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Verhörspezialist Marco Löw : „In jeder Lüge gibt es Lecks“

Verhör mit Lügendetektor: Sharon Stone muss sich in „Basic Instinct“ befragen lassen. Bild: Picture-Alliance

Marco Löw, Jahrgang 1975, war Polizist und Verhörspezialist - ein Experte im Enttarnen von Schwindlern. Ein Gespräch über Alibis, verräterische Nasen und Mikromimik.

          Herr Löw, Sie waren früher einer der gefragtesten Verhörexperten bei der Polizei. Warum waren Sie so gut?

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ich habe mich nicht mit den bei der Polizei vorhandenen Vernehmungsmethoden begnügt, sondern habe ein Vernehmungssystem entwickelt, das eine für jeden denkbaren Fall passende Methode enthält. Zum Beispiel bei gewissen Lügnern, die besonders intelligent waren. Ich habe dann meine eigenen Vernehmungen analysiert und im Nachhinein rekapituliert, welche Erfolge und Misserfolge ich mit welcher Fragetaktik hatte und warum ich auf manche Lügner reingefallen bin. Dazu habe ich mir die verbale und die nonverbale Ebene angeschaut. Nach mehr als 5000 ausgewerteten Vernehmungen habe ich festgestellt, dass es immer wieder gleiche Muster im Aussageverhalten gibt. So habe ich ein Befragungssystem geschaffen, das sogar nach Ansicht des Bundes Deutscher Kriminalbeamter anderen Befragungsmethoden überlegen ist.

          Sie haben 5000 Vernehmungen ausgewertet und 102 Indikatoren entdeckt, mit denen sich jede Aussage auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen lässt. Welche wichtigen Indikatoren gibt es?

          Es gibt zwei Arten, wie man lügen kann: vorbereitet oder spontan. Wenn man spontan lügt, muss man auf die Schnelle einen unwahren Sachverhalt konstruieren. Lügt man vorbereitet, muss man sich an ein Konstrukt halten. Beides erfordert kognitive Aufmerksamkeit. Der Interviewer kann mit einer guten Fragetechnik in mentale Leerräume vorstoßen, über die sich der Lügner zuvor noch keine Gedanken gemacht hat, und ihn dann im Laufe des Gesprächs in Widersprüche verwickeln. Weil Merkfähigkeit und Denkgeschwindigkeit auch beim Lügner eben begrenzt sind. Mit meinem System kann ich solche Lecks systematisch aufspüren.

          Sie haben auf die Art mal einen Täter überführt, der ein wasserdichtes Alibi mit zwei Zeugen hatte.

          Ja, er hatte einen Arbeitskollegen und dessen Frau gebeten, ihm ein Alibi zu geben. Sie hatten sich abgesprochen, dass er bei dem Kollegen und seiner Frau zum Tatzeitpunkt beim Abendessen gewesen wäre. Sie hatten sich auch wirklich gut abgesprochen, was das Essen, die Gespräche und die Wohnung anging - und völlig übereinstimmende Aussagen gemacht. Ich habe dann allen dreien Fragen gestellt, von denen ich mir sicher sein konnte, dass sie nicht abgesprochen sein konnten. Zum Beispiel: Wie ist denn die Wohnung eingerichtet, in welchem Stockwerk liegt sie, wie sind Sie hingekommen, aus welchem Material ist der Esstisch, welche Farbe hatte das Sofa. . . ? Das ist die Methode, mit der man die Lecks, die in jeder falschen Aussage drin sind, findet. So kann man die meisten Lügner enttarnen, nicht nur in der Kriminalistik, sondern auch im Alltag.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Und Sie sehen sogar an der Nase, ob jemand lügt?

          Das ist der Pinocchio-Effekt. Den hat eine Gruppe von Wissenschaftlern entdeckt, nachdem Bill Clinton seine Aussage im Fall Lewinsky gemacht hatte. Da hatte er sich von einem bestimmten Punkt der Befragung an, als er besonders nervös wurde, bis zu 60 Mal pro Minute an die Nase gefasst. Wenn jemand das macht, der sich normalerweise nicht besonders oft an die Nase fasst, liegt das daran, dass der Körper Stresshormone ausschüttet und dann die feinen Äderchen, die in der Nase liegen, stärker durchblutet werden und anfangen zu jucken. Aber man sollte das nicht dogmatisch sehen. Ob jemand lügt, muss man immer anhand mehrerer Kriterien überprüfen.

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