15.09.2009 · In der Münchener S-Bahn ist ein Mann ums Leben gekommen, weil er helfen wollte. Trauen sich die Menschen jetzt noch weniger, in Gefahrensituationen einzugreifen? Wie man sich in einer solchen Situation richtig verhält, erklärt die Münchener Kriminalhauptkommissarin Iris Ohain.
In der Münchener S-Bahn ist ein Mann ums Leben gekommen, weil er helfen wollte. Trauen sich die Menschen jetzt noch weniger, in Gefahrensituationen einzugreifen? Welche Möglichkeiten gibt es, das eigene Risiko zu minimieren.
Die Münchener Kriminalhauptkommissarin Iris Ohain vom Münchener Kommissariat für Prävention und Opferschutz spricht im Interview über Zivilcourage, Pfefferspray und Möglichkeiten der Vorbeugung.
Frau Ohain, am Samstag ist ein Mann in der Münchner S-Bahn einer Gruppe von Kindern zu Hilfe geeilt, die von zwei jungen Erwachsenen bedroht wurde. Der Mann wollte helfen und wurde zu Tode geprügelt. Hat er richtig gehandelt?
Ja, er hat Zivilcourage gezeigt und vorbildlich gehandelt.
Nun ist er tot.
Es gibt leider keine Patentrezepte, wie man in einer solchen Situation vorgeht. Jede Situation kann eskalieren. Wichtig ist, die Lage ruhig abzuschätzen. Dann andere Fahrgäste ansprechen, sie an der Schulter fassen und zum Helfen motivieren: „Bitte, kommen Sie mit! Hier ist jemand in Gefahr.“ Das ergibt den Mitreiß-Effekt. Der Angreifer sieht sich plötzlich einer Übermacht gegenüber und verlässt den Tatort.
Was, wenn man sich nicht traut?
Dann sollten Sie es auch nicht tun, sondern unbemerkt die Polizei verständigen.
Also nicht übermütig werden, wenn etwa eine Frau von sechs alkoholisierten Männern angepöbelt wird?
Zivilcourage und Selbstbehauptung sind wunderbar, aber man darf sich nicht selbst in Gefahr bringen. Was hilft es denn, wenn man dann neben dem Opfer am Boden liegt?
Der jüngste Fall in München endete tödlich. Werden sich jetzt nicht noch mehr Fahrgäste in solchen Situationen hinter die Zeitung ducken?
Wir hoffen, dass das Gegenteil passiert. All jene, die vielleicht dabei gewesen sind und nur zugeschaut haben oder diesen Fall jetzt in den Medien verfolgen, werden beim nächsten Mal ihren mutigen Mitbürger nicht mehr im Stich lassen. Das Gesetz sieht zudem vor, dass man hilft. Sonst riskiert man eine Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung.
Was tun, wenn man nicht weiß, ob es sich nur um einen Streit zwischen einem Pärchen oder Freunden handelt?
Wenn ein paar Jugendliche in der Einkaufsstraße Kickboxen ausprobieren oder ein Pärchen lautstark streitet, dann ist das wahrscheinlich harmlos. Aber wenn Sie das Gefühl haben, die Lage könnte sich verschärfen, dann sollten Sie per Handy die Polizei verständigen. Schauen Sie, bei uns rufen die Leute sogar an, um nach den Fußballergebnissen zu fragen! In zweifelhaften Fällen kommen wir lieber einmal zu oft als einmal zu wenig.
Woran sollte sich der Augenzeuge für die Personenbeschreibung eines flüchtigen Täters erinnern?
Haarfarbe und Körpergröße reichen nicht aus, es geht um die Details: eine auffällige Tätowierung, schmutzige Turnschuhe. Am besten, sich alles notieren oder mit dem Handy ein Foto machen, sonst werden die Details in der Aufregung vergessen.
Die Münchner Polizei bietet Kurse für Zivilcourage und Selbstbehauptung an. Wie können diese Tugenden vermittelt werden?
Wir stellen Gewaltsituationen realitätsgetreu nach. Die Polizisten spielen die Täter und versetzen die Teilnehmer in die Situation des Opfers oder des unbeteiligten Fahrgastes. Zum Beispiel wird der Versuch einer sexuellen Belästigung durchgespielt.
Wie sollte die Teilnehmerin reagieren, wenn sie im wahren Leben allein in der S-Bahn sitzt?
Grundsätzlich sollte sie sich ins Abteil hinter dem Fahrer setzen oder sich gleich zum Notrufknopf stellen. Sie sollte ihre Angst verbergen: gerade Haltung, gestraffte Schultern. Das signalisiert: „Ich werde meine Haut so teuer wie möglich verkaufen.“ Sie sollte den Angreifer stets siezen und wenn nötig anschreien: „Lassen Sie mich in Ruhe! Fassen Sie mich nicht am Oberschenkel an!“ Am Schluss zeigen wir den Teilnehmern noch einige Tritte und Schläge.
Zum Beispiel?
Ganz fest auf den Fuß steigen hilft fast immer. Dazu muss man kein Kampfsportler sein. Stöckelschuhe tun es besonders.
Was ist mit dem Pfefferspray?
Von Pfefferspray raten wir ab, denn jede Waffe kann in die Hand des Täters gelangen und ihn noch aggressiver machen. Aber sobald man körperlich angegriffen wird, ist jede Gegenwehr erlaubt: Schlagen, kratzen, beißen, schreien, den Schlüsselbund ins Gesicht schlagen. Hauptsache, man kommt aus der Situation raus.
Ein U für ein S vorgemacht...
Derk Hunne (D.H.H)
- 15.09.2009, 20:19 Uhr
Wie reagiert man richtig? Bitte schreiben Sie mir Ihre Gedanken!
Moritz Schnelleisen (moschnell)
- 15.09.2009, 23:18 Uhr
Weiter gehts:
Carolus Doomdey (Domday)
- 15.09.2009, 23:50 Uhr
Wo war hier eigentlich die Polizei?
Klaus Roderer (isualK)
- 16.09.2009, 01:04 Uhr
Wäre es nicht an der Zeit, einmal zu überlegen …
Stefan Pohl (friedrich_leipzig)
- 16.09.2009, 01:23 Uhr