12.07.2010 · Vor dem Landgericht München hat heute der Prozess im Mordfall Dominik Brunner begonnen. Angeklagt sind zwei Jugendliche. Josef Wilfling, ehemaliger Leiter der Mordkommission München, hat jahrzehntelang in die menschlichen Abgründe geblickt, die zu solchen Taten führen.
Von Karin TruscheitDie erste Leiche vergisst ein Kriminalkommissar nie. Ebenso wenig wie die erste Obduktion. Josef Wilfling ging es ähnlich. Hunderten Obduktionen hat er selbst beigewohnt, das erste Mal 1977. Der Leichnam lag mit geöffnetem Brustkorb vor ihm, und sein erster Gedanke war: „Wo ist der Mensch jetzt?“ Das, was ihn ausmacht? - Eine Antwort auf diese Frage zu finden war nie sein Job. Vielmehr suchte Wilfling zu ergründen, warum der Leichnam nun da lag, wo er lag. Dass es da viele Möglichkeiten gibt, zeigte sich allein bei seinem Abschied im Januar 2009 als Leiter der Mordkommission München: Als er mit Ehefrau im Polizei-Mini vor das Präsidium gefahren wurde, standen alle seine 40 Mitarbeiter Spalier - und jeder hatte ein anderes Mordwerkzeug in der Hand: Seile, Halstücher, Pistolen, Messer, Äxte, Gift, Gewehre, Schwerter, Kissen.
Nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Instrumentarium des Bösen, wie Wilfling sagt. Er spricht wie selbstverständlich vom Bösen im Menschen und meint es weder theologisch noch kindlich, sondern einfach als das, was es ist, wenn ein Jugendlicher mit 18 aus reiner Mordlust einen ihm völlig unbekannten Vater dreier Kinder mit einem Butterflymesser abschlachtet. Oder ein gerade aus der Haft entlassener Kindermörder sich gezielt einen achtjährigen Jungen sucht, ihn ermordet und sich dann noch an der Suche nach dem vermissten Kind beteiligt. Oder wenn eine Frau ihrem viele Jahre älteren Ex-Geliebten, der erschlagen am Boden liegt, noch einen Besenstiel in den Hals rammt. Da kann man viel von „Reifeverzögerung“ und „dissoziativen Persönlichkeiten“ theoretisieren, und Wilfling würde nie der forensischen Psychiatrie ihre Daseinsberechtigung absprechen, aber für ihn ist und bleibt es einfach nur: böse.
Und das Böse gehört hinter Schloss und Riegel. Dazu beizutragen, entschloss sich Wilfling am 13. Februar 1970. Da war er 33 Jahre alt, verrichtete Dienst als Schutzpolizist und wurde zu dem Großbrand des jüdischen Altenheims in der Münchner Reichenbachstraße gerufen. Sieben Menschen verbrannten, allesamt Überlebende des Holocaust. Der Brandstifter wurde bis heute nicht gefasst. Wilfling musste damals einen Rabbiner in die Brandruine zu den verkohlten Leichen führen. „Das waren meine ersten Leichen, und die Bilder werde ich, solange ich lebe, nie vergessen.“ Da hat er sich entschlossen, zur Mordkommission zu gehen.
Eine Nacht hat er selbst hinter Gittern verbracht
Dass er überhaupt bei der Polizei gelandet ist, hat er nur seiner Mutter zu verdanken. Sommer 1963: Als Sechzehnjähriger, katholisch, Mitglied der Kolpingfamilie, zeltete er mit Freunden an einem kleinen See im heimatlichen Münchberg bei Hof. Doch die Kolping-Jungs waren nicht so gerne gesehen im protestantisch geprägten Oberfranken, schon gar nicht, wenn es um Mädchen ging. Es gab „a bisserl Stress“, eine wilde Rauferei. Die Gerichtsverhandlung folgte (anders als heute) auf dem Fuße. 50 Mark Strafe oder ein Wochenende einrücken. Wilfling war für die 50 Mark, seine Mutter fürs Einsperren. Also verbrachte er einen Tag und eine Nacht in der JVA Hof, hinter Gittern und wirklich nur bei Wasser und Brot.
