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Verbrechen Er ist der Kartograph des Serienmords

22.03.2007 ·  Stephan Harbort hat sämtliche Serienmorde in Deutschland nach 1945 analysiert. Der Düsseldorfer Kommissar berät Drehbuchautoren - und hält Hannibal Lecter für einen „besonders misslungenen Fall“.

Von Melanie Mühl
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Stephan Harbort ist ein großartiger Erzähler. Er findet stets den perfekten Moment, um einen neuen Spannungsbogen zu entwerfen - dann setzt er längere Pausen, lehnt sich zurück, nippt am Kaffee und blickt aus dem Fenster seines Büros, bevor er weitererzählt von dieser düsteren Welt der Serienmörder, mit der er sich seit mehr als fünfzehn Jahren beschäftigt.

Sämtliche Verbrechen dieser Art, die in der Bundesrepublik und der DDR seit 1945 passiert sind, hat Stephan Harbort anhand von Gerichtsakten und Interviews analysiert und ausgewertet. Es ist sein Thema, eine Art Passion. Nach Dienstschluss schreibt der Leiter des Kriminalkommissariats Düsseldorf erfolgreich populärwissenschaftliche Bücher wie „Das Serienmörder-Prinzip“ und berät Drehbuchautoren bei dem Entwurf einer kriminologisch stimmigen Geschichte. Auch den Entstehungsprozess von „Donna Roma“, einer Krimiserie mit komödiantischen Zügen, die das ZDF heute Abend zeigt, hat Harbort begleitet.

Die schlüssige Auflösung ist schwierig

„Wir wollen zeigen, wie eine Kriminalpsychologin arbeitet. Wie denkt sie, welche Indizien sind besonders wichtig, und wie verknüpft sie die Geschehnisse zu einem Bild?“ Stephan Harbort weiß, dass dies innerhalb eines Fernsehformats nur sehr bedingt möglich ist. Dennoch ist es für einen Krimi entscheidend, dass der Zuschauer nicht über jedes Verbrechen stolpert, sondern Querverbindungen ziehen und über unterschiedliche Motivationsansätze des Täters nachdenken kann. „Viele Autoren haben gar kein Problem, eine spannende Geschichte zu erzählen, doch wenn es darum geht, dem Ganzen einen Antriebsmotor zu verleihen und am Ende schlüssig aufzulösen, wird es für einige sehr schwierig“, sagt Harbort.

Vor kurzem sah er im Fernsehen einen Krimi, in dem ein niederländischer Kriminalpsychologe auftauchte, der bei der Tatortbesichtigung derart phantastische Eingebungen hatte, dass er das Unglück vor seinem inneren Auge sah. „Völligen Quatsch“ nennt Harbort solche Szenen, und auch bei „Donna Roma“ musste er das bisweilen eingreifen, schließlich funktioniere es nicht, dass die Heldin in der Küche stehe, Kartoffeln schäle und nebenbei die Biographie des Täters entschlüssele. Kriminalpsychologische Arbeit sei keine Zauberei, sondern Teamarbeit.

Denkbar unglaubhafter Psychopath

Das verzerrte Bild des Serienmörders, das Kino- oder Fernsehproduktionen oft entwerfen, ärgert ihn. „Hannibal Lecter“, sagt er, „ist ein besonders misslungener Fall.“ Denn Lecter ist charismatisch, hochgebildet und ein Meister des intellektuellen Dialogs. Er weiß, wie man Frauen Komplimente macht, sie charmant umgarnt und bezirzt. Allein schon aus diesen Gründen ist Lecter ein denkbar unglaubhafter Psychopath und Serienmörder. Seine Persönlichkeitsstruktur würde man im wahren Leben eher bei erfolgreichen und sozial kompetenten Männern finden, die in einer harmonischen Liebesbeziehung leben. Die Täter, denen Harbort im Laufe seiner Karriere begegnete, sind gestrandete Figuren. Menschen am ausgefransten Rand der Gesellschaft mit einer pathologischen Persönlichkeit. „Durchschnittstypen“ in Außenseiterpositionen.

