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Vereinigte Staaten Zu früh für Romeo und Julia

29.06.2007 ·  Silvester, Drogen, acht junge Männer, zwei Mädchen und eine Videokamera, so die Voraussetzungen für eine drakonische Strafe gegen einen jungen Schwarzen. Amerika debattiert über die Härte des Urteils - und Rassismus in der Rechtssprechung.

Von Matthias Rüb, Washington
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Als sich das Fax mit der Entscheidung von Thomas H. Wilson, Richter am Kreisgericht des Landkreises Monroe im amerikanischen Bundesstaat Georgia, aus dem Gerät schob, vollführten Rechtsanwältin B. J. Bernstein und Juanessa Bennett, die Mutter des Gefangenen, ausgelassene Freudensprünge.

Doch der Jubel war verfrüht: Genarlow Wilson, inzwischen 21 Jahre alt und mit dem Kreisrichter gleichen Nachnamens nicht verwandt, wird vorerst weiter in Haft bleiben. Jedenfalls bis zum 5. Juli, dann wird ein Richter an einem anderen Kreisgericht im Landkreis Douglas entscheiden, ob Wilson auf Kaution freigelassen werden kann, bis eine höhere Instanz über seinen Fall abermals entschieden hat.

Die Nation steht hinter Wilson

Dieser Fall bewegt inzwischen die amerikanische Nation wie derzeit kein anderes Verfahren – sieht man vom Gezerre um die Haftzeit der wegen wiederholter Trunkenheit am Steuer zu Gefängnis verurteilten Hotelerbin Paris Hilton ab. Richter Thomas Wilson, der am 11. Juni die sofortige Freilassung von Genarlow Wilson verfügt hatte, dürfte mit seiner Begründung für die Aufhebung des früheren Urteils ausweislich jüngster Umfragen eine deutliche Mehrheit der Nation hinter sich haben.

„Wenn dieses Gericht oder jedes andere Gericht“, sagte Richter Wilson, „die Ungerechtigkeit nicht zu erkennen vermag, die hier geschehen ist, dann hat unsere Rechtsprechung das Ziel aus den Augen verloren, das zu erreichen wir immer angestrebt hatten.“

Auf Video gebannt

Seinen Ausgang genommen hat das Unheil, das bis heute über acht jungen Schwarzen aus Atlanta hängt, in der Silvesternacht 2003. Ein Klassenkamerad von Genarlow Wilson an der Douglas-County-Oberschule hatte in einem „Days Inn“-Motel in Atlanta zwei benachbarte Zimmer für eine private Silvesterparty gemietet. Für ausreichend Marihuana und Alkohol war gesorgt, zu den sechs Jungen aus der Oberschule gesellten sich auch zwei Klassenkameradinnen im Alter von seinerzeit 17 und 15 Jahren. Einer der Schüler nahm die ausschweifende Feier mit seiner Videokamera auf.

Zum Beispiel filmte er, wie Genarlow Wilson, ein Schüler mit guten Noten und noch besseren Fähigkeit auf dem Footballfeld, sowie andere Klassenkameraden mit dem sichtlich schwer betrunkenen und berauschten 17 Jahre alten Mädchen Geschlechtsverkehr hatten – ob mit deren Einverständnis oder nicht ist bis heute umstritten. Zudem nahm er das 15 Jahre alte Mädchen und Genarlow Wilson beim Oralsex auf, wobei der junge Mann auf der „nehmenden“ und nicht der „gebenden“ Seite war.

Am Neujahrstag 2004 berichtete das 17 Jahre alte Mädchen ihren Eltern, sie sei bei der Party in dem Motel von mehreren Klassenkameraden vergewaltigt worden, woraufhin die Eltern die Polizei verständigten und diese bei der Durchsuchung der Zimmer im „Days Inn“ allerlei Indizien fand – vor allem die Videoaufnahmen.

Glimpfliche Strafen für die anderen Angeklagten

Die Staatsanwälte stützten ihre Anklage gegen die sechs Oberschüler wegen Vergewaltigung und schweren Kindesmissbrauchs vor allem auf den Videobeweis, den die jungen Männer törichterweise selbst beigesteuert hatten. Fünf der Angeklagten bekannten sich vor Beginn des Hauptverfahrens schuldig und kamen mit glimpflichen Strafen davon.

Allein Wilson beteuerte seine Unschuld, worauf er im Prozess vor einem Geschworenengericht im Februar 2005 zwar vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen wurde, aber wegen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs schuldig gesprochen wurde, obschon der Augenschein des Videos und selbst die Aussagen der Mutter des 15 Jahre alten Mädchen nahelegten, dass jedenfalls der Oralsex nicht erzwungen war.

