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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Verbrecherjagd dank DNA Ein Skelett mit blauen Augen

 ·  Neue Methoden in der forensischen Genetik ermöglichen es, sich anhand von DNA-Spuren an das Aussehen von Tätern heranzutasten. Der Weg in die Polizeiarbeit wird allerdings noch dauern.

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© Institut für Forensische Molekularbiologie Erasmus Universität Rotterdam Die DNA eines Menschen verrät mit einer Genauigkeit von 90 Prozent seine Augenfarbe.

Im Jahr 1977 wurden in einer deutschen Großstadt Kabel verlegt. Das ist nichts Ungewöhnliches, allerdings wurden die Kabel 34 Jahre später, 2011, relevant, als bei Erdarbeiten ein Skelett gefunden wurde. Denn über einem der Kabel hatte man das Skelett gefunden. Viel mehr fand man nicht. Daher war die Erkenntnis, dass es nicht vor 1977 dort abgelegt worden sein konnte, eine wichtige, weil fast die einzige Information. Mord, Suizid, Unfall? Nichts weiß man, es sind bislang nur knöcherne Überreste eines Menschen ohne Geschichte, dem nur die Jahreszahl 1977 plus anhaftet.

Die forensische Genetik hat sich mit dürftiger Spurenlage noch nie abgefunden. Jede noch so kleine DNA-Spur (und Knochen haben eine Menge davon) können das Leben vor dem Tod, den Menschen, sichtbar machen. So fand das Skelett im vergangenen Jahr den Weg in das Institut für Rechtsmedizin der Berliner Charité. Man erstellte ein vollständiges DNA-Muster und ermittelte, dass es sich um das Skelett einer unbekannten Frau handelt. Der Polizei, die also weiter kaum Anknüpfungspunkte hat, kommt nun der Fortschritt in der forensischen Genetik zugute.

Eine forensische Schatzkiste

Im Fall des Skeletts hat dieser Fortschritt blaue Augen. Josephine Purps, eine Doktorandin im Team um Lutz Roewer, dem Leiter des Lehrstuhls für Forensische Genetik an der Charité, hat in der DNA der Knochenzellen genetische Marker analysiert. Sie können die Augenfarbe bestimmen. Die Frau, deren Skelett gefunden wurde, hatte mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent blaue Augen. Diese Erkenntnis ist in erster Linie „Iris Plex“ zu verdanken. Das Testverfahren, das auch in Berlin zur Anwendung kam, hat der deutsche Genetiker Manfred Kayser entwickelt.

Für den Forscher, der am Medizinischen Zentrum der Erasmus-Universität Rotterdam das Institut für Forensische Molekularbiologie leitet, ist die Desoxyribonucleinsäure (DNA) eine forensische Schatzkiste, deren Kostbarkeiten es zu heben gilt. Er forscht mit seinem Team nach Genen auf dem Strang der DNA, die für das Aussehen, den Phänotyp eines Menschen, verantwortlich sind, um daraus Verfahren für die forensische Praxis zu entwickeln. Das „Forensic DNA Phenotyping“ ist somit die Fortsetzung der Erfolgsgeschichte der forensischen DNA-Analyse, die vor 20 Jahren die Polizeiarbeit revolutioniert hat.

„Das Aussehen ist keine Privatsache“

Seit dem 1. April wird in den Niederlanden die DNA-basierte Augenfarbenbestimmung, die auf „Iris Plex“ beruht, in der forensischen Fallarbeit eingesetzt - wenn alle anderen Ansätze erschöpft sind. Seit rund zehn Jahren schon erlauben die Niederlande per Gesetz als einziger Staat auf der ganzen Welt, DNA-Spuren nicht nur zur Identifizierung zu nutzen, sondern in ihnen auch danach zu suchen, aus welcher Weltregion die Vorfahren unbekannter Spurenverursacher stammen (Asien, Europa, Afrika, Amerika, Ozeanien) oder welche äußerlich sichtbaren Körpermerkmale sie besitzen. In manchen amerikanischen Bundesstaaten und in Großbritannien wird das zum Teil auch praktiziert; es ist nicht gesetzlich geregelt, aber auch nicht explizit verboten.

