Auf dem Waldparkplatz an der Landstraße stand ein kleiner Peugeot in der Dunkelheit. Die Fahrertür war offen. Im Wageninneren saß ein junger Mann, Hose hinuntergezogen. In seiner Schläfe war ein Loch. Neben dem Sterbenden lag ein Blumenstrauß.
Zwei Monate waren seitdem vergangen. Detlef Saemann und Karl-Heinz Pape wollten zeitig los - ein Freitag im Juli, Sommerferien. Sie verstauten Reisetasche und Rucksack im Kofferraum des silbergrauen Mercedes. Der Himmel war blau, keine Wolke, kein Schleier, die Sonne brannte. Saemann trug ein schwarzes T-Shirt mit bunten Neuseeland-Emblemen, dazu rotgemusterte Bermudashorts, Pape ein rotkariertes Hemd und goldgelbe Bermudas. Der eine war 48, der andere 65 Jahre alt, beide waren leicht untersetzt, beide hatten gepflegte Schnauzer in ihren sanften Gesichtern, beide trugen einen goldenen Ring am Finger.
Die Ringe waren verschieden. Saemanns Ring war schlicht, Papes Ring war eckig, ein grüner und ein weißer Diamant, in Gold gefasst. Die Ringe erinnerten Saemann und Pape an jeweils einen Mann, der ihnen viel bedeutet hatte. Saemann hatte seinen Ring in den achtziger Jahren von seinem damaligen Freund bekommen, bevor der nach Portugal auswanderte. Pape hatte seinen Ring von dem Sohn seines langjährigen, dann verstorbenen Lebensgefährten schmieden lassen. Gegenseitig hatten sich Pape und Saemann zwei Plüschhunde geschenkt. Apollo und Hyazinth. Apollo, Gott des Lichts, des Frühlings, der Reinheit, verwandelt den toten Hyazinth in ein Blumenmeer.
Pape, ein pensionierter Bankberater, lenkte den Mercedes auf die Autobahn. Er fuhr 100 bis 120. Das sollte reichen - auch wenn sie spät dran waren und Pape unruhig wurde. Trotz der Hitze ließen sie die Klimaanlage ausgeschaltet. Sie hatten die Fenster einen Spalt heruntergekurbelt. Das Navigationsgerät blieb aus. Sie kannten den Weg.
Pape hatte dem Mercedes einen Namen gegeben. Parsifal. Nach Wagners Bühnenweihfestspiel.
Ritter Titurel hütet den Heiligen Gral - den Kelch des letzten Abendmahls - und den Speer, den Longinus Jesus Christus in die Seite stieß. Um die Heiligtümer zu schützen, schart Titurel die Ritter des Grals um sich. Sie sollen keusch sein und gegen das Unrecht der Welt kämpfen. Klingsor begehrt, Ritter zu sein. Seine Unkeuschheit verhindert es. Er entmannt sich, doch die Ritter weisen ihn wieder ab. So erschafft er einen Zaubergarten der Verführung, um die Keuschheit der Gralsritter zu brechen.
Saemanns Hand ruhte auf Papes Oberschenkel. Viele Autos waren unterwegs, aber sie kamen voran. Zehn Kilometer, fünfzehn. Dann sahen sie vor sich den Benz. Drei Flaggen wehten am Dach. Die deutsche, die französische, die australische. Saemann und Pape wussten: Vor ihnen fuhr ihr Freund Franz (Name geändert).
Er zwängte sich durch den Metallzaun und ging in den Wald
Saemann hatte Franz vor einiger Zeit auf einem Parkplatz getroffen und kennengelernt. So, wie er Karl-Heinz Pape kennengelernt hatte. Er war einem Mann begegnet, der Sex suchte, und sie waren ins Gespräch gekommen. Franz war Ende sechzig und pensionierter Fernfahrer. Er hatte seine Frau bis zu ihrem Tod gepflegt, ging mehrmals am Tag zu ihrem Grab. Und mehrmals in der Woche fuhr er zu Parkplätzen.
Saemann und Pape überholten den Benz ihres Freundes, hupten und winkten. Dann bogen sie ab, auf einen Parkplatz. Franz folgte ihnen. Die drei Männer stiegen aus, begrüßten, umarmten einander - gute Freunde. Gemeinsam hatten sie Konzerte und Theateraufführungen besucht. Franz hatte Saemann und Pape zu sich eingeladen, für sie Aprikosenmarmelade eingekocht. Die beste, die sie je gegessen hatten. Zusammen waren sie auf die Kanaren geflogen. Zehn Tage, ein Appartement, Kneipen, Strand.
