10.10.2006 · Als Beamte die Leiche des Jungen fanden, wies sie Mangelerscheinungen auf. Der drogensüchtige Vater hatte die Polizei selbst auf die Fundstelle hingewiesen. Das Kind stand unter der Vormundschaft des Jugendamtes.
Ein kleiner Junge ist in Bremen tot im Kühlschrank seines 41jährigen drogensüchtigen Vaters entdeckt worden. Die Polizei fand die Leiche am Dienstag, als Beamte des Jugendamtes den Zweijährigen aus Sorge um sein Wohl abholen wollten. Den Ermittlern zufolge wies die Leiche des Kindes Spuren von Mangelerscheinungen auf. Der Vater selbst hatte die Beamten auf den Kühlschrank hingewiesen, er wurde festgenommen, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Gegen den Mann läuft bereits ein Ermittlungsverfahren wegen des ungeklärten Todes der ebenfalls süchtigen Mutter vor einem Jahr.
Das Kind stand unter der Vormundschaft des Jugendamtes. Die Sozialbehörde will jetzt klären, wann zuletzt ein Sozialarbeiter Vater und Sohn besuchte. Todesursache und -zeitpunkt sollen durch eine Obduktion ermittelt werden. Ergebnisse werden für Mittwoch erwartet, wie die Polizei erklärte.
Der Arzt des Vaters habe den Jungen zuletzt im Juli lebend gesehen, sagte Jugendamtsleiter Jürgen Hartwig. Wann Mitarbeiter der Sozialbehörde zuletzt nach dem Kind sahen, müsse noch geklärt werden. Sie hätten regelmäßigen Kontakt zu Eltern und Arzt gehabt und sich vergewissert, „daß die Dinge richtig laufen“, sagte der Behördenchef. Terminvorgaben für Besuche gebe es nicht, dies werde nach Einzelfall entschieden. Sozialsenatorin Karin Röpke kündigte an, Konsequenzen aus dem Fall zu prüfen. Man werde feststellen, inwieweit es Fehleinschätzungen gegeben habe.
Vater war Alleinerziehender
Der Vater hatte den Jungen seit dem Tod der Mutter im November 2005 allein erzogen und mit ihm im Brennpunktstadtteil Gröpelingen von Arbeitslosengeld II gelebt. Der Staatsanwaltschaft zufolge starb die Mutter damals an inneren Verletzungen. Gegen den Vater wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, das noch läuft. Die Frau war nach Informationen der Sozialbehörde ebenfalls drogenabhängig. Sie habe Gewalt gegen den Jungen ausgeübt, weshalb die Familie seit der Geburt des Jungen vom Jugendamt begleitet worden sei, sagte Hartwig.
Nach dem Tod der Mutter hatte das Jugendamt laut Hartwig die Vormundschaft übernommen. Nach einer einstweiligen Anordnung vom 2. Oktober habe der Junge aus der Familie herausgeholt werden sollen,
weil der Vater sich weigerte, die Hilfsangebote zu akzeptieren. Auch sei er zwei Mal Ladungen des Gerichts nicht gefolgt. Die außerordentlich intensive Beziehung des Vaters zu seinem Kind habe befürchten lassen, daß er gewalttätig gegen Dritte werden könnte. Deshalb habe das Jugendamt die Polizei um Amtshilfe gebeten, um das Kind abzuholen.
Das Schicksal des Jungen ist kein Einzelfall. In den vergangenen Jahren mußten mehrere Kinder qualvoll an Mangelversorgung sterben. Die Eltern des sechsjährigen Dennis aus dem brandenburgischen Cottbus wurden zu lebenslanger Haft verurteilt, nachdem sie den Jungen verhungern ließen und die Leiche in der Tiefkühltruhe versteckten. Im Jahr 2005 erstickte die sieben Jahre alte Jessica in Hamburg. Ihre Eltern hatten sie vernachlässigt und eingesperrt. In Stendal stehen derzeit die Eltern des zweijährigen Benjamin wegen Totschlags vor Gericht. Das Kind soll verhungert sein.