http://www.faz.net/-gum-8d01u
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 13.02.2016, 13:10 Uhr

Clubs und Flüchtlinge „Das ist keine Diskriminierung, sondern Notwehr“

Clubbesitzer reagieren wie Seismographen auf die Flüchtlingskrise. Nach den Vorfällen von Köln und der Debatte um Flüchtlingsverbote in Freiburger Clubs reden viele von ihnen so offen wie nie zuvor.

von
© Marcus Kaufhold „Das Klauen korrespondiert mit der Anwesenheit der Araber“, sagt ein Betreiber: Schlange vor einem Club in Frankfurt.

Neuerdings schämt sich Hakim Rami öfter – für seinesgleichen. Der Clubbetreiber aus dem Rhein-Main-Gebiet, der eigentlich anders heißt, ist entsetzt über das Verhalten seiner Glaubensbrüder: „Ich habe mich fremdgeschämt, als aufgelistet wurde, wer in der Kölner Silvesternacht an den Taten beteiligt war.“ Und die Freiburger Clubbesitzer, die vor wenigen Wochen öffentlich kundgetan haben, dass sie aufgrund der vielen Übergriffe auf Frauen in ihren Clubs durch Flüchtlinge keine Flüchtlinge mehr einlassen wollen, kann er auch verstehen: „Wenn es in meinem Club Stress gibt, dann auch meistens mit Leuten vom Balkan, aus der Türkei, aus Afghanistan, dem Nahen Osten oder dem Maghreb.“ Und als sei er über seine eigenen Worte entsetzt, fügt er fast trotzig hinzu: „Das kann ich ruhig sagen, ich komme selbst aus einem dieser Länder.“

Katrin Hummel Folgen:

Die Türsteher seines Clubs weisen darum manche Menschen, die wie Araber aussehen, einfach ab: „Wenn man alle reinlassen würde oder wenn auch nur mehr als fünfzig Prozent dieser Gäste kämen, dann kämen weniger Deutsche“, glaubt Rami. „Die würden sich nicht mehr wohl fühlen, selbst wenn sich alle diese Migranten gut benehmen würden. Die Deutschen würden sagen, es seien zu viele Schwarzköpfe oder zu viele Kanaken im Club. Wenn Sie keine Selektion haben, können Sie den Laden zumachen.“

Ein Clubbesitzer aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel geht sogar noch einen Schritt weiter: „Ich lasse überhaupt keine Flüchtlinge oder Asylbewerber rein, und ich glaube auch nicht, dass irgendjemand anders in Frankfurt das tut“, sagt der Mann, der selbst kein Deutscher und seit 25 Jahren im Geschäft ist. Und dann zieht er vom Leder: Seit etwa einem halben Jahr zögen „Horden von Arabern“ durchs Bahnhofsviertel, die Frauen in den Laufhäusern begrapschten und sofort aggressiv würden, wenn sie an der Tür zu seinem Club ein paar Fragen gestellt bekämen. Woran er erkennt, dass das Flüchtlinge sind? „Sie sprechen nur Arabisch, sie sind meist ganz gut gekleidet, haben teure Handys, aber nichts passt so richtig zusammen.“

„Sodom und Gomorrha“

Warum diese Männer sich selbst gegenüber der Polizei „wie die Axt im Wald“ benähmen, erklärt er auch: „Sie wissen, dass ihnen hier nichts passiert.“ Dann verrät er noch, dass die Polizei ihm gegenüber geäußert habe, im Bahnhofsviertel gehe es zu „wie in Sodom und Gomorrha“. Er selbst könne seinen Club nur noch mit einer ganzen Phalanx von Türstehern sichern, weil die Flüchtlinge stets in Gruppen kämen, es gebe häufig Messerstechereien am Eingang, und „wir sind in einer absoluten Verliererposition, denn entweder wir werden verletzt, oder wir verletzen andere und müssen dann gegenüber der Polizei beweisen, dass es Notwehr war“. All das sei früher, also noch vor einem halben Jahr, viel seltener passiert.

