Politiker aller Parteien weitere Schritte, um der Einbruchskriminalität etwas entgegenzusetzen. Die Vorschläge reichen von steuerlichen Begünstigungen für Spezialverriegelungen bis zur Verschärfung des Strafmaßes. So fordert der Unionsfraktionsvorsitzende im Bundestag, Volker Kauder, Wohnungseinbruch mit Freiheitsstrafen von sechs Monaten bis zu zehn Jahren zu ahnden. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter unterstützt die Forderung. „Die Erfahrung zeigt, dass es die Täter dahin zieht, wo die geringsten Strafen drohen“, sagt Rüdiger Thust, Vorsitzender des BDK-Bezirksverbands in Köln. „Gerade die psychischen Beeinträchtigungen der Einbruchsopfer sollten zugrunde gelegt werden, wenn es um die Auswirkungen der Taten geht.“

          Hoher Zuwachs im Saarland

          Auch 2014 ist die Zahl der angezeigten Wohnungseinbrüche wieder gestiegen. Rund 152.000 Fälle sind im vergangenen Jahr registriert worden; 2013 lag die Zahl bei 149 500 Fällen. Seit etwa 2006 nimmt die Zahl stetig zu, der höchste Zuwachs wurde 2009 registriert: Die Zahl der Einbrüche nahm damals um neun Prozent auf rund 113.800 Fälle zu. 2014 registrierten die Bundesländer nach aktuellen Zahlen vom Montag einen Anstieg von rund zwei Prozent im Vergleich zum Jahr 2013, als 149.500 Fälle angezeigt wurden. Grundlage für die Zahlen sind die Angaben der Kriminalstatistiken der Bundesländer. Offiziell wird die Polizeiliche Kriminalstatistik für ganz Deutschland erst im Mai vorgestellt. Die Zahlen schwanken zum Teil deutlich von Bundesland zu Bundesland: So gingen zum Beispiel in Thüringen die Fälle um 17,2 Prozent, in Nordrhein-Westfalen um immerhin knapp vier Prozent zurück. In Baden-Württemberg und im Saarland wurden bei dem Delikt „Wohnungseinbruchsdiebstahl“ eine Zunahme von je fast 20 Prozent registriert.

          Die Fallzahlen insgesamt steigen – an Tätergruppen oder an der bevorzugten Beute ändert sich aber nicht viel. Gestohlen wird alles, was zu Geld gemacht werden kann: Laptops, Fotokameras, Handys, Schmuck, Jacken, Fernsehgeräte, Münz- und Briefmarkensammlungen, Bilder, Musikanlagen. Die Täter teilt die Polizei in drei Gruppen: Gelegenheit macht ebenso Diebe wie Drogenabhängigkeit. Während diese beiden Tätergruppen jedoch eher aus der näheren Umgebung kommen, reist die größte Gruppe, professionelle Banden, für ihre Beutezüge aus dem Ausland nach Deutschland. Die „reisenden Täter“, die meist aus den Ländern Südosteuropas kommen, sind oft für ganze Einbruchsserien verantwortlich. Hier versucht die Polizei, durch Kontrollen und Razzien vor allem Intensivtäter zu ermitteln. Auch Informationen über Reise- und Fluchtwege helfen der Polizei dabei, die Routenplanungen der Banden offenzulegen und im besten Falle Festnahmen zu erwirken.

          30 Festnahmen bei Schleierfahndung

          So hat die bayerische Polizei Ende März eine Aktion zu „Schwerpunktkontrollen“ abgeschlossen. Bayern, das für 2014 – wenn auch von niedrigen Fallzahlen aus – einen Anstieg der Einbruchskriminalität um 30 Prozent zu verzeichnen hat, versucht durch mobile Kontrollen an Ein- und Ausfallstraßen sowie auf internationalen Verkehrswegen die überregional agierenden Banden aufzuspüren. Während der Schleierfahndung im Zusammenhang mit Diebstahl-, Rauschgift- und Schleuserkriminalität haben innerhalb einer Woche rund 1300 Polizisten nach Angaben des bayerischen Innenministeriums 7693 Personen und 5585 Fahrzeuge kontrolliert. Es sei dabei zu 30 Festnahmen gekommen. Allein einem mutmaßlichen Serieneinbrecher aus Kroatien würden 24 Taten zur Last gelegt.

          Im Rahmen dieser Aktionen wurden zudem potentielle Tatorte in Wohn- und Gewerbegebieten überwacht, An- und Verkaufsgeschäfte inspiziert sowie Auktionsplattformen im Internet durchforstet, um die oft verschlungenen Wege der gestohlenen Gegenstände nachzuzeichnen. Die Polizei rät somit, sich die Individualnummer von Elektrogeräten zu notieren und Wertgegenstände wie Schmuck oder Bilder zu fotografieren. Getestet wird darüber hinaus zur Zeit ein Programm (Precobs), das aus Falldaten vergangener Jahre Wahrscheinlichkeiten errechnen soll, wann und in welchem Gebiet mit einem Einbruch zu rechnen ist.

          Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hebt hervor, dass das Einbruchsrisiko in Bayern mit 65 Einbrüchen pro 100.000 Einwohnern geringer ist als in anderen Bundesländern – so kommen in Nordrhein-Westfalen 300 Wohnungseinbrüche auf 100.000 Einwohner. Aber auch in Bayern will man weiter großangelegte Kontrollen organisieren, um den international agierenden Banden das Handwerk zu legen. 43 Prozent der 2014 in Bayern gefassten 631 Einbrecher waren Ausländer, meist aus Rumänien, Serbien, Polen, Bosnien-Hercegovina und Georgien. Einbrecher sollten, so meint der Innenminister, „einen großen Bogen um den Freistaat machen“.

          Quelle: F.A.Z.

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