Franz trug bunte Bermudas wie seine beiden Freunde. Sein Hemd war offen, gab seinen braungebrannten, fülligen Oberkörper frei. Sein Gesicht war freundlich rund. Saemann und Pape erinnerte er an einen Teddybären.
Viel war nicht los auf dem Parkplatz. Eine Familie machte Rast. Die Eltern saßen auf den Holzbänken, breiteten Essen auf dem Tisch aus, ihre Kinder spielten im Sonnenschein.
Franz erzählte, dass er am Vortag seit langer Zeit wieder mit seinem Enkel gesprochen hatte. Er war glücklich. Die drei Männer plauderten, nicht lange, ein paar Minuten nur.
Franz ging an den Bänken und an den Mülltonnen vorbei. Er folgte dem Trampelpfad, der die Anhöhe hinauf zum Wald führt, zwängte sich durch den aufgetrennten Metallzaun und ging in den Wald.
Bunte Tupfer beklecksen den Boden wie ein Blumenmeer. Blüten aus Taschentüchern und Kondomverpackungen. Männer treffen sich hier zum Sex. Cruising-Areas werden die Sex-Parkplätze genannt, die es überall im Land gibt. Cruising - herumkreuzen. „Cruising“ heißt auch ein amerikanischer Thriller: ein Serienmörder in New York.
Franz lief ein paar Meter. Er zog sich aus, behielt nur die Sandalen an. Der Schuss kam aus nächster Nähe. Das Projektil drang in seinen rechten Hinterkopf ein.
Streifenwagen folgten ihm, am Himmel flog ein Hubschrauber
Als ein Mann am Nachmittag den Leichnam fand, waren die Genitalien mit Erde bedeckt. Die Kleidung fehlte. Ein Rechtsmediziner untersuchte die Leiche: Drei bis vier Stunden war Franz tot, als der Mann ihn gefunden hatte. Die Polizeiermittler wussten, dass der Parkplatz als „Treffpunkt für Homosexuelle“ bekannt war. Sie sprachen mit Franz’ Tochter. Sie erzählte, dass Saemann ein „sexuelles Verhältnis“ mit ihrem Vater hatte. Dieses Verhältnis habe „den nicht unvermögenden Vater nicht nur der Familie“ entfremdet, sondern auch „dem Beschuldigten nicht unerhebliche Vorteile“ gebracht, so heißt es im Haftbefehl.
Das letzte Mal hatte Franz um 9.20 Uhr telefoniert. Saemann hatte mit ihm gesprochen. Kurz darauf war Franz losgefahren.
Saemanns Wohnung wurde durchsucht. Die Polizei ermittelte, dass er drei stillgelegte Autos hatte, alle mit dem Kennzeichen F-KK, „ein Hinweis auf die Vorliebe auch des Beschuldigten für einen unbekleideten Aufenthalt im Freien“. F - der Wohnort, KK - die Initialen seines Patenkindes, erklärte Saemann später.
Als die Polizisten Saemanns Handy orteten, war er in Süddeutschland. In Augsburg.
Einen Tag nachdem sie mit Franz auf dem Parkplatz gewesen waren, fuhren Saemann und Pape wieder mit dem Mercedes auf der Autobahn. Die beiden Männer waren angespannt. Saemann trat aufs Gas, 140, so schnell fuhr er eigentlich nie. Eine Baustelle engte die Fahrbahn ein. Ein Streifenwagen setzte sich hinter den Mercedes. Saemann fuhr langsamer, schneller, auf einen Parkplatz, wieder auf die Autobahn. Der Streifenwagen folgte. Ein weiterer kam hinzu, noch einer. Am Himmel flog ein Hubschrauber.
Saemann und Pape erreichten Saemanns Wohnung in Frankfurt, stiegen aus. Ein Streifenwagen parkte hinter ihnen, einer fuhr zur nächsten Kreuzung, die anderen bogen ab. Saemann ging in das Haus, sah die aufgebrochene Wohnungstür, das Polizeisiegel. Eine Nachbarin erzählte, dass die Beamten in der Nacht die Wohnung durchsucht hatten. Saemann trat wieder auf den Gehsteig, griff zum Handy, lief auf den Streifenwagen zu, machte kehrt.
Polizisten, behelmt, mit schusssicheren Westen, mit Maschinenpistolen, liefen auf ihn zu. Sie riefen, er solle sich auf den Boden legen. Saemann legte sich auf den Bauch, Schweiß durchnässte sein T-Shirt. Ein Polizist kniete sich auf ihn, legte ihm Handschellen an. Pape drückten die Polizisten zur Seite, beachteten ihn nicht. Er fragte, was das solle, was sie mit seinem Freund machten. Da legten sie auch ihm Handschellen an.