„Wie ich da so zwischen den Gitterstäben rausschaute, da habe ich mir geschworen: Nie mehr mache ich etwas, was mich da wieder reinbringt.“ Und als er kurz darauf die Realschule beendete und überlegte, ob er Missionar oder Enthüllungsjournalist werden wollte, sagt seine Mutter: „Nix da, du gehst zur Polizei. „ Seine Mutter, liebevoll und zupackend, sah es pragmatisch: „Beamter zu sein, das ist was Sicheres.“ Polizei, das ist auch Abenteuer, dachte sich Wilfling. 1966 fing er bei der Bereitschaftspolizei in Würzburg an.
Der Gedanke an die Sicherheit stand für die Familie schon im Vordergrund, waren seine Eltern doch nach dem Krieg mit seinen Geschwistern als Heimatvertriebene aus dem tschechischen Egerland nach Münchberg gekommen. Die Mutter brachte die fünf Kinder nach dem frühen Tod des Vaters alleine durch. Seine Kindheit in Münchberg bezeichnet Wilfling als fröhlich und unbeschwert, obwohl kein Geld da war. So war es nicht zuletzt die Geborgenheit seiner Kinderjahre, die ihn gut aufstellte für sein jahrzehntelanges Ringen mit der Verderbtheit.
Im Herzen oft bei den Protestierenden
Der Kampf beginnt auf der Straße. Schah-Besuch, Notstandsgesetze, Studentenproteste. Wilfling, im Herzen oft bei den Protestierenden („Wer war schon für den Vietnam-Krieg?“), steht in München den Demonstranten gegenüber, in Stoffuniform und nur mit Gummiknüppel. „Deeskalation“ probt die Münchner Polizei. Neben ihm zerschmettert ein Pflasterstein einem Kollegen den Kiefer. Trotzdem sei „Deeskalation“ ein gutes Konzept, sagt Wilfling heute. In den siebziger Jahren verlagert sich sein Kampf auf die Nacht. Er wird Zivilfahnder, drückt sich nachts in dunklen Ecken herum, um der überbordenden Straßenkriminalität - Autoaufbrüchen und Raubüberfällen - da zu begegnen, wo sie passiert. Einmal wird er fast erschossen, als er in einem Hinterhof einen flüchtigen Täter stellt.
1983 dann sein erster Einsatz als Kriminalkommissar. Tatort: Fußball. Wilfling muss nach Ausschreitungen Krawallmacher unter den Fußball-Fans der „Löwen“ ermitteln. Und ihnen im Stadion zu verstehen geben, dass sie sich bitte schön aufs Spiel konzentrieren sollen. Kennengelernt hat er seine „Kundschaft“ in vielen Vernehmungen. Hier, bei der Fußballkriminalität, lernt er nicht nur, Menschen zu beurteilen, sondern beginnt auch seine private Statistik über den Ursprung eines Delinquentendaseins: die zerrüttete Familie. „99 Prozent aller Jugendlichen, mit denen ich zu tun hatte, kamen nicht aus intakten Familien. Darin liegt das Grundübel, da kann die beste Schule, der beste Kindergarten nichts ausrichten.“
Beschuldigte in den seltensten Fällen geduzt
Nicht zuletzt deshalb sei für die Vernehmung die gute „Atmosphäre“ das allerwichtigste, sagt Wilfling und meint nicht das schnoddrige Duzen der Beschuldigten, wie es sich die Klein-Erna-Krimis im Fernsehen vorstellen. Er habe seine Beschuldigten in den seltensten Fällen geduzt. Vielmehr müsse man ihnen Respekt und Aufmerksamkeit zusichern. Das gilt für den Studenten, der seinen 82 Jahre alten Liebhaber erwürgt, zerteilt und Teile von ihm gegessen hatte, ebenso wie für den Chirurgen, der reihenweise Frauen im Wald an Bäume fesselte, oder den Diplom-Kaufmann, der seine Ex-Freundin und deren Freundin auf gruselige Weise tötete, nur weil er fürchtete, seine krummen finanziellen Geschäfte könnten auffliegen.
