20.09.2008 · Im Fall Natascha Kampusch sind noch viele Fragen offen. Trotz Hinweisen auf weitere mögliche Täter sind die Behörden untätig geblieben. Die Ermittlungen werden von einem „Schutzschirm“ behindert, der um das Entführungsopfer gezogen wird.
Von Reinhard Olt, WienGut zwei Jahre ist es her, dass der Fall der Natascha Kampusch ein Ende fand, das die Weltpresse nahezu überhitzte. Das entführte Mädchen konnte sich nach acht Jahren der Gefangenschaft im Keller des Hauses von Wolfgang Priklopil befreien, der als ihr Entführer gilt und noch am selben Tag seinem Leben ein Ende setzte. Im vergangenen Jahr wollte sich die Zwanzigjährige angesichts des Medienandrangs zunächst nurmehr ihrem Privatleben widmen. Aber zum einen kamen Hinweise auf mögliche Ermittlungsfehler in ihrem Fall auf, sodann glaubte sie, mit einer eigenen Talkshow im Privatsender Puls 4 „die Opferrolle endgültig ablegen“ zu können. Nach einer Plauderei mit Niki Lauda, die 114.000 Zuschauer am Bildschirm verfolgten, ebbte das Interesse jedoch merklich ab.
Dagegen ist die Aufmerksamkeit an dem Prozess, den ihre Mutter gegen einen pensionierten Richter anstrengte, bestehen geblieben – er wirft der Frau Beteiligung an der Entführung vor. Und auch der Bericht einer Kommission unter Leitung des früheren Verfassungsgerichtshofpräsidenten Ludwig Adamovich steht weiter im Mittelpunkt des Interesses. Die Kommission, die Hinweisen zu angeblichen Ermittlungsfehlern nachging, gelangte zu dem Schluss, dass im Ministerium „die sachdienlichen Ermittlungsansätze bisher nicht vollständig ausgeschöpft wurden“. Das war vor drei Monaten.
Bemerkenswert kritiklos
Wie die „Wiener Zeitung“ darlegte, sind die zuständigen Behörden trotz Hinweisen auf mögliche weitere Täter bislang untätig geblieben. Demnach finden sich im Kommissionsbericht „klare Hinweise auf einen möglichen Grund, warum die Ermittlungen nicht vorankommen“. Da heißt es: „Die Staatsanwaltschaft scheint die Wünsche aus dem Umfeld des Opfers in bemerkenswert kritikloser Bereitschaft akzeptiert zu haben. Dadurch konnte eine Anzahl von nicht vom Gericht bestellten Personen eine Art ,Schutzschirm‘ um das ,Opfer Natascha Kampusch‘ bilden, welcher die ohnehin schwierigen kriminalpolizeilichen Ermittlungen rund um Wolfgang Priklopil durch Vorgaben, Einschränkungen und Restriktionen erheblich erschwerte.“ Die Passage schließt den Vorwurf ein, nach den Ermittlungen, ob es noch weitere Täter gab, im Auftrag Kampuschs erschwert worden sein könnten. So gibt es die verlässliche Aussage einer Augenzeugin der Entführung, das Mädchen habe zwei daran beteiligte Männer gesehen.
Die Kommission übergab der Justiz auch eine Liste mit Fragen zu Tatbeständen, die der Untersuchung bedürfen, wie es in der „Wiener Zeitung“ heißt. Die wichtigsten: Warum traf sich Priklopil vor dem Selbstmord für mehrere Stunden mit seinem Freund Ernst Holzapfel, der vorgibt, von der Entführung nichts gewusst zu haben? Warum hat Holzapfel nach Kampuschs Flucht mit einer Vollmacht der Mutter Gegenstände aus Priklopils Haus entfernt, und was ist damit geschehen?
Warum ist einem Hinweis aus Deutschland nicht intensiv nachgegangen worden, dass im Internet eine Zeitlang Kampusch-Videos angeboten worden seien? Warum ist Telefonaten Priklopils und Holzapfels mit einer Pornohändlerin nicht nachgegangen worden, und warum hat diese unmittelbar danach mehrmals mit einem österreichischen Heeresoffizier telefoniert? Warum trifft Holzapfel die Kampusch – angeblich auf deren Wunsch – regelmäßig, obwohl er sie nur einmal („im Gefängnis“, dem Haus Priklopils) gesehen haben will und sie ihn unmittelbar nach ihrer Flucht gar nicht sehen wollte? Schließlich: Warum behauptete Holzapfel gegenüber einer Boulevard-Zeitung, dass Natascha Kampusch ihren Eltern nicht vertrauen könne, wiewohl er zugleich sagte, zur Causa gar nichts zu wissen? Fragen, die, sofern sie nicht plausibel geklärt werden, den Fall Kampusch nicht nur offen, sondern im Zwielicht halten.
Reinhard Olt Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.
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