 
„Keine Diskriminierung, sondern Notwehr“: Warum viele Clubs keine Migranten mehr reinlassen
 
Türsteher über Migranten: „Da, wo die herkommen, würde die Polizei ihnen erst mal die Fresse polieren.“
 
Clubbesitzer reagieren wie Seismographen auf die Flüchtlingskrise. Jetzt reden sie so offen wie nie zuvor

Was Clubbesitzer noch im Dezember nur hinter vorgehaltener Hand gesagt haben, sagen sie jetzt laut. Es ist, als sei an Silvester ein Tabu gefallen. Das findet jedenfalls die deutsch-türkische Soziologin und Islamkritikerin Necla Kelek: „Seit Silvester dürfen wir sprechen, es hat einen Schub gegeben, es gibt jetzt so gravierende Fakten wie nie zuvor.“

Der Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders, dürften angesichts dieser neuen Offenheit die Haare zu Berge stehen. Jedenfalls weist sie auf Anfrage darauf hin, dass kein Türsteher einem Menschen nur aufgrund von Herkunft oder Hautfarbe den Zutritt zu einem Club verweigern dürfe. Denn das sei rassistisch und nicht mit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) vereinbar. Etwas anderes sei es, wenn Gäste „sich schlecht benehmen, dann können die an der Tür abgewiesen oder auch mit einem Hausverbot belegt werden. Das trifft aber dann auf Menschen jedweder Herkunft zu.“ Entscheidend sei, dass jemand nicht pauschal aufgrund seiner Herkunft abgewiesen werde.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Silvesternacht in Köln Schwarzers Comeback als Kassandra

Alice Schwarzer versammelt Texte zur Silvesternacht von Köln und kritisiert die falsche Toleranz gegenüber dem Islam. Doch in dem Buch wimmelt es von Spekulationen statt Analysen. Mehr Von Andreas Rossmann

20.05.2016, 13:22 Uhr | Feuilleton
Dokumentarfilm Ai Weiwei ist Flüchtlingen in Gaza auf der Spur

Der chinesische Künstler und Regierungskritiker Ai Weiwei hat im Gazastreifen mit Arbeiten für einen Dokumentarfilm über Flüchtlinge begonnen. Zu diesem Zweck führte er Interviews mit Menschen, die im Gazakrieg 2014 ihre Häuser verloren haben. Ai Weiwei befasst sich seit längerem mit dem Schicksal von Flüchtlingen. Mehr

13.05.2016, 12:19 Uhr | Politik
Flüchtlingskrise Gehet hin und lehret alle Völker

Wer sich als Flüchtling christlich taufen lässt, hat bessere Aussichten auf Asyl. Oft aber ist das nicht der Grund, warum viele Muslime konvertieren. Mehr Von Reinhard Bingener und Friederike Böge, BERLIN

24.05.2016, 10:25 Uhr | Politik
Slowakisch-ungarische Grenze Polizei schießt syrischer Frau in den Rücken

Die slowakische Polizei hat eine 26 Jahre alte Syrerin an der slowakisch-ungarischen Grenze verletzt. Weil der Wagen, in dem sie saß, an der Grenze nicht stehen geblieben war, schossen Beamte erst in die Luft und dann auf das Auto. Der Syrerin musste ein Projektil aus dem Rücken operiert werden. Eine Sprecherin der slowakischen Zollpolizei sagte: Wir haben erst später herausgefunden, dass die Menschen in den Autos illegale Immigranten waren. Mehr

10.05.2016, 16:52 Uhr | Politik
Religiöse Verfolgung Weil sie Christen sind?

Christliche Flüchtlinge in Deutschland werden systematisch durch Muslime verfolgt und drangsaliert. Das behauptet eine Studie der Organisation Open Doors. Doch Belege fehlen. Mehr Von Reinhard Bingener und Friederike Böge

23.05.2016, 13:28 Uhr | Politik