23.11.2007 · Die Obduktion der Leiche der kleinen Lea-Sophie aus Schwerin hat die schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Das Mädchen ist qualvoll verhungert und verdurstet. Offenbar musste das Kind ein monatelanges Martyrium durchleben.
Als Lea-Sophie stirbt, wiegt sie gerade noch 7,4 Kilogramm. Das ist das Gewicht eines ein Jahr alten Säuglings, der normal ernährt wird. Ein fünf Jahre altes Mädchen wie Lea-Sophie wiegt für gewöhnlich fast dreimal soviel, etwa zwanzig Kilogramm. Aber in Lea-Sophies kurzem Leben ist offenkundig nichts normal. Als das Kind am Dienstagabend in ein Schweriner Krankenhaus gebracht wird, ist es dehydriert und ausgemergelt. Die Ärzte können das Leben des Kindes nicht retten, zu lange hat es ohne ausreichende Nahrung und ohne Flüssigkeit vegetieren müssen. Lea-Sophie stirbt kurz nach der Aufnahme in die Klinik.
Am Donnerstag stellen die Gerichtsmediziner fest, dass das Kind verhungert und verdurstet ist, nach monatelangem Leiden nur noch Haut und Knochen. Offenbar hatte das Mädchen Hungerödeme am ganzen Körper, die Haare fielen in Büscheln aus. Am Gesäß habe das Kind entzündete Druckstellen gehabt, teilen die Mediziner weiter mit. Oberstaatsanwalt Hans-Christian Pick, dessen Behörde den Fall bearbeitet, sagt am Donnerstag, solche Druckstellen am Körper seien weitere Anzeichen schwerer Vernachlässigung. Spuren von Gewaltanwendung gegen das Kind hahe man aber nicht entdeckt. Die beiden Hunde der Familie sind in einem Tierheim untergebracht. Dessen Leiter konnte keine Anzeichen von Verwahrlosung und Vernachlässigung an den beiden Tieren erkennen.
Das Leiden des Kindes nicht bemerkt
Die Eltern Lea-Sophies, die 23 Jahre alte Mutter Nicole G. und der 26 Jahre alte Vater Stefan T., werden am Donnerstag verhaftet. Sie stehen im Verdacht, den Tod des Kindes durch Unterlassen verschuldet zu haben. Der acht Wochen alte Sohn der Familie kommt in eine Pflegefamilie. Der Vater von Nicole G. zeigt sich entsetzt. Sie hätten ihre Enkelin etwa acht Wochen lang nicht gesehen. Davor sei „eigentlich alles in Ordnung“ gewesen. Die Mutter des arbeitslosen Autolackierers Stefan T. sagt, man habe sich mit dem jungen Paar zerstritten und es lange nicht mehr gesehen, Die beiden seien nach ihrer Auffassung zu faul zum Arbeiten gewesen. Ja, gewiss, man habe die Schwierigkeiten der jungen Familie bemerkt, aber doch nicht das Leiden des Kindes. Auch in der Nachbarschaft der Familie in Schwerin-Lankow macht sich kopfschüttelndes Entsetzen breit. Immer wieder die Frage, wie es so weit habe kommen können.
Doch die Fragen, der Zorn und das Entsetzen gelten nicht nur den Eltern der kleinen Lea-Sophie. Gefragt wird auch in diesem Fall wieder, ob schlampige Arbeit oder zumindest Fehlentscheidungen des Jugendamtes den Tod des Kindes mit herbeigeführt haben - so wie vor einem Jahr in Bremen beim Fall des kleinen Kevin. Der zweijährige Junge war dort trotz eingehender Warnungen in der Obhut seines rauschgiftsüchtigen Ziehvaters gelassen worden. Der 42 Jahre alte Mann muss sich zurzeit wegen Totschlags und Misshandlung Schutzbefohlener vor Gericht verantworten muss.
Jugendamt-Mitarbeiter handelten nach Vorgaben
Die Schweriner Stadtverwaltung teilt mit, die Mitarbeiter ihrer Behörden den Vorgaben entsprechend gehandelt, aber am Donnerstag traten immer Zweifel an diesen Aussagen auf. So haben nach Angaben des Schweriner Sozialdezernenten Hermann Junghans zwei Jugendamtsmitarbeiter die junge Familie vor zwei Wochen aufgesucht, aber „keine Auffälligkeiten“ festgestellt. Junghans: „Es gibt keinen Anlass, der dafür spricht, dass die Mitarbeiter in diesem Fall anders gehandelt haben, als in diesen Verfahren vorgegeben.“ Das Jugendamt soll durch einen anonymen Hinweis von einer Vernachlässigung gewusst haben.
Ein Nachbar sagt am Donnerstag, die beiden Mitarbeiter des Amtes hätten die Familie Anfang November besucht und einen kurzen Blick in den Kinderwagen geworfen. In der Wohnung seien sie nicht gewesen. NDR 1 Radio MV berichtete, die Eltern seien bei einem weiteren Termin im Jugendamt zwar mit ihrem Neugeborenen, nicht aber mit Lea-Sophie erschienen. Schon vor einem Jahr soll die Familie auffällig gewesen sein. Damals habe das Amt mit den Großeltern gesprochen. Es ist nicht klar, ob die Behördenmitarbeiter Lea-Sophie jemals gesehen haben.
Kind nur einmal in zwei Jahren gesehen
Auch die Nachbarn haben nach eigenen Angaben das Kind nur ein Mal seit dem Einzug der Familie 2005 kurz im Treppenhaus zu Gesicht bekommen. Ein Kliniksprecher sagte, dass das Mädchen vor mehreren Jahren schon einmal vorgestellt wurde. Das Kind sei aber wegen Krankheitssymptomen behandelt worden. Anzeichen für eine Misshandlung habe es damals nicht gegeben.
Die Schweriner Jugendamtsleiterin Heike Seifert soll schon vor einem Jahr im Sozialausschuss der Stadtvertretung mitgeteilt haben, dass das Jugendamt durch Mittelkürzungen überlastet sei. „Es haben alle Verantwortlichen die Katastrophe kommen sehen und nichts getan, um sie abzuwenden“, klagt die stellvertretende Vorsitzende des Landeselternrats, Verena Riemer, und verweist auch darauf, dass auf sozialem Gebiet noch immer mehr Mittel eingespart würden.
Qualitäts- und Mentalitätsproblem
Zu den fehlenden finanziellen Mitteln komme auch ein Qualitäts- und Mentalitätsproblem in den Jugendämtern, dass nichts mit Geld zu tun habe, sagt der Vorsitzende der Deutschen Kinderhilfe Direkt, Georg Ehrmann, dem Radiosender NDR Info. Bei Mitarbeitern müsse die Erkenntnis verstärkt werde, dass nicht alle Eltern es mit ihren gut meinen.