Ein Überfall? Ein Racheakt? Ein Auftragsmord? Das Blutvergießen auf dem abgelegenen Waldparkplatz in der Nähe des Lac d’Annecy in den französischen Hochsavoyen gibt den Ermittlern weiter Rätsel auf. Zwei Tage nach der grausamen Tat schließt der Staatsanwalt kein Motiv aus. Alles scheint möglich, auch dass der 50 Jahre alte Saad al-Hilli, seine drei Jahre jüngere Frau Iqbal sowie deren 74Jahre alte Mutter wegen einer Erbschaftsstreitigkeit erschossen wurden. Seit Jahren schon soll Saad nur noch über Anwälte mit seinem Bruder korrespondiert haben. Der Grund: Krach über das Erbe des Vaters, das in Steuerparadiesen angelegt worden sein soll. Der Bruder stellte sich am Freitag der britischen Polizei und wird verhört. „Diese Information ist seriös“, sagte der französische Staatsanwalt Eric Maillaud. Aber auch alle anderen Spuren würden akribisch verfolgt.
In britischen Medien wurde spekuliert, ob die Bluttat einen politischen Hintergrund haben könnte. Al-Hilli war in den späten siebziger Jahren aus dem Irak nach Großbritannien gekommen und arbeitete dort als Ingenieur. Die Tageszeitung „Daily Mail“ berichtete, dass der britische Geheimdienst seit 20Jahren eine Akte über den in Bagdad geborenen Mann führe und ihn zu Beginn des Irak-Krieges im Jahr 2003 mehrere Wochen lang überwacht habe. Die Spekulation wurde durch die Meldung genährt, dass der britische Geheimdienst Mitarbeiter an den Tatort geschickt haben soll.
„Hier wollte jemand töten“
Für Staatsanwalt Maillaud steht fest, dass der oder die Täter mit großer Professionalität zu Werke gingen. „Hier wollte jemand töten“, sagte Maillaud. Die Tat zeuge von „großer Rohheit und ausgesprochener Brutalität“. Die vier Opfer - ein zufällig vorbeifahrender Radfahrer wurde ebenfalls erschossen - wiesen alle „mindestens einen direkten Schuss in den Kopf“ auf. Die sieben Jahre alte Tochter wurde brutal zusammengeschlagen, sie erlitt mehrere Schädelbrüche und einen Schuss in eine Schulter. In der Universitätsklinik von Grenoble wurde sie am Freitag abermals operiert. Sie ist außer Lebensgefahr. Es gehe ihr „den Umständen entsprechend gut“, sagte der Staatsanwalt. Polizisten bewachen ihr Krankenzimmer.
Auch ihre kleine Schwester, die in einem anderen Krankenhaus psychologisch betreut wird, steht unter Polizeischutz. Das vier Jahre alte Mädchen überlebte unversehrt, weil es sich zu Füßen seiner Mutter zwischen Reisegepäck gekauert hatte. Die zum Tatort herbeigerufenen Polizisten übersahen das Kind, das acht Stunden in dem Unglücksauto regungslos ausharrte. Kritik an den Ermittlern, die das kleine Mädchen erst mit so großer Verzögerung entdeckten, wies der französische Innenminister Manuel Valls am Freitag zurück. Es handele sich um eine unsinnige Polemik, an der er sich nicht beteiligen wolle. Wären wichtige Indizien am Tatort zerstört worden, hätte dies niemandem genutzt. Die Fachleute aus Paris seien auf schnellstem Wege zum Tatort gereist, um alle Spuren zu sichern. „Die Polizei hat fehlerfrei gearbeitet“, sagte der Innenminister.
Mehr als 15 Patronenhülsen wurden gefunden
Im gerichtsmedizinischen Institut in Grenoble wurde mit der Untersuchung der Opfer begonnen. Von der Autopsie erhoffen sich die Ermittler Hinweise auf den Tathergang. Fachleute untersuchen das Fahrzeug, einen dunkelroten BMW, auf ballistische Spuren. Um den Wagen wurden mehr als 15 Patronenhülsen gefunden. Nach bisherigen Informationen wurde aus einer automatischen Pistole geschossen. Noch ist nicht geklärt, ob es sich um einen oder mehrere Täter handelte. In der unter Schock stehenden Region um den See von Annecy wurde am Freitag ein Zeugenaufruf gestartet.