„Hat dieses Schwein einen Menschen ermordet?“
Kameramänner filmten die Festnahme, ein Fotograf machte Bilder. Die „Bild“-Zeitung druckte die Fotos. Saemann auf den Knien, Saemann am Boden. Noch ein Bild war in der Zeitung zu sehen: Saemann lächelnd in einem rosa Schweinekostüm bei einem Marathonlauf. „Hat dieses Schwein einen Menschen ermordet?“, stand daneben geschrieben. In dem Artikel wurde er als Motivationstrainer bezeichnet. Weiter stand dort, dass er Sozialpädagogik studierte hatte und dass er lange Zeit Vizechef der Aids-Stiftung gewesen war. Auch war zu lesen, dass der zweite Festgenommene sein „Lebensgefährte Karl-Heinz P.“ war. „Nach Angaben der Fahnder ist die Beweislage gegen ihn und seinen Freund erdrückend.“
Zwei Ermittler verhörten Saemann. Er saß in einem Büro - ein Schreibtisch, zwei Stühle -, und er erzählte vom Freitagmorgen bis zur Festnahme: Er und Pape wollten an diesem Freitag nach Augsburg. Am Morgen rief er zuvor noch Franz an. Er dachte, er hätte bei ihm seinen Ausweis für den nächsten Volkslauf liegengelassen. Franz schaute nach, rief zurück. Bald danach fuhren Saemann und Pape los. Sie waren spät dran, hatten es eilig. Am Nachmittag wollten sie in das Augsburger Puppentheater. Auf der Autobahn sahen sie den Benz von Franz. Ein Zufall. Sie hielten auf dem nächsten Parkplatz, sprachen einige Minuten, dann verabschiedeten Saemann und Pape sich von Franz. Pape legte Franz die Hände auf die Wangen, sagte: „Pass auf dich auf.“ Er wollte nicht, dass Franz sich ansteckte. Saemann und Pape fuhren weiter. Ein Stau hielt sie auf, gerade rechtzeitig erreichten sie die Puppenkiste.
Saemann schilderte die Fahrt nach Augsburg ausführlich, auch den Aufenthalt dort. Er fuhr fort:
Samstagmorgen war er auf der Auftaktveranstaltung für die Helfer der U-20-Frauenfußball-Weltmeisterschaft. Anschließend fuhren er und Pape zurück. Am Nachmittag waren sie mit Franz verabredet: Sie wollten grillen und Fußball schauen. Deutschland gegen Argentinien. Während der Rückfahrt versuchten sie, Franz telefonisch zu erreichen. Mehrmals. Ohne Erfolg. Sie riefen einen gemeinsamen Bekannten an, der am Vormittag mit Franz verabredet gewesen war, aber auch er hatte nichts von Franz gehört. Saemann und Pape sorgten sich. Sie fuhren zu Saemanns Wohnung, um dort den Schlüssel für das Haus von Franz zu holen: Wenn Franz verreiste, hütete Saemann das Haus. Er goss die Blumen, fütterte die Katze. Vor der Wohnungstür sah Saemann das Polizeisiegel. Er rief die Polizei an, um zu fragen, was geschehen sei, was er nun machen solle. Kurz darauf wurde er verhaftet.
Mehrere Stunden dauerte die Vernehmung. Auch Pape sagte aus, sein Bericht entsprach Saemanns Erzählung. Er gab seinem Freund damit ein Alibi. Pape sagte am Ende seiner Vernehmung, er schwöre auf die Bibel, dass weder Saemann noch er Franz getötet hätten.
Der Haftrichter ordnete Untersuchungshaft an. Saemanns Zelle: eine Toilette, Waschbecken, Etagenbett, Tisch und Spind. Striche an der Wand. Gezählte Tage. Saemann hatte einige Zettel, einen Kugelschreiber - er schrieb seine Gedanken und Gefühle nieder, Briefe an seine Familie, Briefe an Franz. Von den anderen Gefängnisinsassen hielt er sich fern. Aus Angst ging er nicht duschen. Er wusch sich am Waschbecken. Wie auch die Bermuda-Shorts und das Poloshirt, die er seit der Festnahme trug. Nach einigen Tagen grüßte ihn der Gefängnispfarrer von Freunden, und Saemann konnte sich bei ihm Bücher ausleihen. Er nahm die dicksten aus dem Regal. Günter Grass: Der Butt. Ilsebill salzte nach, viele weitere Sätze. In einer anderen Zelle saß Pape. Eine Freundin schickte ihm zehn Umschläge, zehn Bögen und 10 Briefmarken ins Gefängnis. Das schönste Geschenk.
