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Veröffentlicht: 26.07.2016, 21:08 Uhr

Amoklauf in München Mehr als depressiv

Was hat den Attentäter von München zu seiner Tat gebracht? Er hatte Depressionen, doch Amokläufer leiden meist an einer anderen psychischen Krankheit.

von , München
© AFP Abschied: Angehörige und Freunde tragen Diamant Z., ein Opfer des Münchner Amokläufers, am Dienstag in Ropica im Kosovo zu Grabe.

Wie krank war Ali David S.? Ermittler hatten bisher von einer depressiven Erkrankung berichtet, das hatte die erste Sichtung der Unterlagen ergeben. Doch „depressive Episoden“ oder ein „depressives Syndrom“ allein könnten vom Krankheitsbild her nicht zwangsläufig eine Erklärung liefern.

Karin Truscheit Folgen:

Depressive Erkrankungen führen in der Regel nicht zu Gewalttätigkeit, da hier oft als Hauptsymptom eine „Verminderung des Antriebs“ festzustellen ist. Und Antriebslosigkeit steht dem Planen und Ausführen einer solchen Serientat entgegen.

Wahrscheinlicher wäre da eine narzisstische Störung, die oft bei Amoktaten zugrunde liegt – wenn auch wiederum die wenigsten Menschen mit dieser Störung eine Amoktat begehen. Bei einer narzisstischen Störung zeigten die Personen oft ein „grandioses Verständnis der eigenen Wichtigkeit“, sagt Patrick Nonell, Leiter der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter des Klinikums Nürnberg.

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Narzisstisch Gestörte sind demnach auf „exzessive Bewunderung“ aus, fühlen sich als Herrscher der Welt, über Lehrern, Eltern, Polizei oder Gerichtsbarkeit stehend. Als „krankhaft“ sehen sie diese Wahrnehmung von sich selbst nicht, schon gar nicht als behandlungsbedürftig. Die Bewunderung bleibt aufgrund fehlender Leistungen aus, der Lehrer verweigert die ihnen angeblich zustehende Anerkennung ebenso wie Mitschüler und Freunde.

„Permanente Kränkung wahrgenommen“

„Diese Jugendlichen nehmen das dann als permanente Kränkung wahr.“ Eine Kränkung, die über kurz oder lang in Vergeltungsphantasien umschlagen kann. Ein depressives Syndrom, das sich oft in Schlaflosigkeit, Freud- und Antriebslosigkeit äußert, ist oft Folge dieser narzisstischen Störung.

Doch eine narzisstische Störung ist in Deutschland, anders als in den Vereinigten Staaten, kein anerkannter Diagnoseschlüssel nach dem Diagnosekatalog ICD10. Das könnte eine Erklärung dafür sein, dass vielleicht in den Krankenakten des Ali David S. als reine Diagnose zunächst nur die „Depression“ festgestellt wurde – denn eine depressive Erkrankung lässt sich als Diagnose verschlüsseln.

Dazu kommt, dass man bei Kindern und Jugendlichen mit der Diagnose manifester Persönlichkeitsstörungen vorsichtig ist, da deren Persönlichkeit noch in der Entwicklung ist.

Warnsignale

Warnsignale könnten Hinweise auf narzisstische Störungen jedoch allemal sein, besonders, wenn die Jugendlichen über Rachegedanken sprechen oder Taten sogar androhten, sagt Nonell. Ärzte würden daher bei diesen Jugendlichen immer nach der Verfügbarkeit von Waffen fragen, vor allen von Schusswaffen. „Da werden dann auch die Eltern mit einbezogen.“

Über die Jugendhilfe könne man zudem „Maßnahmen“ anraten, um diese Personen besonders im Auge zu behalten. Eine umfassende Überwachung sei jedoch ebenso schwierig, auch der Versuch, die Jugendlichen von der Bewunderung für berüchtigte „Vorbilder“ abzuhalten. „Wenn man jedoch weiß, dass jemand sogar zu Tatorten von Amoktaten pilgert, ist die Gefahr groß.“

Gezielt nach einer Waffe gesucht

Ali David S. hat nicht nur den Tatort von Winnenden im Frühjahr 2015 aufgesucht. Im sogenannten Darknet hat er gezielt nach einer Waffe vom Typ Glock gesucht, das bestätigte am Dienstag Oberstaatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch. Er habe eine Pistole dieser Marke „favorisiert“ und daher Anstrengungen unternommen, im Internet an sie zu kommen. Die Waffe gilt als leicht zu bedienen, Sicherheitskräfte nutzen sie ebenso wie Massenmörder.

Der Norweger Anders Breivik, den sich Ali David S. offenbar auch als „Vorbild“ genommen hatte, mordete bei seiner Tat vor fünf Jahren unter anderem mit einer Glock-Pistole, ebenso wie Adam Lanza, der 2013 im amerikanischen Bundesstaat Connecticut 20 Kinder und sechs Lehrer erschoss.

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