„Diese Menschen“, sagt Harbort, „verspüren das Bedürfnis, sich darzustellen, endlich einmal jemand zu sein.“ Irgendwann werde ihr Wunsch nach Anerkennung jedoch so drängend, dass die Tötungshemmung immer weiter ausgehöhlt werde. Bis es zur Tat komme. Macht spiele dabei eine ungeheure Rolle. Die Macht über einen fremden, hilflosen Menschen. Harbort erzählt von einem Serienmörder, der sich nach der ersten Tat wie berauscht gefühlt und nächtelang lang wach im Bett gelegen habe; dabei war es ihm bei der Tat eigentlich um Geld gegangen.

Empfindet man Verachtung?

Die emotionale Hochstimmung, die der Mord auslöste, habe der Täter erst später gespürt, sagt Harbort. Und dieses Empfinden sei auch die Motivation für all seine späteren Verbrechen gewesen. Wie fühlt es sich an, Menschen gegenüberzusitzen, die von einem Mord erzählen, als handele es sich um einen Wochenendausflug? Empfindet man da keine Verachtung? „Nein, ich verachte die Täter nicht - würde ich das tun, hätte ich keine Chance, mich mit ihnen zu unterhalten. Natürlich ist es besonders hart, wenn es um Kinder geht.“

Stephan Harbort schreibt nicht nur nebenher Bücher und berät Drehbuchautoren, er hat auch bei der Entwicklung einer weltweiten Datenbank mitgewirkt, die heute erfolgreich eingesetzt wird. „Bei Serienmördern“, sagt er „gibt es Verhaltensmuster, die immer wiederkehren.“ Arbeitet man ihre Gewaltverbrechen empirisch auf, so lassen sich bei der Fahndung Wahrscheinlichkeitsprognosen über die Aufenthaltsorte der Täter erstellen. Der Computer benötigt bestimmte Referenzpunkte, um eine Art Wärmebild zu entwerfen, das auf eine Landkarte gelegt wird und die „hot zones“ knallorange hervorhebt.

Stereotypes Verhaltensmuster

„Die Täter pflegen ein relativ stereotypes Verhaltensmuster. Meistens suchen sie sich ihr erstes Opfer in einiger Entfernung zum ihrem Lebensmittelpunkt. Passiert nichts, werden sie schlampiger, fühlen sich überlegen. Es gibt, das ist empirisch erwiesen, eine sukzessive Annäherung an den eigenen Ankerpunkt.“ Und in zwei Dritteln der Fälle wurde der Täter tatsächlich in der „hot zone“ gefasst. Zur Zeit recherchiert Harbort für eine wissenschaftliche Arbeit. Er will herauszufinden, nach welchen Kriterien Serienmörder ihre Opfer auswählen, warum sie manche Menschen verschonen und andere kaltblütig ermorden. Victimisierungsprozess nennt man das im Fachjargon. Einmal erzählte ihm ein Vergewaltiger, dass er zwei seiner Opfer habe laufen lassen, weil er in ihren Augen keine Angst gesehen habe - eine der Frauen bat ihn sogar, sie zu küssen: Es war ihre Rettung.

In den nächsten Tagen fährt Harbort nach Berlin, wo er einen Mörder im Maßregelvollzug besucht, der vor zwanzig Jahren auf sadistische Weise zwei Norwegerinnen ums Leben brachte - die eine von ihnen überfuhr er so lange mit einem Auto, bis sie nicht mehr atmete, die andere ließ er verbluten. Er freue sich auf dieses Gespräch, sagt Harbort, an das Wissen dieses Mannes heranzukommen „ist wie Goldschürfen“. Das sei aufregend, spannend, anregend. Und genau darum geht es ihm, um wissenschaftliches Neuland. Und um den Code des Bösen.

„Donna Roma“ läuft heute um 20.15 Uhr im ZDF.

Quelle: F.A.Z., 22.03.2007, Nr. 69 / Seite 42
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Jahrgang 1976, Redakteurin im Feuilleton.

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