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Wiesloch : „Taximörder“ flieht aus der Psychiatrie

Wiesloch galt als die sicherste psychiatrische Klinik im Land Bild: dapd

Die Suche in der Psychiatrie brachte kein Ergebnis: Andrej W. ist aus der Klinik entflohen. Nun vermutet die Polizei, dass der Täter vielleicht in einem Gartenhäuschen Unterschlupf gesucht hat - im Juni 2010 war er in einer Gartensiedlung verhaftet worden.

          Als der gefährliche Gewalttäter Andrej W. Anfang Februar vom Landgericht Konstanz zu lebenslanger Haft im Maßregelvollzug verurteilt wurde, äußerte die Anwältin der Nebenklägerin: „Ich möchte erreichen, dass der Täter nie wieder einen Fuß in die Freiheit setzt.“ Dieser Wunsch erfüllte sich nicht. Am Samstag gegen 10.30 Uhr brach der 29 Jahre alte Häftling aus dem „Psychiatrischen Zentrum Nordbaden“ (PZN) in Wiesloch aus. In Baden-Württemberg gibt es neun solcher Zentren, sieben sind für Häftlinge des Maßregelvollzugs vorgesehen. Wiesloch galt als die sicherste psychiatrische Klinik im Land. Angeblich gelang ihm die Flucht nun sogar trotz Fußfessel. Er saß erst seit dem 20. April in der Klinik im Norden Wieslochs ein, vorher war er im Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg. Wie ihm der Ausbruch gelingen konnte, ist für die Leitung der Klinik sowie die Polizei rätselhaft: Kontakte zu Mithäftlingen hatte er nicht, seine Zelle durfte er nur mit Hand- und Fußschließen verlassen. Nur beim Hofgang durfte er die Handschließen in Begleitung von zwei Vollzugsbeamten ablegen.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Nun suchen mehrere Hundertschaften der Polizei sowie spezialisierte Zielfahnder den gefährlichen Flüchtling. Schon am Samstag übernahm das Landeskriminalamt in Stuttgart die Fahndung federführend. Auch einen Hubschrauber mit einer Wärmebildkamera nutzte die Polizei. „Wir setzen ganz bewusst die Zielfahnder ein, denn die konnten ihn nach seinen Taten im vergangenen Jahr auch aufspüren“, sagte Horst Haug, Sprecher des Landeskriminalamtes, der F.A.Z. Die Polizei vermutet, dass der psychisch kranke Täter vielleicht in einem Gartenhäuschen in der Region Wiesloch Unterschlupf gesucht hat – im Juni 2010 war er im brandenburgischen Senftenberg in einer Gartensiedlung verhaftet worden. Die Polizei warnte Taxiunternehmen in Baden-Württemberg und Hessen vor dem Entflohenen. Man solle „jeglichen direkten Kontakt“ mit ihm meiden und sofort die Polizei verständigen.

          „Devot, angepasst und passend zur Situation“

          Einige Einbrüche in Gartenhäuser könnten darauf hindeuten, dass sich Andrej W. in solchen Hütten versteckt hält. Am Samstag vermutete die Polizei zunächst, dass sich der Häftling in Räumen der psychiatrischen Klinik, einer Mehrzweckhalle oder den Räumen der Arbeitstherapie verborgen haben könnte. Doch die akribische Suche brachte kein Ergebnis. Das Psychiatrische Zentrum wird seit einiger Zeit umgebaut. Nach Auskunft von Rolf-Dieter Splitthoff, dem Chefarzt der Klinik und Leiter des Maßregelvollzugs, verhielt sich Andrej W. im Vollzug „devot, angepasst und passend zur Situation“. Die Therapie war noch nicht weit fortgeschritten: „Er ließ sich noch nicht therapieren, eine ‚chemische Kastration’ lehnte er bislang ab“, sagte Splitthoff der F.A.Z. Da der Häftling aufgrund einer psychischen Störung „seinen Sexualtrieb außerhalb der üblichen Bandbreite befriedigt“, sei eine Therapie nur erfolgversprechend, wenn der Trieb medikamentös gedämpft werde.

          Andrej W. hatte am 8. Juni 2010 das Taxi einer 44 Jahre alten Frau in Singen bestiegen und das Fahrzeug auf einen abgelegenen Feldweg bei Singen gelockt. Dort hatte er die Frau dann brutal vergewaltigt und am Hals schwer verletzt. Die Frau überlebte, trug von dem Mordversuch aber eine halbseitige Lähmung davon. Am 9. Juni 2010 entführte, vergewaltigte und tötete der Mann dann in Friedrichshafen eine 32 Jahre alte Taxifahrerin entführt. Der Täter ist in der russischen Republik Chakassien (Sibirien) geboren, er gilt als debil. In seinem Geständnis machte er seine angeblich lieblose Mutter für die Taten verantwortlich.

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