Urteil mit Entsetzen aufgenommen

Dennoch traf Wilson die Härte der Strafe mit brutaler Wucht, denn nach einem 1995 verabschiedeten Gesetz steht in Georgia auf schweren Kindesmissbrauch eine Strafe von mindestens zehn Jahren Gefängnis ohne Bewährung. Sinn des drakonischen Strafmaßes war die Abschreckung potentieller pädophiler Straftäter. Nach dem weithin mit Entsetzen aufgenommenen Urteil gegen den Jugendlichen Wilson sprach sich selbst der Hauptverfasser des Gesetzes von 1995 für eine sogenannte Romeo-und-Julia-Zusatzklausel zu dem Gesetz aus.

Diese wurde denn auch vom Parlament in Atlanta im vergangenen Jahr verabschiedet, und danach ist es nunmehr keine Straftat mehr, sondern nur noch eine Ordnungswidrigkeit, wenn ein Jugendlicher bis 18 Jahre mit einem mindestens 14 Jahre alten Mädchen mit deren Einverständnis Sex hat – oder umgekehrt eine Jugendliche mit einem Jungen in entsprechendem Alter.

Justizminister Baker pocht auf die „alte“ Strafe

Die Höchststrafe für diese Ordnungswidrigkeit ist nun ein Jahr. Da aber das Gesetz nicht rückwirkend gilt, muss das Urteil gegen Genarlow Wilson wegen schweren Kindesmissbrauchs nach Ansicht des Justizministers von Georgia, Thurbert Baker, weiter Bestand haben – trotz des Entscheids von Kreisrichter Thomas Wilson, der am 11. Juni sein Urteil wegen einer Ordnungswidrigkeit gefällt und die sofortige Freilassung Wilsons nach fast zweieinhalb Jahren Gefängnis verfügt hatte. Der Kreisrichter habe seine Befugnisse weit überschritten, argumentierte Justizminister Baker und legte Berufung ein, über welche nun ein höheres Gericht entscheiden muss.

Dass Justizminister Baker der ranghöchste Schwarze in einem gewählten Amt im Bundesstaat Georgia und ein Demokrat dazu ist, hat die Debatte um den Fall Genarlow Wilson in eine andere Richtung gelenkt. Bislang hatte es in den Medien und im politischen Establishment zum guten Ton gehört, Wilson als Opfer einer heimlichen Rassenjustiz zu beschreiben, in welcher weiße Südstaatler mit ihren weltfremden Moralvorstellungen und uneingestandenen sexuellen Minderwertigkeitskomplexen an der heutigen schwarzen Jugend ein herzloses Exempel statuierten.

Wo verbirgt sich der Rassismus?

Der frühere Präsident Jimmy Carter setzte sich ebenso für Genarlow Wilson ein wie der schwarze Kongressabgeordnete John Lewis, ein geachteter Veteran der Bürgerrechtsbewegung, der seinen Wahlkreis in Atlanta seit 1987 im Repräsentantenhaus in Washington vertritt. Immerhin stellen schwarze Kommentatoren wie der bekannte liberale Radio- und Fernsehjournalist Tavis Smiley aber inzwischen die Frage, wo sich der Rassismus verberge, wenn Opfer und Täter schwarz seien, Schwarze unter den Geschworenen waren und der schwarze Justizminister aus prinzipiellen Erwägungen die Aufrechterhaltung eines ungewöhnlich harten Urteils fordere und sich der Kompetenzüberschreitung eines Kreisrichters widersetze.

B. J. Bernstein, die dank des Verfahrens inzwischen zu nationaler Prominenz aufgestiegene Rechtsanwältin von Genarlow Wilson, ist übrigens Weiße. Über ihren möglichen Einfluss auf Wilsons Entscheidungen, alle Angebote der Anklage in dem Verfahren und auch des Justizministers abzulehnen, mit einem Schuldbekenntnis eine wesentlich mildere Strafe zu erreichen, statt als eine Art nationaler Märtyrer viele Jahre im Gefängnis zu schmachten, werden in Pressekommentaren nun immerhin Fragen gestellt.

Das damals 15 Jahre alte Mädchen, das in der verhängnisvollen Silvesternacht von 2003 mit Genarlow Wilson etwas tat, was zum Beispiel auch zwischen Monica Lewinsky und Bill Clinton im Weißen Haus geschah, ohne dass dadurch nach der Expertenmeinung des früheren Präsidenten wirklich eine sexuelle Beziehung zwischen ihm und der damaligen Praktikantin bestanden hätte, ist heute 18 Jahre alt, unverheiratet und hat einen zweijährigen Sohn. Wie heute mehr als zwei Drittel aller schwarzen Kinder in den Vereinigten Staaten wächst auch er in einem Haushalt mit einer alleinerziehenden Mutter auf.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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