Ein Verwandter von Pape sagte, es müsse schon etwas an den Vorwürfen gegen Saemann und ihn dran sein.
Im Kofferraum des BMW lagen eine Pistole, Viagra, Handschuhe
Kriminaltechniker untersuchten das Geschoss, das Franz getötet hatte. 7.65 mm. Es führte zu einem weiteren Mord, begangen mit derselben Waffe: der junge Mann in dem Peugeot, auf einem Parkplatz, wo sich Männer zum Sex treffen. Saemann und Pape hatten für diesen Mord ein Alibi. Sie hatten mit einem Ehepaar und anderen Freunden ihren monatlichen Spieleabend verbracht. Nach dreizehn Tagen U-Haft kamen sie frei.
Die Polizei suchte nun einen Serienmörder, der seine Opfer auf Cruising-Parkplätzen traf. Spuren und Zeugenaussagen führten schließlich zu Detlef S.
Detlef S. war Mitte fünfzig und verheiratet. 1998 war der Postbeamte wegen Depressionen und Angstzuständen für arbeitsunfähig erklärt worden. Zwei Jahre später hatte ein Arzt ihm mitgeteilt, dass er Aids habe. Angesteckt hatte er sich womöglich während eines Urlaubs in Kenia. Er besuchte Pornokinos und Schwulenbars, hatte neben seiner Ehe die eine und andere Geliebte. Manchmal fuhr er nachts in seinem schwarzen BMW herum. Fragte seine Frau, wo er gewesen sei, drohte er, sie zu verlassen. Freunde erlebten die Ehe als harmonisch. Er nannte seine Frau Engelchen, sie nannte ihn Teddy. Im Kofferraum des schwarzen BMW lagen eine Pistole, Kaliber 7,65 mm, Viagra, Elektroschocker, Einweghandschuhe.
Nach seiner Festnahme versuchte Detlef S. sich umzubringen. Als seine Frau vor Gericht aussagte, weinte er. Es tue ihm leid. Seine letzten Worte vor Gericht waren: „Sollte jemand hier sein, der annimmt, ich sei der Grund für sein Leiden, dann entschuldige ich mich und bitte dafür um Vergebung. Wenn Menschen ihre Neigung leugnen und in obskuren Subkulturen ausleben müssen, dann sind nicht sie pervers, sondern die Umwelt, in der sie leben.“
Saemann und Pape reichten Dienstaufsichtsbeschwerden ein. Die Liste ihrer Vorwürfe ist lang: keine Gründe für die Haftbefehle, für die Festnahmen, für die Untersuchungshaft, Journalisten bei der Festnahme, Verwehrung eines Anwalts und vieles mehr. Sie leiden an posttraumatischen Belastungsstörungen, sind in Therapie. Ein Pfarrer mühte sich darum, dass Saemann, Pape und die Polizei miteinander sprechen. Die beiden Männer wünschten es, wollten reden, Erklärungen, eine Entschuldigung. Doch die Polizei lehnte ab, bedauerte schriftlich lediglich die „Erfahrungen“ und „Unannehmlichkeiten“. Saemann verlor Aufträge, seine berufliche Existenz. Das Ermittlungsverfahren wurde erst ein halbes Jahr nach ihrer Festnahme eingestellt.
Ein Jahr war vergangen seit dem Mord an Franz. Der Himmel war blau, die Sonne schien. An einem Samstagvormittag holte ein Pfarrer Saemann ab. Sie fuhren auf die Autobahn. Saemann erzählte dem Pfarrer von den Parkplätzen, auf dem sich Männer zum Sex treffen. Für den Pfarrer war das eine fremde Welt. Wer dorthin gehe, sagt der Pfarrer, müsse aber kein schlechter Mensch sein. Er könne kultiviert sein, engagiert in seiner Gemeinde, angenehm im Gespräch. „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“
Der Pfarrer parkte, wo Pape ein Jahr zuvor seinen Mercedes geparkt hatte. Saemann war seit dem Mord nicht mehr auf dem Parkplatz gewesen. Die beiden Männer folgten dem Trampelpfad, gingen in den Wald. Der Pfarrer fragte, ob er ein Gebet sprechen könne. Für Saemann war das Gebet ein heiliger Moment. Er weinte, erinnerte sich an seine Zeit mit Franz. Der Pfarrer segnete Saemann. Sie umarmten sich. Dann fuhren sie.
Umgang miteinander
Ralf Margott (RalfMargott)
- 28.06.2012, 10:08 Uhr
Schwule und Rechte
Thomas Baumann (Thomas2011)
- 28.06.2012, 08:56 Uhr
Gruselig
David Landern (serious_2010)
- 28.06.2012, 08:50 Uhr