Aber so weit wie die Niederlande geht kein anderes Land. Nur Krankheiten - ob ein mutmaßlicher Täter Diabetiker oder Bluter ist - dürfen auch dort nicht herausgelesen werden: Das würde das Recht auf „Nichtwissen“ verletzen. „Doch das Aussehen ist keine Privatsache“, sagt Kayser. Jeder Polizist sei froh, wenn es Augenzeugen für ein Kapitaldelikt gebe. Natürlich nehme die Polizei die Aussagen auf, wenn ein Zeuge sage: „Da ist ein Mann aus der Wohnung gerannt, der war mittelgroß, mittelschwer, mittelblond.“ Warum also dazu nicht die Anhaltspunkte nutzen, die man aus der DNA herausarbeiten könne, als Ergänzung oder Ersatz für fehlende Augenzeugen? Besonders dann, wenn es zum DNA-Profil keinen Treffer in der jeweiligen DNA-Analysedatei gibt.

Will man anhand einer DNA-Spur einen unbekannten Menschen charakterisieren, muss man sich den codierenden Bereich seines Genoms und bestimmte Anteile des nicht-codierenden Bereichs genauer ansehen. Ungefähr 99,9 Prozent des Erbguts sind bei allen Menschen identisch. Die feinen Unterschiede im Genotyp, die „Single Nucleotide Polymorphisms“ (SNP), machen den Unterschied im Phänotyp aus. Es sind zufällige Abstufungen in den Basenpaaren, die über das gesamte Genom verteilt sind und weitervererbt werden. Sie können verantwortlich sein für das Grübchen im Kinn, die Körperfülle oder die Neigung zu Diabetes - je nachdem, wo im Genom sie lokalisiert sind.

Um also das Aussehen zweier Personen variieren zu lassen, genügt es im Extremfall, wenn ein einziges Nukleotid (also eine der vier Grundbausteine der DNA, Adenin, Guanin, Cythosin oder Thymin) an einer bestimmten Position auf dem DNA-Strang im Vergleich zur entsprechenden Position bei einem anderen Menschen variiert: Hat eine Person an einer bestimmten Position zum Beispiel ein „C“, findet sich an gleicher Position bei einer anderen Person ein „T“. Die Augenfarbe ist dabei der Phänotyp, der von allen äußerlich sichtbaren Körpermerkmalen bislang am genauesten bestimmt werden kann. In einer Studie mit Tausenden Europäern fand Kayser mit seinem Team heraus, dass das Vorhandensein von 15 bestimmten SNP die Augenfarbe braun mit einer Vorhersagegenauigkeit von durchschnittlich 93 Prozent und die Augenfarbe blau mit durchschnittlich 91 Prozent bestimmt.

Das Problem mit den Kontaktlinsen

„Es genügt sogar schon, allein sechs dieser 15 SNP zu analysieren, um mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit zu sagen: Diese Person hat blaue, diese andere Person hat braune Augen. Das sind die sechs SNP, die wir für den Iris-Plex-Test verwenden.“ Zwischenfarben indes wie Grün oder Farbtöne aus verschiedenen Nuancen können bislang nur schwer herausgelesen werden. Immerhin kann man mit „Iris Plex“ aber aus einer DNA-Spur mit einer Wahrscheinlichkeit von durchschnittlich 94 Prozent die blaue oder braune Augenfarbe bestimmen.

Josephine Purps von der Charité konnte so die (höchstwahrscheinlich) blaue Augenfarbe des Menschen bestimmen, dessen Knochen bei Bauarbeiten gefunden wurden. Die Ergebnisse könnten aber nicht eins zu eins in die polizeilichen Ermittlungen übertragen werden, sagt sie. „Man muss auch die Möglichkeit medikamentenabhängiger Prozesse bedenken, die im Laufe des Lebens die Augenfarbe verändern können. Von gefärbten Kontaktlinsen ganz zu schweigen.“

Was bei den Augen so gut funktioniert, wünscht sich Kayser auch für weitere forensisch relevante Äußerlichkeiten wie zum Beispiel die Haarfarbe: „Rote Haare sind relativ einfach zu bestimmen, nur ein einziges Gen, MC1R, ist dafür verantwortlich. Die entsprechenden DNA-Marker sind seit einiger Zeit bekannt.“ Der britische „Forensic Science Service“ hatte schon vor einigen Jahren einen DNA-Test allein für die rote Haarfarbe entwickelt. Allerdings sind Rothaarige immer auch eine Ausnahmeerscheinung. Ein nur darauf beschränkter DNA-Test bringt forensisch nicht viel - höchstens in Irland.