Man kann es sich vorstellen, wie Wilfling ihnen gegenübersaß, ein kräftiger Mann mit rundem Gesicht und ruhigen Augen, die einen Kindermörder ebenso unaufgeregt anschauen wie eine Sonnenblume. Ein langer Lernprozess, sagt Wilfling und gibt gerne zu, dass auch er Nerven zeigte. Wie 1989, als er mit seinem Kollegen nach Portugal musste, um einen mutmaßlichen Frauenmörder bei der Polizei abzuholen. Der aidskranke Mann hatte in München eine Frau erwürgt und in Portugal eine junge deutsche Touristin wochenlang in einem Schafstall aufs grauenvollste gequält. Wilfling konnte das Gesehene nicht verdrängen und vor allem das Jammern des Beschuldigten nicht ertragen. Er wünschte, er hätte ihn „in einen Müllsack stecken und zubinden“ können. Von da an übernahm sein Kollege die Vernehmung. So viel zum Thema „Bauchgefühl“. Emotionen, sagt Wilfling, führen oft zu Belastungseifer. Und der nütze niemandem: der Wahrheit so wenig wie dem Bestreben eines Ermittlers, die Dinge gerichtsfest zu machen.
Da kommt es eher darauf an, den Täter zunächst seine Version erzählen zu lassen und ihn dann vielleicht mit seinen Fingerabdrücken zu konfrontieren, die interessanterweise in der Wohnung der ermordeten Prostituierten gefunden wurden. So geschehen beim Serienmörder Horst David. Auch wenn dieser zunächst angab: Ja, genau, ich war bei der Frau in der Wohnung, und zufällig wurde sie dann später direkt ermordet. Da er aber zuvor auch zugegeben hatte, bei einem weiteren Mordopfer in der Wohnung gewesen zu sein, konnte Wilfling ihn mit seiner eigenen Logik zu Fall bringen: Herr David, einen solchen Zufall kann es nur einmal geben. Sieben Morde an Frauen gestand David.
Sein größter Fall: Walter Sedlmayr
Es ist nicht zuletzt Wilflings Gespür für den Dreh- und Angelpunkt im Verhör, was Beschuldigte zum Geständnis und ihn bei der Kripo weiterbringt. Seit 1987 ist er bei der Münchner Mordkommission, 1990 kommt sein schwerster, sein größter Fall: Walter Sedlmayr. Hier, in der Art und Weise, wie der Schauspieler getötet wurde, offenbart sich das Phänomen der „Übertötung“ in Reinkultur. Erstochen, erschlagen, aufgeschlitzt. Ein Jahr dauerten die Ermittlungen, verurteilt wurden am Ende Sedlmayrs Ziehsohn und dessen Halbbruder. Sedlmayr, sagt Wilfling, war der Fall, bei dem er kurz davor war, alles hinzuschmeißen. So verworren war das Gespinst aus Doppelleben, Pachtverträgen und Erbansprüchen.
Er blieb trotzdem neunzehn weitere Jahre, leitete zuletzt von 2002 bis 2009 die gesamte Münchner Mordkommission. Lehren? Dass alle Mörder Mitwisser haben, dass die meisten Kunden von Dominas Ärzte sind und dass in puncto Tötungsdelikte die eigene Wohnung - statistisch gesehen - der gefährlichste Ort für einen Menschen ist. Denn gemordet wird in der Familie und im Bekanntenkreis, dagegen ist die dunkle U-Bahn-Unterführung ein sicherer Hafen.
Mitgenommen nach Hause habe er seine Fälle nie, sagt Wilfling: „Für meine Frau war das tabu.“ Ebenso für seinen Sohn, der inzwischen auch schon lange bei der Polizei ist. So blieb sein Zuhause sein Refugium. Hier auf der Ledercouch, neben Hometrainer, Grünpflanzen und Sammelkrügen, tat er dann das, was man nach Feierabend so tut: Fernsehgucken, am liebsten Reiseberichte, Talkshows oder auch mal einen Spielfilm.
Jetzt, nach der Pensionierung, hat er ein Buch geschrieben über all die schwarzen Seelen, in die er blicken musste („Abgründe“, erschienen im Heyne-Verlag); das Werk steht seit Wochen auf der Bestsellerliste. Und Wilfling macht nun endlich das, was er seit Jahren immer schon einmal machen wollte: eine Reise durch Deutschland mit dem Wohnmobil. Vier Wochen lang, von Süd nach Nord, von Ost nach West. „Deutschland hat so schöne Ecken“, sagt der Ermittler und lächelt.
Politisch unkorrekt
A Haverkamp (Man__Ray)
- 13.07.2010, 10:47 Uhr
Schöner Artikel
Lutz von Peter (LutzBrux)
- 13.07.2010, 12:05 Uhr
Gelungener Text
Matthias Rüttgen (MRuettgen)
- 13.07.2010, 14:08 Uhr