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Veröffentlicht: 14.11.2012, 16:23 Uhr

Vater erneut vor Gericht Quälende Revision nach dem Winnender Amoklauf

Nach der Amoktat seines Sohnes steht Jörg K. abermals vor Gericht – 2011 legte er Revision gegen eine Bewährungsstrafe ein. Viel aufzuklären gibt es nicht mehr, aber die Fronten sind verhärtet.

von , Stuttgart
© dpa, reuters Stuttgart: Prozess gegen Vater des Winnenden-Amokläufers erneut aufgerollt

Drei Stunden bleibt es sachlich in Saal 1 des Stuttgarter Landgerichts. Die Plätze der zahlreichen Nebenkläger im Revisionsverfahren des Winnenden-Prozesses sind mit gelben Namenskarten reserviert. Hardy Schober und viele andere Angehörige der Opfer des Amoklaufs von Winnenden waren als Nebenkläger zum letzten Mal am 10. Februar 2011 in diesem Saal. Damals verurteilte die 18. Große Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts Jörg K., den Vater des Amokläufers, zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten. Das Gericht machte den damals 52 Jahre alten Mann verantwortlich für einen Verstoß gegen das Waffengesetz, fahrlässige Tötung in 15 und fahrlässige Körperverletzung in 14 Fällen. Zum ersten Mal musste sich in Deutschland ein Vater für die Amoktat seines Sohnes vor einem Strafgericht verantworten.

Rüdiger Soldt Folgen:

Nun sitzen die Nebenkläger - es handelt sich zumeist um die Eltern der getöteten Kinder oder deren Geschwister - wieder in dem Saal. Sie müssen über Stunden noch einmal hören, wie der Vorsitzende Richter die Beweisaufnahme aus dem ersten Prozess und die Begründung der Revision verliest. Der erste Verhandlungstag vor der siebten Strafkammer ist für sie ein schlimmes Déjà-vu-Erlebnis: Es kommen noch einmal die 5458 Patronen zur Sprache, die der Vater von Tim K. zu Hause bei sich in Weiler zum Stein aufbewahrte. Es wird noch einmal vom gefährlichen Wettrüsten im Elternhaus des Amoktäters berichtet und den Schießübungen gesprochen, zu denen der Vater seinen Sohn mitnahm, obwohl er von dessen Tötungsphantasien und psychischen Problemen ja wusste. 285 Patronen, Kaliber Millimeter, und die Beretta Typ „92 FS“ konnte sich Tim K. aus dem Besitz des Vaters beschaffen. Vater und Sohn suchten sogar einmal gemeinsam in Stuttgart einen Waffenhändler auf, kauften für 300 Euro Munition.

Im Mittelpunkt steht die Frage, ob Jörg K. gewarnt war

Am 11. März 2009 tötete Tim K. mit der Beretta seines Vaters dann neun Schüler, drei Lehrerinnen in Albertville-Realschule in Winnenden und anschließend auf der Flucht noch drei weitere Menschen. „Mitgefühl hat eine kurze Halbwertszeit. Wir wollten den zweiten Prozess nicht, der Angeklagte wollte die Revision. Dabei hätte er doch am meisten zur Aufklärung beitragen können, aber im ersten Prozess war er ja nur selten anwesend“, sagt eine Nebenklägerin, deren Schwester von Tim K. getötet wurde.

Weil der Angeklagte Revision einlegte und der Bundesgerichtshof (BGH) den Verfahrensfehler monierte, muss das Geschehen vom März 2009 noch einmal in vielen Details aufgearbeitet werden, obgleich es nicht mehr viel aufzuklären gibt. Der BGH hatte die Entscheidung des Gerichts gerügt, einer Zeugin das Aussageverweigerungsrecht zuzubilligen. Es handelte sich um die Familientherapeutin der Familie des Täters. Jörg Ks. Verteidiger hatten dadurch im ersten Prozess keine Möglichkeit gehabt, die Therapeutin als Zeugin zu befragen. Das soll nun geschehen. Auch besteht für die Ärzte der psychiatrischen Klinik in Weinsberg keine Schweigepflicht mehr, so dass Jörg Ks. Verteidiger auch von ihnen interessante Aussagen erwarten.

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Im Mittelpunkt des Prozesses dürfte die Frage stehen, in welchem Umfang Jörg K. hätte gewarnt sein müssen. „Wir können uns in diesem Verfahren darauf konzentrieren, was der Angeklagte vor der Tat wissen konnte, ob er etwas voraussehen konnte“, sagte der Vorsitzende Richter. Er sei kein Prophet, aber mit großer Wahrscheinlichkeit werde das Gericht am Ende des zweiten Prozesses vom Strafmaß nicht abweichen. „Die verhängte Strafe ist die maximale Strafe, wenn ihr weiteres Leben so verläuft wie ihr bisheriges, nämlich ohne Straftaten, dann werden sie nie im Gefängnis sitzen.“

Der Angeklagte verzichtete - wie schon vor anderhalbt Jahren - auf eine persönliche Erklärung zu Beginn des Prozesses. „Die Verteidigung wird den Beweis führen, dass der Vater die Tatgeneigtheit seines Sohnes weder erkannt hat noch hat erkennen können“, sagte der Anwalt des Angeklagten. Dann spricht er von einem „Unrechtsurteil“ und provoziert damit den Staatsanwalt. „Das ist zu viel, das ist in anderen Zeiten gefällt worden“, entgegnet dieser erbost. Schließlich spricht ein Anwalt der Nebenkläger. Er müsse auch vom Zorn seiner Mandanten etwas aufnehmen. „Wie soll man sich in einem Zivilverfahren annähern, wenn man in einem Strafverfahren so konfrontativ auftritt“, sagt er und spielt damit auf Schadenersatzforderungen in Höhe von 14 Millionen Euro an, die derzeit von der Stadt Winnenden vom Angeklagten verlangt werden. Der Vorsitzende Richter versucht, die Emotionalisierung ein wenig zu dämpfen. Er verweist darauf, dass der Angeklagte schon einen Beitrag zur Aufklärung des Verbrechens geleistet habe. „Ein 60 Seiten starkes Aussageprotokoll gibt es nicht so häufig in einem Strafprozess.“

Quelle: F.A.Z.

 

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