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Wohnungseinbrüche : „Nur Streife zu fahren genügt nicht“

Gestellter Einbruch: „Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit“ Bild: dpa

Die Zahl der Wohnungseinbrüche steigt weiter, die Aufklärungsquote bleibt dagegen vergleichsweise niedrig. Die Einbrecher sind oft professionell vorbereitet, auch bissige Hunde halten sie nicht auf.

          Die Hunde hätten sich komisch verhalten, sagte die Frau, als sie der Polizei berichtete, was ihr aufgefallen war, als sie in ihr Haus zurückkam und den Einbruch bemerkte. Dabei galten die Hunde als besonders scharf, geradezu als ein Sicherheitsrisiko. Offenbar nicht für die Einbrecher, die sich das Haus in Köln - im Polizeijargon ein „Einfamilienhaus mit hoher Beuteerwartung“ - vorgenommen hatten. Wurden die Hunde betäubt oder auf andere Weise ruhiggestellt? Das ist nicht mehr untersucht worden.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          „Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit“, sagt Gerd Schnell, Leiter des Kommissariats Wohnungseinbrüche im Kölner Polizeipräsidium. Zwar solle man sich bei der Polizei beraten lassen, wie Häuser und Wohnungen besser gesichert werden könnten - schon ein Querriegel kann helfen. Doch wer unbedingt in ein Haus einsteigen will, kommt auch rein. In der Regel geschieht das bei Einfamilienhäusern über die Terrassentür, nicht über die Haustür.

          Video-Überwachung, Bewegungsmelder, Infrarot-Anlangen oder akustische Alarmanlagen können von Einbrechern ausgeschaltet werden. So würden Alarmanlagen oft einfach mit Bauschaum ausgeschäumt, sagt Schnell. Bissige Hunde könnten betäubt oder überzeugt werden. Zumal Einbrecher oft in Arbeitsteilung agierten, mit zwei, drei Fahrzeugen vorführen - und sich dabei auch jemand mit Hunden auskennen könne.

          Wechselnde Identitäten

          Die Zahlen steigen. 6000 Einbrüche verzeichnet die Stadt Köln für 2011, das ist ein Zuwachs von rund 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. In ganz Deutschland stiegen die Wohnungseinbrüche 2011 um 9,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr: auf 132.595 Fälle. Die Aufklärungsquote liege nur bei etwa 16,2 Prozent, heißt es in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS), die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. Seit etwa 2005 nehmen Wohnungseinbruchdiebstähle zu. An der bevorzugten Beute ändert sich wenig: Geld, Schmuck, Fernseher, Laptops, Kameras, Handys.

          Zahl der Wohnungseinbrüche stieg um 9 Prozent Bilderstrecke
          Zahl der Wohnungseinbrüche stieg um 9 Prozent :

          Gerd Schnell teilt die Täter in drei Gruppen ein: professionelle Täter, die meist aus Ländern (Süd-)Osteuropas stammen; örtliche Täter, die Gelegenheiten nutzten; und Drogenabhängige, die sich Geld für ihre Sucht beschaffen wollen. „Den größten Anteil haben Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien.“ Besonders erschwerend: Die Täter hätten oft wechselnde Identitäten. „Mal haben sie einen bulgarischen, dann wieder einen kroatischen oder serbischen Pass. Und viele Pässe sind echt.“ Viele Jugendliche geben an, sie seien erst 13. Dann muss - über Handwurzelknochen und Zahnstatus - aufwendig festgestellt werden, ob der Junge vielleicht doch 14 Jahre alt ist, also strafmündig.

          München kann sich wieder mit dem Titel „sicherste Stadt Deutschlands“ schmücken: Die Stadt mit knapp 1,3 Millionen Einwohnern zählte 1035 Wohnungseinbrüche, Köln mit rund einer Million Einwohnern knapp 5000 Fälle mehr. Dabei ähneln sich die Tätergruppen: Im Norden wie im Süden Deutschlands werden die meisten Einbrüche von professionellen Einbrechern begangen, die oft als „reisende Täter“ durchs Land ziehen.

          „Sicherheit hat ihren Preis“

          „In Köln arbeitet die Polizei sicher genauso gut wie bei uns“, sagt Ulrich Brandhuber, der im Polizeipräsidium München den Sachbereich Einsatz/Einbruchs- und KfZ-Kriminalität leitet. In München gebe es aber deutlich mehr Polizeipräsenz auf den Straßen. „Sicherheit hat ihren Preis.“ So gehöre eine solide Personalausstattung dazu und der politische Wille, die Präsenz deutlich werden zu lassen. „Es reicht nicht, nur mit dem Streifenwagen durch die Straßen zu fahren.“ In München ist die „ganzheitliche Kontrolle“ Teil des Sicherheitskonzepts. „Da schauen wir auch mal in den Kofferraum. Wir fragen auch, warum die Person in München ist und wo sie wohnt.“ Das wirke oft ebenso abschreckend wie die konsequente Ausschöpfung des Strafrahmens vor Gericht.

          Eine wichtige Taktik bei der Bekämpfung der Einbruchskriminalität ist auch der Einsatz operativer Kräfte. So „begleiten“ Polizisten die verdächtigen Personen mitunter auch, fahren ihnen also zum Beispiel bei Einbruch der Dämmerung hinterher. Da die operativen Kräfte oft zentral für viele Delikte eingesetzt werden und nicht immer zur Verfügung stehen, wenn die Einbruchs-Kommissariate sie brauchen, sei es von großem Vorteil, wenn diese Einsatzkräfte genau zu dem Täter-Klientel geschult werden könnten und den jeweiligen Fachbereichen immer zur Verfügung stünden. Doch daran ist oft aus Personalmangel nicht zu denken.

          „Lieber einmal zu viel als zu wenig anrufen“

          Ähnlich sieht es bei der Tatortarbeit aus, die wesentlich für die Aufklärung ist. Bei Wohnungs-Aufbrüchen hat die Polizei nicht die gleiche Anzahl an qualifizierten Spurensicherern wie bei Kapitaldelikten. Dabei sind bei Mord und Totschlag oft weit mehr (und leichter) Spuren zu finden als bei einem professionell geplanten Wohnungseinbruch. „Die DNA-Spuren, die Hebelspuren des benutzten Werkzeugs, die Fingerabdrücke, die Eindruckspuren von Täter-Schuhen - das lässt sich nur mit qualifiziertem Personal sichern und später bewerten“, sagt André Schulz, Bundesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter. Somit brauche man dringend mehr fachlich qualifizierte Kriminalisten.

          Und auch die Bürger sind gefragt: „Die Leute sollen uns lieber einmal zu viel als zu wenig anrufen, wenn ihnen verdächtige Personen oder Fahrzeuge in ihrer Straße auffallen“, sagt Schnell. Nicht zuletzt könne die Justiz dazu beitragen, die Einbruchskriminalität zu verringern. „Der Strafrahmen muss ausgeschöpft werden“, sagt Schnell. Zu oft würden in Köln wiederholt Bewährungsstrafen verhängt. Auch das sei in Bayern anders. „Aus diesem Grund meiden viele Täter Baden-Württemberg und Bayern. Die zieht es eher nach Köln.“

          Quelle: F.A.Z.

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