Eine Frau aus einem Nachbarort berichtete im französischen Nachrichtensender BFM-TV, dass sie den Täter vielleicht beobachtet habe. Ein weißer Peugeot sei kurz nach 16 Uhr mit hoher Geschwindigkeit auf sie zugerast, der Fahrer habe beinahe die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren. „Der Fahrer, ein Mann mit schwarzem Hemd oder Poloshirt, war total in Panik“, sagte die Frau. Andere Zeugen wollen ein weißes Fahrzeug mit Allradantrieb in der Nähe des Tatorts beobachtet haben.
Einer der wichtigsten Augenzeugen dürfte der aus Großbritannien stammende Radfahrer sein, der die Bluttat am Mittwochnachmittag entdeckte. Der Mann, ein pensionierter Militär der Royal Air Force, war auf einer Radtour, als er von einem anderen Fahrradfahrer überholt wurde. Wenige Minuten später kam er auf dem Waldparkplatz an dem dunkelroten BMW vorbei, dessen Motor lief. Die Seitenfenster sowie die Windschutzscheibe des Wagens waren zersplittert. Laut Schilderung des Staatsanwalts näherte sich der Radfahrer dem Auto, als ein Mädchen auf ihn zukam und vor ihm zusammenbrach. Der Brite legte die Verletzte in eine stabile Seitenlage und rief den Notdienst an. Auf der anderen Seite des Wagens fand er ein weiteres Opfer: den Radfahrer, der ihn zuvor überholt hatte. Wie inzwischen bekannt ist, handelt es sich um einen jungen Familienvater aus einem nahegelegenen Ort, der seine Elternzeit für ausgedehnte Fahrradtouren nutzte. Er war vermutlich „zur falschen Zeit am falschen Ort“, wie es der Staatsanwalt formulierte.
Wie am Freitag bekannt wurde, war die Familie al-Hilli ziemlich überstürzt zu ihrem Campingurlaub nach Frankreich aufgebrochen. Ein Nachbar aus der Kleinstadt Claygate in der Grafschaft Surrey berichtete, Saad al-Hilli habe ihm anvertraut, dass er „Angst“ habe. Die Ängste hätten allerdings keinen politischen Hintergrund gehabt.
Täter waren professionell
Nach Recherchen der „Daily Mail“ hatte al-Hilli zuletzt als freischaffender Ingenieur einen Stundensatz von bis zu 35 Euro abgerechnet. In den vergangenen Jahren sei er an der Produktion von Satelliten, Plasma-Generatoren und anderen rüstungsrelevanten Komponenten beteiligt gewesen. Im britischen Fernsehsender Sky News spekulierte der ehemalige Chef einer Londoner Polizei-Sondereinheit über eine Tat mit „Terror-Bezug“ und insinuierte, al-Hilli habe möglicherweise mit Spionage zu tun gehabt. Das professionelle Vorgehen der Täter lasse darauf schließen, dass es sich um kein gewöhnliches Verbrechen handele, sagte John O’Connor. „Die Mörder haben die Botschaft ausgesendet, dass man ihnen besser nicht zu nah kommt.“
Ein Nachbar der getöteten Familie berichtete der Zeitung, al-Hilli habe „ein Problem“ gehabt und sei in den Urlaub aufgebrochen, obwohl seine ältere Tochter dadurch den Schulanfang verpasst habe. Detailliertere Angaben habe er gegenüber der Polizei in Surrey gemacht, sich aber verpflichtet, sie nicht an die Öffentlichkeit weiterzugeben. Unklar blieb, ob mit dem „Problem“ ein politisches oder ein familiäres gemeint war.
Der gebürtige Iraker soll erst vor kurzem in sein Heimatland gereist sein, um Anspruch auf Immobilienbesitz seiner Familie zu erheben. Mit seiner Frau und den beiden Töchtern war Saad al-Hilli schon häufig auf Campingurlaub in Frankreich gewesen. Auf dem Campingplatz Le Solitaire du Lac am See von Annecy soll die Familie jedoch zum ersten Mal ihre Ferien verbracht haben.