Menschen verändern sich

Kayser hat somit nach DNA-Markern für weitere Haarfarben gesucht. Das Ergebnis ist ermutigend: Rote Haare können mit einer durchschnittlichen Vorhersage-Genauigkeit von 93 Prozent, schwarze mit 85 Prozent, braune mit 81 Prozent und blonde Haare mit 80 Prozent aus bestimmten Markern abgelesen werden. Den entsprechenden DNA-Test, ein „Kit“ für die Forensik, ähnlich wie „Iris Plex“, hat er mit seinem Team ebenfalls gerade entwickelt.

Blonde Haare sind auch deshalb weniger genau vorherzusagen, weil bei manchen Menschen, die im Kindesalter hellblond waren, die Haare im Erwachsenenalter dunkler werden. „Hier haben wir das Problem: Die Gene sagen blond. Das Alter hat jedoch aus dem hellblond ein dunkelblond oder sogar ein braun gemacht.“ Und wonach soll die Polizei dann suchen? Nach einem in jungen Jahren hellblonden Mörder, der inzwischen jedoch aschblonde Haare haben könnte? Kayser weiß, dass noch viel Arbeit vor ihm liegt. „Die DNA ändert sich nicht. Doch was sich ändern kann, ist die Genaktivität. Welche Regulatoren jedoch für diese Veränderungen im Laufe der Jahre verantwortlich sind, das wissen wir noch nicht.“

Die Vorstellung, dass aus ein paar Hautzellen, die ein Täter am Messergriff zurücklässt, einmal im Labor ein dreidimensionales Täter-Abbild entstehen kann, bleibt zunächst amerikanischen Fernsehserien vorbehalten. „DNA Phenotyping kann jedoch dabei helfen, Unschuldige auszuschließen und den Kreis der Verdächtigen einzugrenzen“, sagt Kayser. Ein Vorteil gegenüber Zeugenaussagen: Es gebe eine Datengrundlage, so könne man die Fehlerquote statistisch einordnen. Für Zeugenangaben fehle dazu bisher das Datenmaterial. Zufrieden ist Kayser auch erst, wenn seine Verfahren so genau sind, dass sie für die Praxis zu nutzen sind.

Keine gepiercten Biologen mit Kopfhörern

Ähnlich nüchtern wie sein Ansatz wirken auch Büros und Labore im Institut in Rotterdam: keine riesigen Touchscreens mit Tatortbildern, keine Glaskolben mit dampfenden Flüssigkeiten, keine gepiercten Biologen mit Kopfhörern in weißen Kitteln. Stattdessen Computer, Zentrifugen, Thermocycler zur DNA-Vervielfältigung, DNA-Sequenzierer zur SNP-Analyse, Pipettier-Roboter. Davor sitzen genetische Epidemiologen aus China, forensische Genetiker aus Irland und Neuseeland, Populationsgenetiker aus Spanien und den Niederlanden, deutsche Bioinformatiker, russische, deutsche, niederländische Molekularbiologen sowie Labortechniker aus Deutschland, Indien, und den Niederlanden.

Finanziert werden Kaysers Forschungen unter anderem vom Forensischen Genomkonsortium Niederlande (FGCN) und in großem Maße vom Niederländischen Forensischen Institut (NFI). Das NFI, dem Justizministerium unterstellt, leistet zentral alle Aufgaben wie Schriftenanalyse, Ballistik, Pathologie oder DNA-Analyse. In Deutschland sind dafür das Bundeskriminalamt und die Landeskriminalämter zuständig, vieles wird auch von den Universitätsinstituten übernommen. Rund 1,5 Millionen Euro pro Jahr lassen sich die Niederländer Kaysers Forschungen kosten.

