Australiens berühmtester Kriminalfall hat nach mehr als 30 Jahren sein Ende gefunden: Eine Untersuchungsrichterin stellte am Dienstag unwiderruflich fest, dass die neun Wochen alte Azaria Chamberlain 1980 von einem Dingo oder auch von mehreren Wildhunden verschleppt und getötet worden ist. In traurigem Triumph zeigten die Eltern den neuen Totenschein.
„Es ist endlich geschafft“, sagte Lindy Chamberlain-Creighton erleichtert. Doch selbst jetzt blieben noch Fragen: Persönliche Ambitionen gewisser Leute seien dafür verantwortlich gewesen, wie in dem Fall damals ermittelt worden sei. Mit dieser Verschwörungstheorie – Namen will sie nicht nennen, solange die Personen noch am Leben sind – setzt die 64 Jahre alte vierfache Mutter die Kette erstaunlicher und manchmal bizarrer Vorgänge im Zusammenhang mit dem spektakulären Fall fort.
Die kleine Azaria war im August 1980 aus einem Zelt verschwunden, als die Chamberlains mit dem neun Wochen alten Mädchen und zwei älteren Söhnen in der Nähe des Ulurus (Ayers Rock) zelteten. Augenzeugen berichteten, dass ein Dingo um das Zelt geschlichen war. Chamberlains Schrei „Ein Dingo hat mein Baby verschleppt“ wurde berühmt-berüchtigt, sogar Hollywood nahm sich des Stoffs an: Meryl Streep rief den Satz in dem Film „Ein Schrei in der Dunkelheit“.
In Australien wurde „Lindys Schuld oder Unschuld“ zur öffentlichen Angelegenheit, sie selbst sagte am Dienstag, es habe Vorverurteilungen gegeben. Ihre Dingo-Erklärung war nach einer ersten Untersuchung durch einen Richter akzeptiert worden. Wie spektakulär der Fall ist, zeigt die Tatsache, dass das Untersuchungsergebnis erstmals in der australischen Geschichte aus einem Gerichtssaal „live“ übertragen wurde.
Vielen Australiern aber war die ruhige, emotionslose Art der Mutter suspekt. Chamberlain-Creighton räumte am Dienstag ein, dass ihr Verhalten ihr sicherlich nicht geholfen habe. Dieses Mal vergoss sie sogar ein paar Tränen, die ihr nach Ansicht vieler Australier vor 30 Jahren womöglich besser zu Gesicht gestanden hätten.
Es gab Gerüchte über ein grausames Ritual
Zudem waren die Eltern Angehörige der Siebenten-Tags-Adventisten, einer christlichen Gemeinschaft, die Misstrauen auslöste. Es gab sogar Gerüchte, Azaria sei in einem grausamen Ritual geopfert worden. Eine weitere Theorie lautete, ihr sechs Jahre alter Bruder Aiden habe seine Schwester getötet, seine Mutter wolle ihn decken. Chamberlain-Creighton sagte, ihr Sohn, der am Dienstag bei der Urteilsverkündung anwesend war, habe sich jahrelang Vorwürfe gemacht, weil er das Zelt nicht verschlossen hatte.
Die Strafverfolgungsbehörden gaben sich mit der ursprünglichen Entscheidung nicht zufrieden. Es kam zum Prozess, der im Oktober 1982 mit der Verurteilung Lindy Chamberlains wegen Mordes zu lebenslanger Haft endete. Ihr Mann, von dem sie sich 1990 scheiden ließ, erhielt eine Bewährungsstrafe von 18 Monaten. Erst als Jahre später durch Zufall das Jäckchen von Azaria gefunden wurde, rollten die Ermittler den Fall neu auf. Chamberlain wurde im Februar 1986 freigelassen.
Katastrophale und anfängerhafte Fehler in der Untersuchung der Polizei wurden aufgedeckt: So waren angebliche Blutflecken im Auto der Angeklagten in Wirklichkeit Farbreste. Die Eltern bekamen schließlich eine Entschädigung von umgerechnet mehr als einer Million Euro, die aber nicht einmal annähernd ihre Anwaltskosten deckte.
Diese beliefen sich nach Aussage von Chamberlain-Creighton auf 5,5 Millionen australische Dollar (4,4 Millionen Euro), die sie nur teilweise aus Honoraren für Interviews und Vorträge sowie Spenden decken konnte. Eine weitere Untersuchung im Jahr 1995 stellte dann noch einmal fest, dass die Todesursache Azarias nicht mit Sicherheit geklärt werden könne.
Dieses Urteil wurde nun von Untersuchungsrichterin Elizabeth Morris endgültig korrigiert. Nicht zuletzt eine Liste von mehr als 200 Dingo-Angriffen auf Menschen seit 1990 überzeugten die Richterin davon, dass die Eltern stets die Wahrheit gesagt hatten.