Somit versucht das Rotterdamer Team, zusammen mit dem Forensischen Labor für DNA-Forschung (FLDO) an der Universität Leiden, alles aus der DNA herauszuholen, was forensisch von Belang ist: Zu Augenfarbe und Haarfarbe gibt es jetzt schon Tests, an einem ebensolchen für Hautfarbe wird gearbeitet, an Körpergröße, Gesichtsstrukturen und anderen Merkmalen wird geforscht. Beim Alter können bisher Restprodukte von Reorganisationsprozessen in der DNA bestimmter Blutzellen Aufschluss über das chronologische Lebensalter geben.

Mit Unsicherheiten von plus/minus 17 Jahren

Mit dem von Kayser entwickelten DNA-Test lässt sich zumindest schon die Altersgruppe schätzen, zu der ein Spurenleger gehört: für die bis Zwanzigjährigen mit einer durchschnittlichen Vorhersagegenauigkeit von 96 Prozent, für die Gruppe der Zwanzig- bis Vierzigjährigen von 89 Prozent und für die Gruppe der Vierzig- bis Sechzigjährigen von 90Prozent. Das exakte Alter einer Person lässt sich allerdings bislang nur mit einer Unsicherheit von plus/minus 17 Jahren vorhersagen.

Bei der Hautfarbe konnte das Rotterdamer Team schon zeigen, dass fünf SNP auf der DNA 82 Prozent der unterschiedlichen Variationen an Hautfarben in Bevölkerungsgruppen erklären. Doch bei allem Forscher-Optimismus: „Dass wir so aussehen, wie wir aussehen, hat immer auch mit Umwelteinflüssen zu tun, nicht nur mit den Genen. Das macht die Forschung auf diesem Gebiet leider ein wenig unkalkulierbar“, sagt Kayser.

Selbst mit den Genen hat man schon genug zu tun: Das große Ganze, das Augen, Haare, Hautfarbe umfasst, das Gesicht, ist genetisch gesehen noch ein Geheimnis. Aber die Gene müssen bei Gesichtsstrukturen entscheidend beteiligt sein, wenn man sich allein die Ähnlichkeit eineiiger Zwillinge anschaut. Kayser bleibt pragmatisch und konzentriert sich auf Forschungen, die ihren Weg in die Polizeiarbeit finden. Früher oder später - in den Niederlanden eher früher.

Die Ambitionen der forensischen Genetik sind bei allen Erfolgen schon jetzt harscher Kritik ausgesetzt. Privatheit werde verletzt, Dinge ans Licht gezerrt, die - wie etwa Krankheiten - die Person entweder selbst nicht wisse oder bewusst verberge. Dass dies zumeist verboten ist (und für Ermittlungen oft irrelevant), stört die Kritiker wenig. Zudem wird befürchtet, dass die polizeilichen Ermittlungen rassistische Motivationen erhalten könnten, wenn die genetischen Untersuchungen den unbekannten Täter einer bestimmten biogeographischen Herkunftsgruppe oder Hautfarbe zuordnen würden.

„Es wird ganz wichtig sein, die Polizei dafür zu sensibilisieren, dass die forensische DNA-Phänotypisierung nur Anhaltspunkte für die Ermittlungsarbeit liefern kann“, sagt Kayser. So darf die Herkunft, die aus den Genen herauszulesen ist, nicht automatisch in Äußerlichkeiten übersetzt werden. Besonders bei Menschen, deren Vorfahren aus verschiedenen Regionen der Welt stammen, ist es bisher oft unmöglich, anhand von DNA-Daten zur geographischen Herkunft auf deren Aussehen zu schließen.

Und er verweist auf die entlastenden Verdienste der forensischen Genetik. So wurde 1999 in einem kleinen Ort in Friesland in den Niederlanden ein 16 Jahre altes Mädchen auf dem Heimweg vergewaltigt und ermordet. Die Bewohner waren außer sich, viele zeigten auf das nahegelegene Asylbewerberheim, in dem Menschen aus Asien untergebracht waren. DNA-Untersuchungen von Tatortspuren bewiesen das Gegenteil: Der Täter ist wahrscheinlich westeuropäischer Abstammung, zumindest was seine väterliche Herkunft angeht. Bis heute ist er nicht gefasst.

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Jahrgang 1969, Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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